Zwiegespräch mit dem Heupferd

Hans Magnus Enzensberger erinnert sich in «Tumult» an die wilden Jahre um 1968. Bei allen Pirouetten gibt er mehr von sich preis, als er wohl selbst im Sinn hatte.

Der unlängst verstorbene René Burri fotografierte Hans Magnus Enzensberger 1960 in München. Foto: René Burri (Magnum Photos)

Der unlängst verstorbene René Burri fotografierte Hans Magnus Enzensberger 1960 in München. Foto: René Burri (Magnum Photos)

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Leichen hat er nicht im Keller, auch nicht im übertragenen Sinne. Aber Pappschachteln mit alten Notizen. Darin durften kürzlich zwei Archivare aus ­Marbach wühlen, und was sie zutage ­förderten, überraschte den Autor so sehr, dass er sich selbst mit den Funden zu beschäftigen begann.

Sie stammten aus der wohl auf­regendsten Zeit im Leben des Schriftstellers: den späten Sechzigerjahren, als die westliche Welt von einer Bewegung erfasst wurde, die wir heute «68» nennen. Die akademische Jugend folgte marxistischen Lehren und hegte re­volutionäre Hoffnungen. Enzensberger war dabei, mittendrin und doch über ­allem. Wie es nun genau war – mit der Kommune 1, mit der RAF, mit seinem ­kubanischen Jahr: Auf solche Fragen reagierte der Schriftsteller stets mit ­einer eleganten Pirouette. So wichtig sei das doch nicht, andere Biografien seien spannender, genau erinnere er sich ­sowieso nicht. «Mein Gedächtnis gleicht einem Sieb, in dem wenig hängen bleibt», heisst es auch in dem neuen Buch.

Der Jüngere sieht alt aus

Zum Glück hat er damals ein Sieb ­benutzt, in dem einiges hängen geblieben ist. Er hat sich zeitweise Notizen ­gemacht, und an die notizenlose Zeit ­nähert er sich mit einer Methode an, die er schon immer geliebt hat und die sich hier als biografisch ergiebig und literarisch fruchtbar erweist: dem Dialog. Denn «der Mensch war mir fremd, den ich in den Papieren angetroffen habe. Dieses Ich war ein anderer. Ich sah nur eine Möglichkeit, mich ihm zu nähern: den Dialog mit einem Doppelgänger, der mir wie ein jüngerer Bruder vorkam, an den ich sehr lange Zeit nicht mehr ­gedacht hatte».

Dieser Bruder wird befragt, mal einfühlsam, mal inquisitorisch, und der Frager lässt dem Befragten – er kennt ihn ja gut genug – kein Ausweichmanöver durchgehen. Ein spannendes Erinnerungspingpong: Der eine hat viel vergessen, der andere von manchem noch nie gehört; und doch kann man nicht sagen, dass der eine alt, weil von damals, der andere jung, weil von heute ist. Oft ist es umgekehrt, und der, der sich erinnert, verjüngt sich dabei, während der Frager gerade durch sein historisches Besserwissen zuweilen alt aussieht.

«Es ist keine Kunst, hinterher klüger zu sein. Aber dann hat man längst ver­gessen, wie es damals zuging», belehrt HME 1 HME 2. Wie es damals zuging – das möchten alle Historiker gern wissen. Enzensbergers Antworten werden sie nicht befriedigen; wohl aber den lite­rarischen Leser, den die Suche nach der Wahrheit, frei nach Lessing, mehr befriedigt als diese selbst. «Damals» herrschte eben auch ein grosser Tumult in den Köpfen, und den kann keine ­Erinnerung so ordnen, dass eine ­stringente Erzählung daraus wird.

Mit Badehose beim Roten Zaren

«Ich fühle mich uralt und springe herum wie ein Heupferd», heisst es in­ ­einem Brief des gerade 40-Jährigen, und als Heupferd hüpft auch der Autor durch dieses Buch. Schon die Schauplätze! Berlin, Tjøme in Norwegen (wo er eine Zeit lang mit seiner ersten Frau und der Tochter Tanaquil lebt), Rom, Paris, Moskau, Phnom Penh, Havanna, Le­ningrad . . . Hier ein Stipendium, da ein Schriftstellertreffen, eine Gastdozentur, ein politischer Kongress. «Eigentlich ging es mich gar nichts an, aber ich war zufällig dort» – eine typische Enzens­berger-Bemerkung. Auch all die Ein­ladungen, Stipendien, Flugbillette seien ihm halt per Post ins Haus geflattert.

Ganz anders die Erinnerung eines Hans Werner Richter, Spiritus Rector der Gruppe 47 und zusammen mit Enzensberger Gast eines Schriftsteller­treffens in Leningrad. In seinen Erinnerungen verzeichnet Richter nicht ohne Neid, wie der international noch völlig Unbekannte sich in wenigen Tagen zum Star aufschwingt. Der ist es auch, der von Chruschtschow nach Sotschi ein­geladen wird und mit dem Roten Zaren im Schwarzen Meer schwimmen geht (allerdings nicht, wie HME jetzt be­richtigt, in Chruschtschows Badehose, sondern einer für Gäste).

