Älteste Version von Mittelalter-Sexgedicht entdeckt

In «Rosendorn» aus dem Jahr 1300 geht es so schlüpfrig zu, dass sogar Experten erstaunt sind.

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Eine Jungfrau («junkfrouwe»), die mit ihrer Vagina («fud») darüber streitet, welche der beiden von Männern bevorzugt wird – das ist der Inhalt des mittelalterlichen Gedichts «Rosendorn». Nun wurde eine Version aus dem Jahr 1300 gefunden – 200 Jahre älter als vermutet.

Die älteste Version des freizügigen Dialogs fanden Forscher jetzt im niederösterreichischen Stift Melk. Bisher waren zwei jüngere Fassungen bekannt: der «Codex Dresden» und der «Karlsruher Codex». Der Fund der Melker Variante ist deshalb von Bedeutung, weil man bisher davon ausging, dass erst ab etwa 1500 ein derart freizügiger Umgang mit Sexualität möglich war.

Kurz gefasst geht es in dem Text um eine «junkfrouwe», deren «fud» plötzlich sprechen kann. Die Vagina hält der Jungfrau vor, zu viel auf ihr Aussehen zu geben, wo doch eigentlich sie es sei, die die Männer begehren. In der Folge gehen beide getrennte Wege, was wiederum keine der beiden glücklich werden lässt, und so kommt es am Schluss zur Wiedervereinigung.

So bizarr der Text auch erscheint, «im Kern ist die Geschichte auch unheimlich klug. Es wird vorgeführt, dass man die Person sozusagen nicht von ihrem Geschlecht trennen kann», sagte Christine Glassner vom Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) im Gespräch mit der APA.

Eigentlich ein Abfallschnipsel

Die Wissenschaftlerin stiess in der Stiftsbibliothek Melk auf einen unscheinbaren Pergamentstreifen, der als Teil eines Einbandes eines jüngeren dort auf Latein geschriebenen theologischen Buches diente. Dabei handelte es sich einst um eine gängige Methode, um wertvolles Pergament wiederzuverwenden. Die ursprüngliche Seite wurde dafür zerschnitten. «Auch so kleine Reste können aber sehr interessant sein, wie sich das auch hier gezeigt hat», sagte Glassner.

Bei einem wissenschaftlichen Workshop am Stift wurde der schmale Streifen, der pro Zeile nur wenige Worte oder Wortteile zeigt, von Nathanael Busch von der Universität Siegen (Deutschland) als Fragment des «Rosendorns» identifiziert - für Glassner eine «ganz ausserordentliche Leistung». Beschrieben wurde der aufsehenerregende Fund im Rahmen des deutschen Projekts «Handschriftencensus», das sich um die Erhaltung des kulturellen Erbes bemüht.

Habens die Mönche geschreddert?

Bisher gingen Mittelalterexperten davon aus, dass ein derartiger Umgang mit Sexualität erst zum Ende des Mittelalters, nämlich in der städtischen Kultur des 15. Jahrhunderts aufkam, wie die für das Projekt verantwortliche Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz am Mittwoch mitteilte. Der Fund aus dem Stift Melk stellt diese Einordnung allerdings auf den Kopf, da diese Zeilen laut den Forschern schon um das Jahr 1300 geschrieben wurden. «Das ist natürlich bedeutend für die Interpretation dieser kleinen Geschichte», so Glassner.

Diese Abschrift mache eben deutlich, «dass man schon viel früher so frei mit Sexualität umgegangen ist». Derartige Texte wurden also bereits vor 1300 gedichtet und möglicherweise szenisch aufgeführt. Allerdings wurden sie offenbar selten aufgeschrieben und haben noch seltener die vielen Jahrhunderte überdauert.

«Dass so ein Text in einer Klosterbibliothek gefunden wurde, ist natürlich interessant», sagte Glassner. Darüber, ob es sich bei dem Melker Fund um ein gerade im Kontext der Stiftsbibliothek unpassendes und daher quasi geschreddertes Exemplar handle, könne man laut der Wissenschaftlerin «wirklich nur sehr mutmassen». Denkbar sei auch ein deutlich pragmatischerer Ansatz: Nämlich, dass auf den Inhalt des Textes des als Bindematerial verwendeten Pergaments überhaupt nicht geachtet wurde.

(SDA)

Erstellt: 24.07.2019, 14:02 Uhr

Das Fragment


Fragmente des besagten Gedichtes. Quelle: Melk, Benediktinerstift, Fragm. germ. 8. Der Rosendorn (Fragement) (deutsch), Pergament, 1 Längsstreifen, um 1300.

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