Wo Europa ein Sehnsuchtsort ist

Allgegenwärtig die Spuren von Krieg und Gewaltherrschaft, aber auch die Folgen der Globalisierung. Davon berichtet eindrücklich eine Reportage durch Osteuropa und über den Kaukasus bis in den Iran.

Uralte Klöster mit uralten Riten: Tatew ist eines der bedeutendsten Denkmäler Armeniens. Foto: Alamy Stock Photo

Uralte Klöster mit uralten Riten: Tatew ist eines der bedeutendsten Denkmäler Armeniens. Foto: Alamy Stock Photo

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Navid Kermani, Sohn persischer Eltern, geboren und aufgewachsen in Deutschland, ist nicht nur ein ausgewiesener Romanautor, ein kundiger Islamforscher, ein prominenter politischer Intellektueller, geehrt 2015 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Er ist auch ein ausgezeichneter Reporter. Immer wieder verlässt er sein Kölner Büro und macht sich auf in unruhige, nicht ganz un­gefährliche Regionen, so etwa nach Syrien, Pakistan, Afghanistan. 2009 geriet er in die «grüne Revolution» im Iran und entging nur knapp der Motorradstaffel einer Schlägermiliz.

Der Iran bildet auch den Endpunkt seiner neuen Reportagereise, die der «Spiegel» finanziert, logistisch unterstützt und deren Ergebnisse in Teilen abgedruckt hat. Sie führt von Deutschland «entlang den Gräben», wie es im Titel heisst: über Litauen, Weissrussland, die Ukraine (inklusive der von Russland annektierten Krim), Georgien, Aserbeidschan und Armenien bis nach Isfahan. Kriegsfronten sind darunter, heisse und «eingefrorene»; in der Ost­ukraine wird genauso gekämpft wie in Berg-Karabach, in einem bei uns völlig vergessenen Konflikt.

54-tägige Reise

Und es sind, fast ausnahmslos, Regionen, die verwüstet und gezeichnet sind von einem Weltkrieg und einem Krieg gegen die eigene Bevölkerung. Hitlers und Stalins Menschheitsverbrechen begleiten den Reporter auf Schritt und Tritt, nicht nur, weil er bewusst die einschlägigen Mahnmale, Museen und Friedhöfe aufsucht.

Vier Reisen hat Kermani im Buch zu einer zusammengefasst und nach Tagen gegliedert, sodass sich auf dem Papier eine 54-tägige Reise ergibt. Er hat sie wohl vorbereitet angetreten und organisatorisch bestens vorgespurt, hat die jeweils aussagekräftigsten Bücher für jede Region gelesen (von Historikern oder Romanciers), trifft vor Ort die Autoren oder andere Prominente, oft Verfemte oder Dissidenten, geht aber auch auf Strassenpassanten oder Ladenbesitzer zu und spricht sie an.

Aus beidem, aus Vorbereitung und Offenheit, ergibt sich die faszinierende Mischung dieses Buchs. Sie verhindert sowohl die Oberflächlichkeit des «country hopping» wie auch die Blindheit des blossen Buchwissens. Kermani ist einerseits neugierig, will überall wissen, wie die Dinge stehen, was meistens bedeutet: wie sein Gesprächspartner die Dinge sieht. Er tritt nicht als Besserwisser auf, sondern lässt auch mal ein «Ich komme nicht dahinter» stehen, wenn die Wirklichkeit der Archivmappe widerspricht. Er ist aber auch kein neutraler Schwamm, kein Aufnahmegerät für Bild und Ton, sondern verhehlt es nicht, wenn sich aus Wissen eine Haltung ergibt. Oder jedenfalls die Notwendigkeit, nachzufragen, Ideologie oder Affekten mit Informationen zu begegnen.

Kein Besserwisser

Mit erstaunlichen Folgen. So trifft er sich ganz am Anfang mit einem Funktionär der AfD und erlebt, wie die harten Parolen des Parteiredners im Einzelgespräch auf immer differenziertere Positionen zusammenschnurren. Aber diese Begegnung findet auch in einem Land statt, wo sogar die Probleme Luxus sind.

