Zahlen statt Liken

Laut Jaron Lanier kompensiert die Digitalisierung jene Jobs nicht, die sie in der analogen Welt vernichtet. In seinem neusten Buch zeigt der amerikanische Philosoph und Informatiker einen Ausweg.

«Wenn wir so weitermachen wie bisher, erwartet uns wahrscheinlich eine Zeit massenhafter Arbeitslosigkeit»:Jason Lanier.

«Wenn wir so weitermachen wie bisher, erwartet uns wahrscheinlich eine Zeit massenhafter Arbeitslosigkeit»:Jason Lanier.

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«Wissen ist Macht», sagte der Philosoph Francis Bacon im 17. Jahrhundert. 400 Jahre später sagt sein Kollege Jaron Lanier: Wer den Server hat, hat die Informationen und somit die Macht. Die Verhältnisse im heutigen Internet würden durch diese Gleichung definiert. Jeder Suchauftrag, jeder Pinnwandeintrag und jeder Onlineeinkauf bestätige sie aufs Neue. Das erklärt Lanier in seinem eben ins Deutsche übersetzten Buch «Who Owns the Future?».

Im ersten Teil beschäftigt sich Lanier mit der Macht der «Sirenenserver»: «Gigantische Rechenzentren an entlegenen Orten mit einer eigenen Energieversorgung». Lanier kennt genau, wovon er spricht. Der 53-Jährige gehört zur Gründergeneration des Silicon Valley, lancierte erfolgreiche digitale Start-ups und dozierte an der Yale University. Lanier prägte mehrere Kernbegriffe der philosophischen Diskussion übers Web, so jene der «Virtuellen Realität» und des «Digitalen Maoismus». Und nun den Begriff des «Sirenenservers».

Sirenenserver ziehen einen Grossteil der im Netz kursierenden Informationen an sich. Diese werden mit Algorithmen analysiert und gebündelt. Einige Besitzer solcher Server agieren mehr oder weniger anonym, Geheimdienste etwa oder Banken, die im Hochfrequenzhandel tätig sind. Andere hingegen kennt jedes Kind: Google, Facebook, Youtube, Amazon oder Apple.Diesen Unternehmen gelingt es, aus dem Wust an Informationen, den die User bewusst oder unbewusst hinterlassen, je länger, je gezielter Profit zu schlagen. Dies könne etwa «in Form bezahlter Links bei kostenlosen Onlinediensten» erfolgen, sagt Lanier, «in Form einer automatisierten Vorstellung eines Kandidaten bei einer Wahl oder eines perfekt zugeschnittenen Kreditangebots». Gezwungen wird niemand, aber jeder wird ständig verlockt. Wenn jeder Tausendste kauft oder klickt, geht die Rechnung auf – und die Angebote können noch verlockender präsentiert werden. Es ist die Masse, welche die Besitzer der Sirenenserver reich macht. Google-Boss Eric Schmidt wird sich in diesem Jahr weitere 2,5 Milliarden US-Dollar dazuverdienen, wenn er wie angekündigt die Hälfte seines Aktienanteils abstösst. Im Web gilt also «Server gleich Macht». Zudem gilt ein ungeschriebener Vertrag zwischen den Besitzern der Sirenenserver und den Usern: «Kostenlose Dienstleistung gegen Überwachung». Der User darf Google oder Facebook ohne Bezahlung nutzen und gibt dafür private Daten preis.

Für Lanier ist das ein denkbar schlechter Deal. Wir opfern damit nicht allein unsere Freiheit, sondern untergraben auch unser eigenes ökonomisches Fundament: «Wenn wir so weitermachen wie bisher, erwartet uns wahrscheinlich eine Zeit massenhafter Arbeitslosigkeit.» Laniers Befürchtung ist nachvollziehbar, denn die vermeintlichen Gratisangebote des Webs wirken sich sehr direkt auf die analoge Welt aus. Solide Anstellungen, etwa in der Musikbranche, den Medien oder der Fotoindustrie, wurden bereits vernichtet.

Usermacht vs. Servermacht

Bald mit seiner Entwertung konfrontiert sieht Lanier das Hochschulsystem, und zwar durch das E-Learning, das Spitzenbildung zu Hause und zum Nulltarif verspricht und so Dozentenlöhne und die Uni-Infrastruktur infrage stellt.

