Abschied vom Ich

Ben Lerners hoch komischer Roman «22:04» lässt einen Dichter durch die digitale Welt stolpern. Ein aufregendes Buch über unsere Zeit und die Suche nach einer Utopie.

Am Ort des fiktiven Geschehens: Schriftsteller Ben Lerner bei einem Besuch im Metropolitan Museum in New York. Foto: Jake Naughton (Redux, Laif)

Am Ort des fiktiven Geschehens: Schriftsteller Ben Lerner bei einem Besuch im Metropolitan Museum in New York. Foto: Jake Naughton (Redux, Laif)

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Das Problem des Erzählers ist, dass seine Aorta jederzeit reissen könnte – was er sich als «wild schlenkernden Schlauch» vorstellt, der «Blut in mein Blut spritzt». Wie unrichtig auch immer diese Vorstellung ist, sie belastet den namenlosen Helden in Ben Lerners Roman «22:04» sehr. Man kann ihn sich, wie ungenau auch immer, als Version des echten Ben Lerner vorstellen, der tatsächlich am Marfan-Syndrom leidet, einer Erbkrankheit, die zum Riss der Aortenwand führen kann. Deren Durchmesser muss man regelmässig überprüfen – eine zusätzliche Qual für den Helden von «22:04», der ohnehin an neurotischer Selbstbeobachtung leidet.

Der Mann ist Dichter, wie der 36-jährige Autor Lerner selbst, der Sonette veröffentlicht hat, 2015 den «Genius Grant» der MacArthur-Stiftung erhielt und am Brooklyn College in New York Schreibkurse gibt. Auch der Protagonist in Lerners erstem Roman «Abschied von Atocha» war schon Lyriker, er fuhr mit einem Stipendium nach Madrid, wo er versuchte, Frauen zu beeindrucken, deren Spanisch er kaum verstand. Im Prado sah er einmal einem Besucher zu, der vor einem Gemälde in Tränen ausbrach: Der musste eine «tief gehende Kunsterfahrung» haben, etwas, das der Dichter gar nicht kannte. Ihm blieb einzig das panische Herumirren als Künstler – mit Gefühlen zweiter Ordnung und ironischer Brechung alles Echten.

Jahrhundertsturm in New York

So scheint es im neuen Roman weiterzugehen. Auch der Dichter in «22:04» wird von Angstzuständen geplagt; abermals sucht ein apokalyptisches Ereignis, ein Jahrhundertsturm, die Stadt heim. Diesmal ist es New York, und diesmal geht der Lyriker nicht allein durchs Museum. An seiner Seite ist die enge Freundin Alex, die ein Kind von ihm will, aber nicht mit ihm ins Bett, denn, wie sie klarstellt, «mit dir zu vögeln wäre bizarr». Sie planen also die künstliche Befruchtung, wozu der Dichter die Samenbank betritt und zwecks Stimulation den erstbesten Porno auswählt, während er mit heruntergelassenen Hosen zum Waschbecken hoppelt, um seine Probe nicht zu verunreinigen.

Ben Lerner ist ein Meister des physischen und mentalen Slapsticks: Während eines Atelieraufenthalts in Texas zieht der Dichter probehalber eine Linie Koks hoch, und der kleine Sohn einer Kollegin, den er ab und zu hütet, dringt gern als imaginärer Fragensteller in seine Selbstgespräche ein – so wie die Teenager, die sich neben ihn auf die Bank setzen, ihre Finger auf dem Handydisplay. Die Screens sind sowieso überall, und immer, wenn der Dichter wichtige News erhält, spürt er, wie sich um ihn herum «die Welt neu ordnet».

Das tut auch Lerner, er organisiert die Welt und die Erfahrung der digitalen Zeit in einem Roman, dessen verschiedene Teile – die Haupterzählung, eine Kurzgeschichte, die der «New Yorker» veröffentlicht hat, Auszüge aus einem Gedicht – allein durch die Virtuosität der Sprache zusammengehalten werden. Motive kehren wieder, werden verformt, kriegen Spin. Lerner legt so ein Muster an, mit dem er das Kleine beschreibt und dem Grossen eine Form gibt.

Ben Lerners neuer Roman beschreibt ein Jetztgefühl:  die stolpernde Suche des Ich nach einem Wir.

