Alles, was ist, könnte auch anders sein

Lukas Bärfuss, der streitbarste Autor der Schweiz, kann ein brillanter Essayist sein. In seinem neuen Band «Krieg und Liebe» zeigt er diese Qualitäten zu selten.

Bekannt für seine Rundumschläge: Schriftsteller Lukas Bärfuss. Bild: Keystone

Bekannt für seine Rundumschläge: Schriftsteller Lukas Bärfuss. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Neugieriges Blättern ans Ende: Nein, den jüngsten Text aus der FAZ hat Lukas Bärfuss nicht in seine neue Sammlung mit Essays, Reden und Artikeln aufgenommen. So wird die absurde Behauptung, die Juroren des Schweizer Buchpreises würden von dessen Trägern unter Druck gesetzt, nicht wiederholt und zwischen Buchdeckeln verewigt. Ein zweiter Text allerdings, der hierzulande die Wogen noch höher gehen liess, «Die Schweiz ist des Wahnsinns», steht drin. Auch das kein Meisterwerk subtiler Analyse, sondern ein Rundumschlag mit der Keule, der zwischen Ausbeutung und Atommeiler, Blochers Medienmacht und einem von SRF nicht ausgestrahlten Film alles traf, was die alarmistische Titelthese belegen zu können schien.

Drei Jahre nach «Stil und Moral» erscheint ein neuer Band mit Essays: Auch für einen produktiven und disziplinierten Kopf wie Bärfuss ist das viel – vielleicht zu viel und zu schnell. Tatsächlich hängt die Latte des Vorgängerbandes hoch, und viele der Texte des neuen erreichen sie bei weitem nicht. «Krieg und Liebe» prunkt zwar erneut mit einer Zentnerwort-Paarung im Titel (was kommt als Nächstes – vielleicht «Witz und Wahn», «Tod und Teufel»?), versammelt aber viele Gelegenheitsarbeiten – auch solche, die den Adelstitel «Essay» kaum verdienen. Wie Bärfuss etwa die Übersetzungstheorie Walter Benjamins referiert oder mit Nietzsche fremdelt, muss man nicht unbedingt lesen.

In anderen Texten nervt die Kombination aus Koketterie und Präpotenz. Oder das Hantieren mit Begriffen wie «Wahrheit», dessen schwierige «Füllbarkeit» ihm bewusst ist, was ihn am Hantieren keineswegs hindert. Gern fällt er in simple Wir-sie-Antagonismen zurück, weiss das Recht auf seiner Seite, schlägt simple Lösungen für komplexe Probleme vor. Etwa für die Flüchtlingsströme. Erstens: «Erst ausgeglichene Lebensverhältnisse machen eine Flucht unnötig.» Zweitens: «Bis dahin müssen die Flüchtlinge aufgenommen und integriert werden.» So einfach ist das. Wie anderes, wenn man nur die vorliegenden Instrumente anwenden würde, «internationale Unternehmenshaftpflicht, Tobin-Steuer», etc.

Solche Hauruck-Handlungsanweisungen überzeugen schon deshalb nicht, weil Bärfuss ansonsten eher den Apokalyptiker gibt. Die Zukunft ist abhandengekommen, wir haben keinen Ersatz für den Fortschritt gefunden, und dieser hat ja in seiner furchtbaren Dialektik von der Aufklärung direkt nach Auschwitz geführt. Ja, in der Aufklärung stecken selbst, ganz im Sinne von Horkheimer/Adorno, Herrschaft, Unterwerfung und Vernichtung. «Der Fortschritt brutalisiert uns, und als Nutzniesser sind wir mitschuldig.» Das ist der Bärfuss-Sound, den wir aus «Stil und Moral» kennen, und wir gestehen, er nutzt sich etwas ab.

Sprache als Vermittlung

Wenn man aber den Autor für einen der wichtigsten und nötigsten der Schweiz hält, sollte man sich an seine stärkeren Texte halten, und von denen gibt es doch einige. Etwa die «Dresdner Rede» von 2017, wenn auch etwas manieriert in gebrochenen Zeilen abgedruckt. «Das Ende der Sprache» heisst sie und findet eigentlich deren zwei: hier die Gewalt, wie sie sich am unguten Genius Loci gezeigt hat, dort die Liebe, die keine Sprache mehr braucht, keine Vermittlungsinstanz.

