Als Erotik von Allah noch gewollt war

Theologe Ali Ghandour schildert in seinem neuen Buch die sinnliche Vielfalt bei den vormodernen Muslimen. Und er sagt, wer an ihrer heutigen Prüderie schuld sei.

Muslime pflegten viele Spielarten der Sexualität (Gemälde: Manohar). Foto: Alamy Stock Photo

Muslime pflegten viele Spielarten der Sexualität (Gemälde: Manohar). Foto: Alamy Stock Photo

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Einst besang die muslimische Dichtung die Vulva als einen «geöffneten Granatapfel». Dass sie Sex und Erotik in den höchsten Tönen feierte, belegt alleine schon das klassische Arabisch: Es kennt 99 verschiedene Ausdrücke für das weibliche Geschlechtsteil und sogar 114 für das männliche Glied.

Auf den Spuren des «unterdrückten erotischen Erbes der Muslime», so der Untertitel seines Buchs «Liebe, Sex und Allah», stösst der islamische Theologe Ali Ghandour auf eine überraschend vielfältige Erotik. Er findet sie in Büchern zur Genussmaximierung und sexuellen Praxis, zu Aphrodisiaka und erotischer Physiognomik. Präzise analysiert der in Deutschland wirkende Marokkaner arabische Texte aus den urbanen Milieus der Vormoderne bis 1800.

Sklavinnen für Sex

Muslime pflegten auch problematische Spielarten der Sexua­lität. Etwa die im Westen ver­pönte Polygamie oder besser Polygynie, die es einem Mann erlaubt, mit mehreren Frauen ein Verhältnis zu haben. Sonst deskriptiv vorgehend, nimmt Ghandour die Polygamie in Schutz. Schliesslich seien, so seine Ansicht, die meisten Menschen von Natur aus nicht monogam, und die Ehe sei mehr eine sozial-wirtschaftliche Vereinigung als eine sexuell-biologische.

Die Prostitution wiederum war in der muslimischen Kultur so selbstverständlich, dass man sie besteuerte: Sie war ein integraler Bestandteil der Wirtschaft. Sklaven und Sklavinnen, bis zum 19. Jahrhundert in den meisten Kulturen selbstverständlich, erwarben Muslime – etwa auf dem Sklavenmarkt in Bagdad – nicht nur für den Haushalt, sondern vor allem für sexuelle Zwecke. Anders als beim Christentum, wo Sex mit Sklavinnen als Unzucht galt, konnten Muslime diese auch zu Konkubinen oder Gemahlinnen nehmen.

Alle diese von Ali Ghandour verwerteten Quellen stammen von Männern und stehen in der phallozentrischen, auf Pene­tration ausgerichteten Tradition der Muslime. Wobei sie auch die weibliche Lust ernst nahmen. Der Autor weist auch darauf hin, dass viele Lebensbereiche weltlich waren und dass im Alltag religiöse moralische Verbote häufig ignoriert wurden. Manchmal erschwert der Theologe die Lesbarkeit seiner Ausführungen, indem er zu gewissen Sexualpraktiken die Normen aller vier sunnitischen Rechtsschulen darlegt.

Schlüssig widerlegt der Autor die Meinung, dass der Islam Homosexualität grundsätzlich verbiete. Diese wurde in der Vormo­derne ohnehin nicht als Identitätszuschreibung, sondern als Handlung gesehen. Die Rechtsschulen verboten lediglich die anale Penetration. Die Bewun­derung und Berührung männlicher Schönheit indes war nicht Gegenstand des vormodernen Strafrechts.

Homosexuelle Beziehungen waren laut Ghandour weit verbreitet und häufiger Topos in der Liebesdichtung. In der Gedichtsammlung des Rektors der Kairoer Azhar-Universität im 18. Jahrhundert werden vor­wiegend männliche Geliebte besungen. Wie in der Antike war Homoerotik oft päderastisch geprägt: Das Ideal war der bartlose junge Mann.

Ob in Bagdad, Kairo oder Istanbul: Die Muslime pflegten eine Liebeskunst ähnlich wie bei den späten Römern und anders als das Christentum mit seiner Verengung der Sexualität auf die Fortpflanzung. Seit Augustin gilt hier die sinnliche Begierde als suspekt, Askese und Ehelosigkeit dagegen als Ideal.

Hüter der Sexualmoral

Die islamische Kultur und Religion indessen kennt keinen Zölibat. Und der Sex beschränkt sich – der Frau zuliebe – nicht allein auf Penetration. Ali Ghandour zufolge hat der Westen erotische Formen wie Vorspiel, Küssen oder «Dirty Talk» von den Muslimen übernommen. Sexueller Genuss war für sie ein gottgewollter Teil des Menschseins, wie dies auch die erotischen Symbole der Sufidichtung beweisen würden.

Woher aber kommt die heutige Prüderie der Muslime? Von den europäischen Kolonisatoren, so Ghandour. Zwar waren westliche Orientalisten fasziniert vom erotischen Reichtum der Muslime. Zugleich bescherten ihnen die Kolonisatoren im 19. Jahrhundert einen Traditionsbruch, von dem sie sich bis heute nicht erholt hätten.

In den kolonisierten Ländern hätten die neuen lokalen Eliten die Moralvorstellungen der christlichen Imperialisten in Gestalt der viktorianischen Sexualmoral übernommen. Ghandour spricht von «orientalischen Viktorianern», die den Geschlechtsverkehr in den Dienst von Ehe, Familie und Nation stellten. Die autokratischen muslimischen Staaten sähen es als ihre Auf­gabe an, die Sexualmoral zu hüten und das Sexleben der Bürger zu kontrollieren.

Mit der Entstehung der unabhängigen muslimischen Nationalstaaten nach europäischem Vorbild und der Re-Islamisierung seit den 1980er-Jahren kehrte sich der Prozess also um. So wie die Imperialisten vor 150 Jahren das Sexleben der Muslime als degeneriert verurteilten, beurteilen heute islamische Schriften die westliche Sexualität als dekadent – erst recht seit der sexuellen Revolution und der Verbreitung der Pornografie im Netz.

An Ghandours Argumentation ist gewiss einiges dran. Nur stärkt seine These vom Traditionsbruch während des Kolonialismus die Opferperspektive, welche die Muslime selber so gerne einnehmen.

Erstellt: 28.09.2019, 13:25 Uhr

Ali Ghandour Liebe, Sex und Allah.

Das unterdrückte erotische Erbe der Muslime.

Verlag C. H. Beck, München 2019. 218 S., ca. 27 Fr.

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