Alte Knacker, flott gezeichnet

Der Comic, bislang eher ein Jugendgenre, entdeckt die Senioren.

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Sie heisst Mediterranee und war früher Wäsche- und Aktmodell. Jetzt arbeitet die 61-Jährige im Käsegeschäft ihrer kürzlich gestorbenen Mutter und erinnert sich, dass sie als Kind Angst vor der Hexe in «Schneewittchen» hatte. Wenn sie heute vor dem Spiegel steht, sagt Mediterranee: «Diese Hexe bin nun ich!»

Er heisst Ulysses, ist Möbelpacker, und seine Firma muss sparen. «Adieu, mein Dampfer», sagt der 59-Jährige, als seine Hand den Lastwagen zum letzten Mal berührt. Später wird sich der Ausrangierte fragen: «Was soll ich jetzt tun? 40 Jahre lang war ich auf Achse! Irgendwie logisch, wenn man Ulysses heisst. Nur dass mein Mittelmeer grau war und einen weissen Mittelstreifen hatte.»

Das Altern der Gefühle

Zwei Senioren auf dem Abstellgleis sind die Hauptfiguren in der Graphic Novel «Das unabwendbare Altern der Gefühle». Das ist insofern speziell, als Comics in der Regel von jungen oder zumindest alterslosen Figuren erzählen. Klassiker des Mediums wie die «Peanuts», «Tim & Struppi», «Spider-Man» oder der vom Westschweizer Zep gezeichnete «Titeuf» sind überwiegend von Kindern oder jugendlichem Personal bevölkert. Ältere Semester, etwa Dagobert Duck oder Miraculix («Asterix»), treten meist als Nebenfiguren auf, die mit ihrem Wissen oder ihren Schrulligkeiten Würze in die Hauptgeschichte bringen sollen.

Anders ist das in «Das unabwendbare Altern der Gefühle»: Der Szenarist Zidrou und die Zeichnerin Aimée de Jongh gönnen ihren Helden Mediterranee und Ulysses eine heisse Liebesbeziehung. Zugleich hat man auch Teil an ihren Altersnöten, spürt die unausgefüllten Stunden, sieht die prüfenden Blicke in den Spiegel und hört die nagenden Fragen: «Sind wir dem Kind, das wir einst waren, treu geblieben?». Dann bekommt Mediterranee wieder ihre Regel, sie wird schwanger, und Ulysses staunt: «Seit wann klettert das Herbstlaub wieder rauf auf die Bäume?!»

Es sind solche sprachlichen Preziosen, die diesen Comic auszeichnen, auch und gerade wenn die Figuren zurückblicken. Ulysses war mal verheiratet, seine Frau hiess Penelope, und sie hatten es nicht leicht. «Unsere Kameraden haben uns ganz schön aufgezogen», resümiert er, «aber Spott, das ist wie viele gemeinsame Kilometer, es schafft Bindung.» Dazu passt, dass Aimée de Jongh die Figuren mit leicht manga-artigem Einschlag zeichnet, ein Stil, der ihnen eine zeitlose Unbeschwertheit verleiht.

Dass Senioren die Comicwelt bereichern, zeigen auch die «Alten Knacker», jener französische Überraschungserfolg von 2014, der inzwischen bei Band 5 angelangt ist. In «Reif fürs Asyl» praktizieren die drei von ungebrochenem Rebellionsgeist durchdrungenen Musketiere Pierrot, Mimile und Antoine Solidarität und Nächstenliebe.

Der Tod schlägt zu

Mal gehts um die Unterbringung von Flüchtlingen, mal um eine Familienzusammenführung, mal um ein Rugbyspiel mit ozeanischen Tänzen. Dabei wird der rundliche Mimile zum hüftschwingenden Aktivisten, als er erfährt, dass seine tropische Lieblingsinsel zum Migrantengefängnis umgebaut wurde. Und wenn der hornbrillenbewehrte Pierrot mit zerknitterten Kollegen im Frack vor der Schweizer Botschaft in Paris demonstriert und man sich danach auf der Polizeiwache prügelt, kippt die Seriosität in befreiende Situationskomik.

Der Szenarist Wifrid Lupano und der Zeichner Paul Cauuet veranschaulichen mit ihren über 70-jährigen Helden, wie man altert, ohne seine Ideale zu verraten. Das ist süffig umgesetzt, aber dann schlägt auch hier – wie in «Das unabwendbare Altern der Gefühle» – der Tod zu. Pierrot obliegt es, die Trauerrede auf Fanfan die Heisse zu halten: «Keine Sorge, die Leere, die du hinterlässt, werden wir damit ausfüllen, der Welt noch mehr auf den Wecker zu gehen.» Von den «Alten Knackern» wird es also mindestens noch einen weiteren Band geben.

Zidrou, Aimée de Jongh: Das unabwendbare Altern der Gefühle. Splitter, Bielefeld 2019. 144 S., ca. 32 Fr. Wilfrid Lupano, Paul Cauuet: Die Alten Knacker – Reif fürs Asyl. Splitter, Bielefeld 2018, 56 S., ca. 24 Fr.

Erstellt: 23.01.2019, 07:02 Uhr

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