Brillant die Analyse des «Dazwischen». Wo Worte zu Schlagworten werden: «Wir hören Steuerlast / und wünschen uns eine Steuererleichterung». Manipulatoren ersetzen durch solch «politisches Framing» jede Debatte, jedes Bemühen um Lösungen. Das Ergebnis: Gewalt, ob in Dresden oder in der Schweiz, wie es in einer Kurzschluss­analogie heisst: «Der Mob zieht nicht durch die Strasse / bei uns sitzen diese Leute in der Regierung / Bei Wahlen erreichen sie dreissig Prozent.»

Vom Kurzschluss zum brillanten Gedankensprung

Manches allerdings, was erst wie ein Kurzschluss erscheint, stellt sich als brillanter Gedankensprung heraus. Die Sprache, die Begriffe, ihre Verwendung und Verwandlung sind das eigentliche Feld des Essayisten Bärfuss. So beleuchtet er im Essay zu Hermann Hesse die kapitalistische Vereinnahmung des Mitgefühls: «Mitgefühl, verkleinert als Empathie, wird als Kompetenz gewertet» – nämlich als Fähigkeit, sich in die Bedürfnisse der Kunden einzufühlen, um ihnen das Geld leichter aus der Tasche zu ziehen. In der Bamberger Poetikvorlesung kritisiert er das modische «Storytelling» als Mittel, uns einzuwickeln: «Konzerne verkaufen keine Produkte, sondern Geschichten.»

Stark ist Bärfuss auch da, wo er auf der Fähigkeit der Literatur besteht, Alternativen zum schlechten Seienden aufzuzeigen: «Alles, was ist, könnte auch anders sein. Wir können dieses Andere schliesslich denken.» Hübsch der Rat an die Absolventen einer Journalistenschule, vieles nicht zu schreiben – nämlich all das Unwichtige, Banale, Gleichgültige, das Zeitungsseiten und Onlinekanäle verstopft.

Mein Lieblingsstück ist eine Anekdote mit Pirouettenschwanz. Bärfuss erzählt von einem Onkel, Ingenieur an einem Kernkraftwerk, der nach der Pensionierung gestand, der Betreiber habe vor die Sicherheit stets den Profit gesetzt, er habe also gelogen. Bärfuss’ Schwester wendet ein, es gebe doch gar keinen solchen Onkel. Bärfuss: Das sei keine Lüge, sondern Erfindung, in der Literatur erlaubt. Sie streiten, die Schwester nimmt ihm das Versprechen ab, sie werde in der Geschichte nicht vorkommen. Der Autor verspricht es. Wir lesen die Geschichte – inklusive Schwester. Von dieser Tonalität, von diesem Humor hätte man gern mehr gehabt zwischen «Krieg und Liebe».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.03.2018, 18:17 Uhr

Artikel zum Thema

Bärfuss und das «Staatsradio»

Will Lukas Bärfuss die SRG foppen? Liebäugelt er gar mit No Billag? Jetzt erklärt er sich. Mehr...

Lukas Bärfuss hat mal wieder einen Wutanfall

Der Autor will den Schweizer Buchpreis abschaffen. Ein früherer Juror wehrt sich. Mehr...

«Schafft den Schweizer Buchpreis ab!»

Der Schriftsteller Lukas Bärfuss wirft in der FAZ den Veranstaltern vor, Druck auf die Jury auszuüben. Mehr...

Lukas Bärfuss

«Krieg und Liebe», Essays. Wallstein, 290 S., ca. 30 Fr. Erscheint am Montag. Buchpremiere: 7. März 19.30 Uhr im Literaturhaus Zürich.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Blogs

Geldblog Clariant ist bereit für neue Dimensionen

Von Kopf bis Fuss Die Schönheit zum Schlucken boomt

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...