Hintergrund

Wo das literarische Gedächtnis sitzt

Das Schweizerische Literaturarchiv in Bern ist 20 Jahre alt. Ohne Friedrich Dürrenmatt würde es heute wohl nicht existieren.

Er unterschrieb 1989 mit Flavio Cotti und Alfred Defago den Gründungsvertrag zum Literaturarchiv: Friedrich Dürrenmatt, der die Gründung des Archivs angestossen hatte.

Er unterschrieb 1989 mit Flavio Cotti und Alfred Defago den Gründungsvertrag zum Literaturarchiv: Friedrich Dürrenmatt, der die Gründung des Archivs angestossen hatte.

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Jacques Chessex setzte auf eine Lettera 22, Hermann Burger traktierte eine Hermes Baby, Otto F. Walter schwor auf eine Triumph Matura. In drei Viererreihen hat der Künstler Vaclav Pozarek die zwölf Schriftsteller-Schreibmaschinen im neu gestalteten Saal Hermann Hesse arrangiert. Dieser Schauraum im Schweizerischen Literaturarchiv, domiziliert als Annex der Nationalbibliothek an der Hallwylstrasse, gewährt den Besuchern Einblicke in die Schätze des Archivs und bildet die Spitze eines gewaltigen Eisbergs: eine 15'000 Kisten und Kartons umfassende Sammlung im Untergeschoss mit Texten, Notizen und persönlichen Gegenständen von annähernd 300 Autorinnen und Autoren.

Irgendwo in einer Kiste werden auch die Finken von Patricia Highsmith aufbewahrt, was zweierlei zeigt: Die persönlichen Gegenstände beschränken sich nicht strikt auf Objekte, die direkt mit dem Arbeitsprozess zu tun hatten. Und als sammlungswürdig gelten nicht allein Schweizer Autorinnen und Autoren, sondern auch Personen, die eng mit der Schweiz verbunden waren. Ansonsten spielen beim Entscheid, einen Nachlass ins Literaturarchiv aufzunehmen, vor allem die literarische Bedeutung, die «Kanonisierung» eines Werks und die Stellung im öffentlichen Leben eine Rolle.

Kein Dornröschenschlaf

Am Anfang dieser Geschichte steht natürlich er, Friedrich Dürrenmatt, ohne dessen Initiative das Literaturarchiv heute wohl nicht existieren würde. Der Schriftsteller hatte der Eidgenossenschaft 1988 seinen Nachlass unter der Bedingung angeboten, dass ein nationales Literaturarchiv gegründet würde. Die dort archivierten Nachlässe und Archive sollten jedoch nicht in einen Dornröschenschlaf versinken, sondern nach wissenschaftlichen Standards erschlossen und der Forschung sowie der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Manche sprechen im Rückblick von einer listigen Erpressung, schwebte doch unausgesprochen die Drohung im Raum, dass der Nachlass eines der bedeutendsten Schweizer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts sonst – wie peinlich! – ins Ausland abwandern könnte, etwa ins Deutsche Literaturarchiv in Marbach.

Am Festakt in der Nationalbibliothek am vergangenen Freitag erinnerte Peter von Matt als «Augenzeuge der Geburtswehen» des Archivs seine Zuhörerschaft an einen Sommertag im Jahr 1987, als während eines Gesprächs am Sitz von Dürrenmatts Diogenes-Verlag der «plötzliche Gedanke» aufkam, der Eidgenossenschaft das «Messer an den Hals zu setzen» und den Nachlass von Dürrenmatt mit der Schaffung eines nationalen Literaturarchivs zu verknüpfen. Wann Dürrenmatt über die Idee eines Literaturarchivs informiert worden sei, wisse er nicht, sagte von Matt: «Dass er zustimmte, war eine kulturelle und staatsbürgerliche Tat.» Von Matt erzählte vom denkwürdigen Treffen zwischen Dürrenmatt und Bundesrat Flavio Cotti im Dezember 1988. Als sich auch der Hauptgang dem Ende zugeneigt habe, ohne dass Friedrich Dürrenmatt die Nachlassfrage thematisiert habe, habe sich «eine gewisse Beklemmung» über die Runde gelegt. Schliesslich habe Cotti gewagt, den Dichter auf das eigentliche Geschäft hinzuweisen. Dürrenmatts Reaktion: «Ja, ja, den Nachlass könnt ihr haben, ihr müsst aber ein Archiv einrichten.»

«Umschlagplatz der Geschichte»

295 Nachlässe und Teilnachlässe befinden sich derzeit im Archiv – bei Betriebsaufnahme 1991 wurden rund 150 aus der Handschriftensammlung der damaligen Landesbibliothek übernommen. Unter den Archiven befinden sich 54 sogenannte Vorlässe lebender Autorinnen und Autoren – zu den jüngsten Zugängen gehören etwa Dieter Bachmann, Christian Haller, Matthias Zschokke und die 40'000 Bände umfassende Bibliothek des in Genf lebenden Universalgelehrten Jean Starobinski. Nicht zu vergessen der prestigeträchtige Nachlass von Robert Walser, der 2009 beim Umzug der Robert-Walser-Stiftung von Zürich nach Bern als Depositum ins Schweizerische Literaturarchiv gelangte.

Irmgard Wirtz Eybl, die seit 2006 das Literaturarchivleitet, setzt heute – aus finanziellen Gründen auf Kosten von Ausstellungen – den Schwerpunkt auf Forschung, internationale Vernetzung und Kooperationen mit Universitäten und Stiftungen. Als «Kopfbahnhof» bezeichnete sie in ihrer Rede das Literaturarchiv, «gleichzeitig Endstation und Ausgangspunkt für wissenschaftliche und editorische Reisen». Keiner friedhofähnlichen «Gedenkstätte» stehe sie vor, sondern einem Ort, der «als Umschlagplatz der Geschichte mit wichtigen Knotenpunkten» verbunden sei.

Halbe Million für Ankäufe

Der aktuelle Ankaufsetat beträgt eine halbe Million Franken. Gemessen an den Etats vergleichbarer Institutionen im Ausland «ist das sicher nicht wahnsinnig viel», sagte Wirtz. Wenn private Sammler die Preise in die Höhe trieben, müsse das Literaturarchiv angesichts seiner beschränkten Mittel meist passen. Schenkungen sind deshalb immer noch sehr wichtig; im letzten Jahr machten sie rund ein Drittel aller Neuzugänge aus. Gewisse Ankäufe und Grossprojekte seien heute, so Wirtz, ohne private Partner gar nicht möglich, als Beispiel erwähnt sie die Bibliothek von Jean Starobinski. Und gerade bei den Verlagsarchiven – im vergangenen Sommer schloss der renommierte Ammann-Verlag seine Pforten – sei man auf Kooperationen mit Privaten angewiesen. Ihr Anliegen ist es, die Archive von Schweizer Verlagen mit ihren Korrespondenzen und Entwürfen für die Forschung zu sichern und ins Literaturarchiv zu überführen.

Erstellt: 16.01.2011, 20:59 Uhr

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