Zementschuhe für den Helden

Dennis Lehane hat mit «In der Nacht» einen Krimi über einen sympathischen Gangster geschrieben. Er ist ein Meister des Dialogs, doch der deutschen Übersetzung merkt man das nicht an.

Dennis Lehane mag «kraftvolle, männliche Bücher» – und schreibt auch selber solche. Foto: Gaby Gerster (Laif)

Dennis Lehane mag «kraftvolle, männliche Bücher» – und schreibt auch selber solche. Foto: Gaby Gerster (Laif)

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Ganz schön kühn: Gleich im ersten Abschnitt seines Romans «In der Nacht» (Originaltitel: «Live by Night») lässt dieser Autor seiner Hauptfigur Zementschuhe anlegen. Auf einem Boot im Golf von Mexiko warten zwölf Bewaffnete, bis sie endlich weit genug draussen sind, dass sie Joe Coughlin über Bord werfen können. Bis es so weit ist, macht der Todgeweihte sich Gedanken darüber, wie er in diese Lage geraten ist, und sein Erfinder, der Kriminalautor Dennis Lehane, blendet von 1933 zurück ins Jahr 1926.

Wir lesen den Roman also im Wissen, dass die Hauptfigur im Meer versenkt werden soll, und wenn wir auf Seite 514 angelangt sind und uns mit Joe wieder an Bord des Bootes befinden, ist die Spannung fast nicht auszuhalten. Mit zitternden Fingern blättern wir zum Ende des Romans – oh, noch siebzig Seiten; da kann noch einiges passieren – und lesen gierig weiter.

Ja, Dennis Lehane ist ein Meister seines Fachs, und «In der Nacht» gehört zu seinen stärksten Werken. Doch im deutschsprachigen Raum sind nicht seine Bücher bekannt, sondern deren Verfilmungen. Und so bewirbt Diogenes, Lehanes neuer deutschsprachiger Verlag, «In der Nacht» denn auch mit dem Aufkleber «Vom Autor der erfolgreich verfilmten Romane ‹Mystic River› und ‹Shutter Island›». Ob das klug ist? Denn da könnte sich so mancher potenzieller Leser sagen: «Dann warte ich doch gleich auf die Verfilmung.» Tatsächlich arbeitet Ben Affleck bereits am Drehbuch zu «Live by Night». Affleck hatte 2007 schon «Gone, Baby, Gone» verfilmt, und Lehane sagte der «New York Times», dies sei ihm bisher die liebste filmische Umsetzung eines seiner Bücher: «Ben Affleck hat das Material auf organische Weise verstanden, weil er in Boston aufgewachsen ist. Er hat die meisten Szenen nicht nur im Stadtteil Dorchester spielen lassen, wo ich aufgewachsen war, sondern in genau der Pfarrgemeinde, in der ich gewohnt hatte.»

Kindheit im Arbeiterquartier

Geboren wurde Dennis Lehane 1966 eben in Bostons Arbeiterviertel Dorchester als Kind irischer Eltern. Der Vater arbeitete dreissig Jahre lang beim Versandhaus Sears & Roebuck, die Mutter in einer Cafeteria. «Wenn ich nach Hause kam, trat ich aus dem Boston der Siebziger- ins erzkatholische Irland der Vierzigerjahre», erzählte der Autor dem Journalisten und Übersetzer Sky Nonhoff. In den Siebzigern grassierte in Boston der Rassismus, und obschon die Lehanes arm waren, schickten sie Dennis als Einziges ihrer fünf Kinder auf eine katholische Privatschule.

Erste Versuche, Pädagogik oder Journalismus zu studieren, führten zu nichts. Dann nahm er in Florida einen Kurs in Creative Writing – und wurde zu einem der vielen Imitatoren von Don DeLillo und Richard Yates, dem Autor von «Revolutionary Road». Eine spannende Geschichte zu erzählen, war verpönt. Je weniger in einem Buch passierte, als desto literarisch anspruchsvoller galt es.

Was ihn aus dieser Sackgasse herausholte, waren Romane wie die Drogenhändlergeschichte «Clockers» von Richard Price oder der Neowestern «All the Pretty Horses» von Cormac McCarthy, «kraftvolle, männliche Bücher», wie Lehane sie nennt. Noch während seines Studiums arbeitete er als Sozialarbeiter – zuerst mit geistig Schwerbehinderten, dann mit jugendlichen Gewalttätern, von denen viele sexuell missbraucht worden waren.