Spricht er mit Armeniern über die Nachbarn in Aserbeidschan oder umgekehrt, so waren immer die eigenen die unschuldig Attackierten, die an­deren die blutrünstigen Angreifer – jeweils mit Verweis auf ein kürzlich begangenes oder auch weit zurückliegendes Blutbad. Eine fest verfugte Weltsicht, die wohl erst in Jahrzehnten zu bröckeln beginnt – vorausgesetzt, in diesen Jahrzehnten kommt es nicht zum erneuten gegenseitigen Töten.

Eine für das Buch grössere Gefahr als die Oberflächlichkeit ist die Überfülle des Gesehenen und Gehörten, Notierten und in eine Schriftform Gebrachten. Auch dem aufmerksamsten Leser schwirrt immer wieder der Kopf, wenn sich Massengräber, Überlebende, Kirchen und Klöster, Literaturhäuser, Landschaftspoesie und Restaurantprosa abwechseln. Drängt sich die zweimonatige (in Wirklichkeit ja noch etwas längere) Reise auf rund zehn Lektürestunden zusammen, kann man schon mal den Überblick verlieren.

Nahezu auf jeder Seite gibt es für den Leser etwas zu bedenken, zu lernen, zu staunen.

Einen roten Faden zieht der Autor indes über die Landkarte und durch seinen Bericht, und der heisst Europa. Es ist, wenn wir damit Demokratie, Rechtssicherheit und Wohlstand assoziieren, also «Westen», vielen Menschen und Regionen so fern, wie ihnen die blutige Vergangenheit nahe ist. «Was bedeutet euch Europa?», fragt Kermani Gastgeber wie Zufallsbekanntschaften; die Antworten enthalten vor allem Sehnsucht. (Die andere Frage, die er stets stellt, lautet: «War es früher besser?»)

Was Europa für den Autor selbst bedeutet, hat sich womöglich auf der Reise konkretisiert. Er formuliert es, als er sich gerade in Georgien aufhält. So bedeutet der «Kern des europäischen Projektes, wie es sich im 19. Jahrhundert gegen den Nationalismus herausgebildet hat, womöglich sogar jedweder Zivilisation: dass ein Ort seine Geschichte nicht leugnet, das Vorangegangene, das Gewachsene weder abreisst noch übermalt, sondern eng beieinander bestehen lässt und damit auch die Gegenwart als vergänglich relativiert».

Also: regionale Vielfalt gegen monokulturellen Nationalismus, aber auch das Aushalten von historischer Diversität. Die Vielfalt, die es einst gab, ist vielerorts dahin, durch ethnische Säuberungen und Vertreibungen. Dazu kommt neuerdings die Monokultur der Globalisierung, die auch in den Metropolen des östlichsten Europa die bekannten internationalen Ketten installiert hat. Damit verschwindet Stück für Stück das Eigene, Autochthone, bis hin zur regionalen Küche.

Nahezu auf jeder Seite gibt es für den Leser etwas zu bedenken, zu lernen, zu staunen. Uralte Klöster mit uralten Riten auf dem Kaukasus. Der letzte Überlebende des Armenier-Genozids. Das einst von Deutschen erbaute Helenendorf in Aserbeidschan, heute Göygöl, mit Häusern, die nach 200 Jahren immer noch «tipptopp» sind. Der Flughafen von Stepanakert in Berg-Karabach, brandneu, blitzblank und voll funktionsfähig. Mit der ewigen Baustelle des Berliner BER verbindet ihn nur eines: dass von ihm noch nie ein Flugzeug abgehoben hat.

Am 15. Februar, um 20 Uhr stellt Navid Kermani sein Buch im Kaufleuten Zürich vor. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.02.2018, 09:24 Uhr

Navid Kermani

Entlang den Gräben. Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan. Sachbuch. C.H.Beck-Verlag, München 2018. 442 S, ca. 32 Fr.

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