Wolfgang Herrndorf ist tot

Der krebskranke Autor des Bestsellers «Tschick» hat sich offenbar das Leben genommen.

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Die Chronik seines angekündigten Todes konnte über mehrere Jahre lesen, wer das wollte. Nachdem bei ihm ein Glioblastom diagnostiziert worden war, ein äusserst bösartiger Hirntumor, begann Wolfgang Herrndorf nicht nur den Leidensweg der Therapien, die in diesem Fall nur Aufschub, aber nicht Heilung bedeuten konnten: Operationen, Chemo, Bestrahlungen. Er begann auch einen Blog mit dem nüchternen Titel «Arbeit und Struktur». Darin beschrieb er, was er so tat mit einem Leben, dessen Ende nicht nur unausweichlich ist wie für uns alle, sondern in Sichtweite gerückt, näher und immer näher kam. Er hielt fest, was die Ärzte sagten, was wohlmeinende Bekannte über vergleichbare Fälle zu berichten wussten, was die Fachliteratur für Erkenntnisse bereit hielt.

Mit sarkastischem Humor notierte er, wenn er die prognostizierte Restlebensdauer übertroffen hatte. Mit Wut, wenn ihm aufdringliche Fans zu nahe kamen, gar noch mit Hinweisen auf irgendwelche Wunderheiler. Der Ton war manchmal bitter, aber nie larmoyant. Ein in Ton und Haltung einzigartiges Krankenjournal, würdig der stoischen Tradition, in der es steht. Und wert, einen zentralen Platz in Herrndorfs Werk einzunehmen, wenn es einmal zum Buch gebunden sein wird.

«Tschick» wurde allein auf Deutsch eine Million Mal verkauft

Makaber mutet es an, dass Herrndorfs Durchbruch als Autor fast genau mit der tödlichen Diagnose zusammen fiel. Bis dahin war er ein Geheim-, ein Berliner Szenetipp gewesen. Begonnen hatte er als Maler, sich dann zum Comic-Zeichner entwickelt, unter anderem für die Satirezeitschrift «Titanic». Die Bilder wurden immer kleiner, die Sprechblasen immer grösser, und irgendwann – so hat er es selbst erzählt – war da nur noch Text. Es erschien der Adoleszenzroman «In Plüschgewittern» (2002), der Erzählband «Diesseits des Van-Allen-Gürtels» (2007, die Titelerzählung hatte er in Klagenfurt vorgelesen und den Publikumspreis gewonnen).

Aber dann machte es Ende 2010 «Tschick». So hiess ein schlanker, schneller, romantischer und moderner Taugenichts-Roman, ein Roadmovie durchs wilde Ostdeutschland, das Jugendliche wie Erwachsene in helle Begeisterung versetzte und Leser erreichte, die bisher keine waren. Er verkaufte sich allein auf Deutsch eine Million Mal, hat den Weg auf die Theaterbühne und in die Schulen gefunden und harrt nur noch einer kongenialen Verfilmung. Um ein Haar hätte das Buch in Leipzig einen der renommiertesten Literaturpreise gewonnen.

Er wollte bis am Ende derselbe sein

Das gelang dann 2012 «Sand», einer absurden Agentenstory aus einem namenlosen Wüstenstaat Nordafrikas, in dem Irre, Stümper und Versager aller Arten aufeinandertreffen und sich dermassen verfehlen, verkennen und ineinander verbeissen, dass sich der Leser am Ende selbst für den grössten Trottel hält. «Ein tolles Stück Prosa, ein Roman, wie es ihn so oder ähnlich noch nie gegeben hat», schrieb der TA seinerzeit.

In den letzten Monaten arbeitete Herrndorf, so gut es ging, an einem neuen Projekt, «Isa», das «Tschick» fortsetzen sollte. Und an seinem Blog – der inzwischen offenbar vom Netz genommen worden ist. Er konstatierte, was sich verschlechterte, und beharrte darauf, derselbe sein zu wollen bis zum Ende. Einer der letzten Einträge lautet: «Niemand kommt an mich heran/bis an die Stunde meines Todes./Und auch dann wird niemand kommen./Nichts wird kommen, und es ist in meiner Hand. »

In meiner Hand: Daran hat er sich gehalten. Kathrin Passig, eine von seinen engsten Freundinnen, hat über Twitter verbreitet, dass Wolfgang Herrndorf sich am Montagabend am Ufer des Hohenzollernkanals in Berlin erschossen hat.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.08.2013, 13:20 Uhr

Wolfgang Herrndorf.

Herrndorf, Wolfgang: "Tschick", Rowohlt TB, 253 Seiten, ISBN 978-3-499-25635-6, CHF 13.90.

Tschick

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