Das war eine entschieden andere Welt als die der Richard-Yates-Imitatoren, und sie floss ein in Lehanes ersten Roman über das Bostoner Ermittlerpaar Patrick McKenzie und Angela Gennaro, «A Drink Before the War» (1994). Unterdessen gibt es fünf weitere McKenzie-Gennaros, einer davon ist das bereits erwähnte «Gone, Baby, Gone» (1998), der jüngste heisst «Moonlight Mile» (2010) nach einem Song der Rolling Stones. Nicht zur Serie gehören «Mystic River» (2001), den Clint Eastwood mit viel Pathos verfilmte, das Verwirrspiel «Shutter Island» (2003) und Lehanes erster historischer Roman, «The Given Day» (2008), ein 700-Seiten-Wälzer über die Arbeiterbewegung, den Kampf der Armen gegen noch Ärmere und den Streik der Bostoner Polizisten 1919.

Ein historischer Roman ist auch «In der Nacht». Sein Held ist Joe Coughlin, 1926 noch 19 Jahre alt, irischer Abstammung und ein kleiner Gangster, der im Auftrag eines grösseren ein «speakeasy» überfällt, also ein Lokal, in dem illegalerweise Schnaps ausgeschenkt wird. (Von 1920 bis 1933 war in den USA das Herstellen, Importieren und Konsumieren alkoholischer Getränke streng verboten.) Bei diesem Überfall lernt Joe die Kellnerin Emma Gould kennen und verliebt sich in sie. Dummerweise ist Emma aber auch die Geliebte des Gangsters Albert White, und diesem passt es nicht, dass sein Liebchen noch mit einem anderen herummacht. Die Liaison mit Emma passt auch Joes Vater nicht, Bostons stellvertretendem Polizeipräsidenten.

Hinter Gittern

Nach einem missglückten Banküberfall, bei dem drei Polizisten getötet werden, tappt Joe in eine Falle und wird zu fünf Jahren und vier Monaten Gefängnis verurteilt. Was folgt, ist der stärkste Teil von «In der Nacht»: Auf schmerzlichste Weise lernt Joe die Hierarchien im Gefängnis kennen und wird von einer Fraktion angeheuert, um den Chef einer anderen umzubringen. Wie Lehane das beschreibt, ist von einer kaum erträglichen Präzision und Eindringlichkeit, die an Jacques Audiards meisterhaften Film «Un prophète» (2009) erinnert. Und tatsächlich ist Lehane beauftragt worden, das Drehbuch zum amerikanischen Remake dieses Gefängnisdramas zu schreiben.

Lehane ist ein Meister des Dialogs, doch davon ist in der deutschen Übersetzung von Sky Nonhoff wenig übrig geblieben. Ein Beispiel soll für viele gelten: Joe sitzt mit seinem besten Kumpel, dem hartgesottenen Gangster Dion, in Florida auf einer Veranda und fragt, was sich da durchs Unterholz bewege. «Alligatoren», antwortet Dion.

«You're pulling my leg», meint darauf Joe – wörtlich: «Du zerrst an meinem Bein», was so viel heisst wie «Du willst mich auf den Arm nehmen» oder «Du willst mich verarschen».

«No, but they will», sagt Dion.

Bei Nonhoff liest sich die Passage so: «Du willst mich verarschen.»

«Nee», sagte Dion. «Eher beissen die dich in den Allerwertesten.»

«Allerwertester», das ist ein Wort, das Klosterschülerinnen verwenden würden, aber kein amerikanischer Gangster. Und so geziert geht es leider weiter. «Just don't go in the water», rät Dion auf Englisch einmal. Auf Deutsch witzelt er: «Also, mach lieber einen grossen Bogen ums kühle Nass.»

Wer kann, liest Lehane also besser auf Englisch. Oder wartet tatsächlich auf die Verfilmung.

Dennis Lehane: In der Nacht. Roman. Aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff. Diogenes, Zürich 2013. 592 S., ca. 33 Fr.

Dennis Lehane liest am 20. März im Zürcher Kaufleuten.

Erstellt: 23.12.2014, 11:25 Uhr

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