Agentenspiel ohne Sinn und Zweck

Krimi der Woche: Der amerikanische Bestsellerautor Chris Pavone inszeniert in «Der Informant» das Agentenleben als Gesellschaftsspiel.

Ein am Reissbrett konzipierter, seelenloser Plot, bei dem schon die Schauplätze wie fürs Kino ausgesucht sind: Chris Pavones neuer Roman «Der Informant».

Ein am Reissbrett konzipierter, seelenloser Plot, bei dem schon die Schauplätze wie fürs Kino ausgesucht sind: Chris Pavones neuer Roman «Der Informant». Bild: Nina Subin/Penguin

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der erste Satz:
Die Tür fliegt auf.

Das Buch:
Das Erste, was nervt an diesem Buch, ist gleich zu Beginn seine Geschwätzigkeit. Da wird auf mehr als zwei Seiten erzählt, wie ein Zeitungsverträger in New York die Zeitung austrägt. Wir erfahren dabei allerlei Sachen, wie zum Beispiel, wo er sein Auto gekauft hat. Alles nur, um Will Rhodes am frühen Morgen aus dem Schlaf aufschrecken zu lassen, wie sich am Ende des Buches erweist. Auf den über 500 folgenden Seiten gibt es keinen Bezug mehr zu dieser ausschweifenden Zeitungsverträger-Szene. Nicht dass ein Roman nicht mal abschweifen darf, aber dann sollte es doch bitte vielleicht eine interessante Beobachtung sein oder eine geistreiche Assoziation. Nun gut, es gibt Schlimmeres. Zum Beispiel, wenn man sich als Leser vom Autor hintergangen fühlt. So lässt Chris Pavone in «Der Informant» zum Beispiel eine Frau auftreten, die auf Capri einen Mann umbringt, und er verschweigt uns deren Identität, obwohl wir sie aus früheren Szenen eigentlich kennen würden. Das ist einer der billigen Tricks, die in manchen Kriminalromanen angewendet werden, um irgendeine Art von Spannung zu erzeugen. Natürlich hegen wir schon bald den Verdacht, dass es die Frau der Hauptfigur Will Rhodes sein könnte. Die Filmrechte am Roman sollen verkauft sein. Im Film wird man die Frau erkennen.

Will Rhodes, der als Journalist für ein Reisemagazin arbeitet, wird durch eine sexy Agentin rekrutiert, angeblich für die CIA. Man merkt beim Lesen relativ rasch, dass die Geschichte auf eine «Mr. & Mrs. Smith»-Konstellation hinauslaufen wird: Beide Ehepartner sind Agenten, versuchen das jedoch voreinander zu verbergen. Auch Wills Frau hat bei der Reisezeitschrift gearbeitet, nachdem ihr Mann dort angeheuert hat, ist sie immer noch als freie Mitarbeiterin dabei. Das Magazin ist eigentlich ein kleiner Geheimdienst, der als supergeheime Abteilung für die grosse CIA arbeitet. Diese reichlich absurde Konstellation bildet den Hintergrund eines Agentenspiels ohne Sinn und Zweck. Es werden irgendwelche versiegelten Umschläge durch die Welt geflogen und irgendwo übergeben. Aber wozu, weshalb, was die Probleme oder Konflikte sind, um die es bei all den Reisen der durch die Welt jettenden, als Journalisten getarnten Agenten letztlich geht, erfahren wir nicht. Und wie die Arbeit von Agenten hier aussieht, wirkt etwas lächerlich, wenn man weiss, welcher Methoden sich Geheimdienste heutzutage bedienen. Man denke nur daran, was in den letzten Jahren über Foltermethoden vor Ausschüssen in Washington zu hören war. Geradezu treudoof wirkt die Erklärung, Will hätte allein schon daran, dass ihn die angebliche Agentin mit Sex geködert hat, merken müssen, dass nicht die CIA dahinterstecken kann: So etwas würde eine echte CIA-Agentin nie tun.

Nicht dass es bei Pavone keine Gewalt geben würde. Der Mann auf Capri muss durchaus im Wortsinn über die Klippe springen, und beim grossen Showdown fliegt auch ein Häuschen in die Luft. Aber die eine oder andere Leiche gibt es auch in netten Alte-Damen-Krimis. Und wie dort geht es auch bei Pavone um ein relativ harmloses Gesellschaftsspiel, das die Leserschaft unterhalten soll, ohne sie irgendwie zu irritieren, zu beunruhigen oder ihr gar zu neuen Erkenntnissen zu verhelfen. Es ist ein am Reissbrett konzipierter, seelenloser Plot, bei dem schon die Schauplätze wie fürs Kino ausgesucht sind: New York, Biarritz, Mendoza, Capri, Paris, Island und so weiter.

Es gibt literaturaffine Menschen, die Krimis für oberflächliche Unterhaltung ohne tieferen Sinn halten. Bestsellerautor Chris Pavone bestätigt mit «Der Informant» ein solches Urteil. Aber zum Glück gibt es auch reichlich Kriminalliteratur von einem ganz anderen Kaliber.

Die Wertung:

Der Autor:
Chris Pavone, geboren 1968, wuchs in New York auf, wo er die Midwood High School in Brooklyn und die Cornell University besuchte. Er war gegen 20 Jahre lang als Lektor bei verschiedenen Verlagen tätig; bei Clarkson Potter etwa war er auf Kochbücher spezialisiert. Sein erster Roman «The Expats» erschien 2012 («Die Frau, die niemand kannte», Piper, 2012); er wurde in 20 Sprachen übersetzt, war ein internationaler Bestseller und wurde 2013 mit dem Edgar Award für den besten Erstling ausgezeichnet. 2014 folgte «The Accident» («Das Manuskript», Piper, 2014). «The Travelers» ist Pavones dritter Roman. Der Autor ist Vater von Zwillingssöhnen; er lebt im Greenwich Village in New York und in North Fork auf Long Island.

Chris Pavone: «Der Informant» (Original: «The Travelers», Crown, New York, 2016). Aus dem Amerikanischen von Andrea Brandl. Penguin, München, 2017. 569 S., ca. 18 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2017, 10:59 Uhr

Artikel zum Thema

Launiger Fake wird bedrohlicher Fakt

Krimi der Woche: Hari Kunzru hat den Blues – in «White Tears» schickt er Hipsters in die Zeit der Sklaverei. Mehr...

Eine Professorin reanimiert den Privatdetektivroman

Krimi der Woche: Lisa Sandlin erzählt in «Ein Job für Delpha» von einem tödlichen Komplott in Texas. Mehr...

Sie kennen keine Gerechtigkeit, nur Rache

Krimi der Woche: «Die Treibjagd» von Antonin Varenne ist eine Art rabenschwarzer Western aus der französischen Provinz. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Blogs

Nachspielzeit Schattenseiten des Fussballs

Mamablog Eine Frage der Haltung

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Rache einer Sprayerin

Krimi der Woche: Um Freundschaft und Verrat in der Sprayerszene dreht sich der dramatische Thriller «Rot für Rache» des Finnen Jari Järvelä. Mehr...

Überlebenskampf in einer neuen Welt

Krimi der Woche: «Fever» ist anders als die gewohnten Krimis von Deon Meyer. Die Mischung aus Entwicklungsroman und Ökothriller spielt in der Zukunft. Mehr...

Grausamkeit im Namen der Ehre

Krimi der Woche: Brisant und gleichzeitig bedrückend – im neuen Krimi «Love Like Blood» des Autors Mark Billingham geht es um Ehrenmorde. Mehr...