Zwischen Wahn, Wirklichkeit und Lügen

Krimi der Woche: In ihrem Psychothriller «Manchmal lüge ich» spinnt die Britin Alice Feeney ein Netz aus Wahn, Wirklichkeit und Lügen.

Als leichte Schauderlektüre für die Weihnachtstage eignet sich «Manchmal lüge ich» von Alice Feeney durchaus.

Als leichte Schauderlektüre für die Weihnachtstage eignet sich «Manchmal lüge ich» von Alice Feeney durchaus. Bild: privat

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der erste Satz:
Ich habe den freien Fall zwischen Schlaf und Aufwachen immer gemocht.

Das Buch:
Dass eine Icherzählerin aus dem Koma erzählt, irritiert am Anfang etwas: «Ich bin auf meine Werkseinstellungen zurückgesetzt worden, eher menschliches Etwas als menschliches Wesen.» Amber, die nach einem Unfall – war es wirklich ein Unfall? – im Spital im Koma liegt, bekommt offenbar mit, was um sie herum geschieht, wer sie besucht, was das Personal tut. In ihre Erzählung aus dem Koma mischen sich aber auch Erinnerungen und Vorstellungen. Und manchmal lügt die Erzählerin auch, wie sie gleich zu Beginn eingesteht und wie es der Buchtitel signalisiert.

«Manchmal lüge ich» heisst der Psychothriller von Alice Feeney; es ist der erste Roman der englischen Journalistin. Sie hat ein ziemlich komplexes Netz aus Wahn, Wirklichkeit und Lügen gesponnen. Im Lauf der Geschichte erweist sich vieles, was man vorher angenommen hat, als falsch. Auch einzelne Figuren sind nicht die, die sie zu sein schienen – bei manchen muss man sich mit der Zeit sogar fragen, ob sie wirklich existieren –, und je länger die Geschichte dauert, umso mehr neue Verbindungen und Beweggründe für das Handeln der Beteiligten werden offenbar.

Es ist Vorweihnachtszeit. Amber, die ihren Mann verdächtigt, ein Verhältnis zu haben, womöglich mit ihrer Schwester, arbeitet beim Radio für eine grosse Morgensendung. Die überhebliche Moderatorin der Morgenshow will Amber loswerden. Doch diese entwickelt einen fiesen Plan, um den Star der Sendung zu Fall zu bringen. Und dann taucht ein Ex von Amber auf. Am Weihnachtstag spitzen sich familiäre Auseinandersetzungen zu. Und Amber liegt im Koma.

Alice Feeney erzählt die Geschichte auf drei parallelen Ebenen. Da sind einmal («Jetzt») die Beobachtungen, Empfindungen, Erinnerungen, Vorstellungen, Reflexionen und vielleicht auch Lügen, die Amber uns aus dem Koma erzählt. Und dann gibt es die Icherzählung aus den Tagen vor dem Unfall («Zuvor»), der aber auch nicht unbedingt immer zu trauen ist. Die dritte Ebene («Früher») bilden Tagebuchauszüge aus der Kindheit, aus denen sich mit der Zeit immer mehr überraschende Zusammenhänge zeigen. Dabei nimmt die Geschichte in ihrem Verlauf immer wieder unerwartete Wendungen. Und immer mehr stellt sich die Frage: Wer ist hier wirklich Opfer, wer Täter? Sind nicht alle im Grunde beides?

Die insgesamt reichlich bizarre Geschichte ist letztlich zu sehr auf die Twists hin konstruiert, welche die Leser verblüffen sollen, um über das Niveau handwerklich solid gemachter Unterhaltungsliteratur hinauszukommen. Als leichte Schauderlektüre für die Weihnachtstage eignet sich der Roman aber durchaus.

Die Wertung:

Die Autorin:
Alice Feeney, geboren circa 1979, ist eine englische Journalistin und Autorin. Sie arbeitete während 16 Jahren bei der BBC, wo sie als Reporterin, News-Redaktorin sowie als Produzentin in den Bereichen Kultur und News tätig war. «Sometimes I Lie» ist ihr erster Roman. Schon mit dem Plan dafür besuchte sie den Lehrgang «Writing a Novel» an der Faber Academy in London, und nach ihrem Abschluss sollen sich 15 Agenten für ihren Roman interessiert haben. Der englische Verlag HQ, ein Imprint von HarperCollins, kaufte die Rechte für zwei Romane für einen sechsstelligen Betrag. Inzwischen sind die Rechte in mehrere Länder verkauft, und eine Verfilmung ist geplant. Auf 2019 ist der zweite Roman von Alice Feeney angekündigt, «Sometimes I Kill». Nachdem sie in London und in Sydney gelebt hatte, hat sie sich mit ihrem Mann und ihrem Hund auf dem Land in der südenglischen Grafschaft Surrey niedergelassen.

Alice Feeney: «Manchmal lüge ich» (Original: «Sometimes I Lie», HQ/HarperCollins, London, 2017). Aus dem Englischen von Karen Witthuhn. Rowohlt, Hamburg, 2017. 382 S., ca. 18 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.12.2017, 13:27 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Artikel zum Thema

Von der eigenen Vergangenheit eingeholt

Krimi der Woche: Die Kanadierin Sheena Kamal schuf für ihr Debüt «Untiefen» eine originelle Ermittlerin. Mehr...

Ein Buch, um Spielschulden zu begleichen

Krimi der Woche: «Der Sonnenschirm des Terroristen» des Japaners Iori Fujiwara von 1995 zählt zu den besten Krimis, die dieses Jahr auf Deutsch erschienen sind. Mehr...

Politik ist ein schmutziges Geschäft

Krimi der Woche: «Der Mordida-Mann» von Ross Thomas ist aus dem Jahr 1981. Derartige ebenso intelligente wie witzige Politthriller gibt es heute leider kaum noch. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Stadtblog Das Apfelbäumchen im zehnten Stock

Mamablog Acht richtig gute Kinderbücher

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Actionthriller wird zum Lehrstück über Gewalt

Krimi der Woche: Der amerikanische Rechtsanwalt Douglas E. Winter setzt mit seinem beinharten Roman «Run» Massstäbe für Noir-Thriller. Mehr...

Es wird getrunken, geprügelt und gemordet

Krimi der Woche: Spannend, witzig und auch tiefsinnig ist das rabenschwarze Krimidebüt «Eight Ball Boogie» des Iren Declan Burke. Mehr...

Ein bizarrer Mord und politische Verwicklungen

Krimi der Woche: Die Nordirland-Thriller von Adrian McKinty sind hart und gnadenlos realistisch, aber auch witzig. Mehr...