Das war 1963, und von dieser Reise bleibt ein scharfsinniges Porträt des ­uncharismatischen Sowjetführers zurück. Bei der nächsten Reise, sie führt bis an die Ränder des Vielvölkerstaates, lernt er Maria Makarowa kennen, es trifft ihn wie der Blitz, und es beginnt, was Enzensberger seinen «russischen Roman» nennt. Der bildet so etwas wie den roten Faden in diesem Tumult. Denn, das verhehlt der Autor im Rückblick nicht, manche scheinbar politische Lebensentscheidung war der Beziehung zu «Mascha» geschuldet, die noch einmal eine Chance bekommen sollte, und sei es durch einen Ortswechsel.

«Was hast du dir gedacht?»

So auch der Entschluss, 1968 die USA zu verlassen, wo das Paar eine luxuriöse Gastdozenten-Existenz («14 Zimmer, 3 Bäder») an der Wesleyan University in Connecticut führte. Mit einem Brandbrief an den Universitätspräsidenten – «Ich halte die Klasse, die die USA beherrscht, für die gefährlichste mensch­liche Gruppierung der Erde» – brach er die Brücken zum kapitalistischen Lager ab und folgte einer Einladung nach Kuba, wo seit zehn Jahren Fidel Castro einen karibisch-lebenslustigen Sozialismus installiert hatte.

Na ja, ganz so war es dann nicht, ­weder mit den abgebrochenen Brücken noch mit der karibischen Lebenslust. Immerhin fühlten Mascha und er sich wohl hier und hielten mit den Lebensmitteln, die sie in privilegierten Läden kaufen durften, kubanische Freunde frei. Aber auch dieser Sozialismus funktionierte nicht, zu dieser Erkenntnis trugen Einsätze als Kaffeepflanzer und bei der angeordneten Rekordzuckerrohr­ernte bei. Die Sympathie für Land, Leute und Klima – und vielleicht die Erinnerung an die beste Zeit mit Mascha – ­flackert noch auf im Rückblick von ­Enzensberger, der kürzlich 85 wurde. ­­

Und der «russische Roman»? Trotz der Literarisierung: Noch nie hat sich Enzensberger so privat geäussert. ­Mascha war eine faszinierende, aber äusserst anstrengende Frau, labil, eifersüchtig und unglücklich. Sie fühlte sich, nachdem Enzensberger sie aus der ­Sowjetunion herausgeholt hatte, nirgendwo zu Hause, auch nicht im Leben, und bereitete ihrem Mann Himmel und Hölle zugleich. Er verabscheue Handgreiflichkeiten, schreibt er, «trotzdem wundert es mich, dass ich Mascha nicht beim Morgengrauen erwürgt habe. Mehr als einmal war ich nahe daran.»

Der Kampf um ihre Ehe endet Anfang der Siebzigerjahre mit der Trennung; 1991 bringt sich Mascha um. Da lagen die tumultuösen Jahre schon lange, lange zurück, so lange, dass der eine HME den anderen immer wieder fragt: «Was hast du dir eigentlich dabei ­gedacht?» Etwa bei der Teilnahme an seltsamen Happenings der Kommune 1, in der auch Enzensbergers Bruder ­Ulrich lebte.

Versteck den Baader!

Cool wie heute muss er in entscheidenden Augenblicken aber immer gewesen sein. So, als Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin bei ihm aufkreuzten, mitsamt Andreas Baader, den sie gerade aus dem Gefängnis befreit hatten. Enzensberger sollte sie verstecken. Der wies auf einen VW hin, der seit längerem vor seinem Haus parkte und ihn zweifellos überwachte: Bei ihm seien sie nicht sicher.

Klug und geschickt war er immer, und ein Glückskind dazu. Anders als die Verlierer der «Bewegung», die es auch gab und denen er dieses Buch widmet: den Opfern des eigenen Idealismus, der rigoroser werdenden Verfolgung, der Fraktionskämpfe. Denen auch, die nicht mehr erleben konnten, wie sich Deutschland von einem miefigen Obrigkeitsstaat in ein Land wandelte, in dem es sich gut leben lässt. Gerade die heftigen Angriffe auf das «System» haben dieses optimiert und anpassungsfähiger gemacht. So das dialektische Fazit eines faszinierenden Buches, in dem der Autor mehr preisgibt, als er wohl selbst vorhatte.

Hans Magnus Enzensberger: Tumult. Suhrkamp, Berlin 2014. 288 S., ca. 33 Fr.

Erstellt: 16.11.2014, 18:29 Uhr

Hans Magnus Enzensberger: Tumult. Suhrkamp, Berlin 2014. 288 S., ca. 33 Fr.

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