Im Web konzentriert sich das Geld um wenige Sirenenserver und ihre Erfinder und Betreiber. Dem grossen Rest bleiben Werbekrümel, von denen kaum jemand leben kann, und Pseudojobs zu Billigstlöhnen.

Lanier überzeugt mit seiner so bitteren wie brillanten Analyse des Istzustands – trotz der unübersehbaren Schwächen, die sein Buch hat. Immer wieder scheitert der Autor beim Versuch, sein abstraktes Thema zu veranschaulichen; zu Recht entschuldigt er sich «bei meinen Lesern dafür, dass meine Bilder und Vergleiche manchmal etwas inkonsistent wirken». Auch mäandriert Lanier nicht selten in seiner Argumentation und schweift ab zu nerdigen Anekdoten aus der wilden Pionierzeit.

Unzweifelhaft lesenswert ist «Wem gehört die Zukunft?» dennoch, was auch an seinem zweiten Teil liegt. Hier skizziert Lanier eine Alternative zum Status quo, die er «humanistische Informationsökonomie» nennt. Mit ihr will er die User gegenüber den Servern ermächtigen. Lanier liefert einen wohltuend pragmatischen Beitrag zu einer Diskussion, die bisher allzu stark bestimmt wurde von reflexionsschwachen Euphorikern, reaktionären Verteidigern des Analogen und Fatalisten, die in den Entwicklungen des Webs unveränderliche Naturgesetze walten sehen.

In seinen Vorschlägen bezieht sich Lanier auf den befreundeten Philosophen Ted Nelson. Der prägte den Begriff «Hypertext» und damit die Vorstellung von Texten, die durch Links miteinander oder mit Bildern oder Videos vernetzt sind. Für Lanier ist es entscheidend, dass dieser freie Wechsel mit einer eindeutigen Angabe der Quelle einhergeht. Es geht um die Einführung von «Zweiweg-Links». Wenn irgendeine Information – und sei es bloss ein kleiner Blog-Beitrag – kopiert wird, sollte automatisch ein Link zur Originalquelle erfolgen und ebenso automatisch die Bezahlung eines Mikrohonorars. Ebenfalls mit einem automatischen Mikrohonorar abgegolten würde die kommerzielle Verwendung privater Daten durch Firmen wie Facebook.

Staatliche Online-Identität

Lanier möchte die heutige Anarchie durch eine transparente Ordnung ersetzen: «In einer humanistischen digitalen Ökonomie ist die Wirtschaft allgegenwärtig, weil jede Tätigkeit und Information mit Geld vergütet wird.» Er glaubt, dass so weit mehr Menschen als bisher im Internet ein Auskommen und die Grundlage für ein erfolgreiches Unternehmertum finden können. «Eine nelsonische Lösung bietet einen einfachen, berechenbaren Weg, Informationen ohne Grenzen oder Probleme in digitalen Netzwerken zu teilen, ohne, wie bisher, die Mittelklasse nachhaltig zu schädigen», sagt der Philosoph.

Auch plädiert Lanier für die Einführung einer einheitlichen digitalen Identität, die auf allen Webseiten gültig ist. Wie bei der analogen Identitätskarte soll dabei der Staat für Ausstellung und Verwaltung verantwortlich sein. Vielleicht missfalle uns die Idee einer allgemeinen Online-Identität, räumt Lanier ein. «Aber wenn sie nicht von staatlicher Seite eingeführt wird, wird sie irgendwann von einem Unternehmen wie Google oder Facebook durchgesetzt.»

Laniers pragmatische Vorschläge wirken heute sehr provokativ in einem Umfeld, in dem eine neue Dotcomblase zu blubbern beginnt und bärtige Heilsbringer vor LED-Wänden ihre Visionen fabulieren. Sein Ziel ist letztlich simpel, nämlich die Übertragung bewährter ökonomischer Prinzipien ins Web: «Menschen müssen andere bezahlen, wenn sie selbst bezahlt werden wollen.» Nach der Lektüre seines Buchs ist klar, dass ein Fortbestand der Gratiskultur die allermeisten von uns viel teurer zu stehen kommen würde.

Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft? Aus dem Englischen von Heike Schlatterer und Dagmar Mallett. Hoffmann & Campe, Hamburg 2014. 480 S., ca. 40 Fr.

Erstellt: 05.06.2014, 13:26 Uhr

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