«Es geht darum, wie das Motiv des kleinen Unterschieds immer wieder auftaucht», sagt er im Skype-Gespräch. «Dass etwas gleich ist, aber ein wenig anders, ist Teil der gestalterischen Kraft der Sprache. Aber darin steckt auch die Idee, dass wir nicht verzweifeln müssen angesichts der Welt und der Macht des Kapitals. Sondern versuchen, jene kleinen Momente zu fassen zu kriegen, die aus einer künftigen Welt stammen könnten. Wo es ist wie bei uns, nur ein wenig anders. Das ist der Schimmer der Möglichkeiten.»

Alles wird sein wie hier, nur ein klein wenig anders – der Satz ist dem Buch als Motto vorangestellt. Er enthält den utopischen Kern eines Romans, der ein Jetztgefühl beschreibt: die stolpernde Suche des Ich nach einem Wir. Statt der privaten Kunsterfahrung sucht Lerners Dichter nach einer Art, die Wahrnehmung «gemeinsam zu konstruieren» – so die nüchterne Übersetzung der originalen Wortschöpfung «coconstruct». Es ist der Versuch, aus dem Ich-Kopf des Dichters herauszugelangen und eine Gemeinschaft zu imaginieren. Der Occupy-Demonstrant, den der Dichter bei sich duschen lässt, bringt ihn auf die Idee, seinen Besitz der Allmende zu überlassen; in der Tasse Instantkaffee, die er anstarrt, erkennt er plötzlich die sozialen Verhältnisse, die zu ihrer Herstellung nötig sind. «Ja, das ist eigentlich Marx als Prosa», so Lerner.

Noch immer hat diese Prosa einen ironischen Unterton, den Sound eines gebildeten postmodernen Autors. Gegenüber seiner Agentin sagt der Erzähler, er wolle sich in seinem nächsten Buch von der Ironie zur Aufrichtigkeit durcharbeiten – aber selbst das klingt nicht richtig aufrichtig, sondern mehr wie eine poetische Pointe. «22:04» handelt da auch von den Widersprüchen im Simulationslabor der Existenz, in dem wir uns ständig selbst überwachen, Gesagtes zurücknehmen, im Virtuellen verkapseln und Geschichten über uns selbst erzählen, um uns in den Schlaf der Identität zu singen. Aber wenn es darum geht, die Chance zu packen, dass alles ein wenig anders sein könnte, wird «22:04» ernst. «Das Buch spürt dem verrückten Traum einer wirklichen sozialen Möglichkeit nach», sagt Lerner. Nicht als temporäre Verbundenheit während eines Supersturms, sondern als «Zusammen-Schauen»: «Als ernsthafter Versuch, den Blick gemeinsam auf etwas zu richten.» Deshalb das Museum: «Zusammen ein Kunstwerk zu betrachten, ist ein sehr kleines Modell sozialer Kollaboration.»

Zurück in die Zukunft

Im Metropolitan Museum schauen sich Alex und der Dichter das Gemälde «Jeanne d’Arc» von Julien Bastien-Lepage an, das Lerner mit dem Science-Fiction-Film «Back to the Future» verbindet: Dort schlägt um 22.04 Uhr der Blitz in den Rathausturm ein, und Marty reist zurück in die Zukunft. Ein Buch zur Zeit wird damit zum Roman über die Zeit: So wie sich die Figuren in die «Zukunft projizieren», so zerbrechen manche Erzählungen, nach denen sie gelebt haben. Auch das ein utopischer Gedanke: In der tief gehenden Erfahrung, nicht mit sich selbst identisch zu sein, flackert bei allem Horror der Erkenntnis auch ein mögliches anderes Leben auf. Lerner: «Wir werden daran erinnert, dass wir ständig Fiktionen konstruieren und decodieren. Und merken, dass wir die Freiheit haben, gemeinsam neue Erzählungen hervorzurufen.»

Vorerst bleibt der Dichter in «22:04» eine flimmernde Existenz zwischen unserer Welt und der künftigen. Ein Samenspender mit symbolischem Kapital für seinen noch ungeschriebenen nächsten Roman. Aber er projiziert sich in die Zukunft – so wie Alex, deren Blick aufs Gleiche gerichtet ist. Und so wie der Leser, der mit Ben Lerner die Geschichte von «22:04» ko-konstruiert. Das sind erst zwei, aber es wäre schön, die Gruppe würde gross und grösser.

Ben Lerner: 22:04. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Rowohlt 2016, 320 S., ca. 27 Fr.

Leseprobe Verloren in der digitalen Welt

lerner.tagesanzeiger.ch

Erstellt: 21.01.2016, 18:03 Uhr

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