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«America First», zum Ersten

Hat Autor Philip Roth den Präsidenten Trump vorausgesehen? Hoffentlich nicht.

Schrieb ein Buch, das viele an das Phänomen Trump erinnert: Schriftsteller Roth. (5. September 2005)
Schrieb ein Buch, das viele an das Phänomen Trump erinnert: Schriftsteller Roth. (5. September 2005)
Keystone
Holte den Nobelpreis, den viele lieber Roth gegeben hätten: Sänger und Lyriker Bob Dylan. (12. Januar 2012)
Holte den Nobelpreis, den viele lieber Roth gegeben hätten: Sänger und Lyriker Bob Dylan. (12. Januar 2012)
Keystone
Der 45. Präsident der USA: Donald Trump. (27. Juni 2012)
Der 45. Präsident der USA: Donald Trump. (27. Juni 2012)
Keystone
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Wann wird der Tag nur noch besser? Wenn man einen lebendigen Frosch zum Frühstück isst. Diese Mark-Twain-Weisheit zitiert Philip Roth gern, und sie dürfte seinen Lesern zuletzt wieder öfters eingefallen sein. Donald Trumps Präsidentschaft wirkt auf viele noch immer wie ein eskalierender, böser, leider realer Traum, der immer üblere Formen annimmt – und ein Traum, der ihnen verstörend bekannt vorkommt.

Denn Roths Roman «A Plot Against America» von 2004 scheint das Phänomen Trump in verschiedener Hinsicht vorweggenommen zu haben. Das Buch erzählt ein kontrafaktisches Szenario: Statt Franklin D. Roosevelt wird 1940 Charles Lindbergh zum US-Präsidenten gewählt. Jener Lindbergh also, der als erster Mensch allein im Flugzeug über den Atlantik flog – ein Held, wie gemacht für die Medienwelt des frühen 20. Jahrhunderts. Was für Trump im Jahr 2017 der Kurznachrichtendienst Twitter ist, waren für Lindbergh das Radio und die Illustrierten.

Lindbergh ist aber auch jener Mann, der den Slogan «America First» populär gemacht hat. Er war, in der Realität wie in Roths Buch, ein Isolationist: Amerika sollte für sich schauen, die Finger von den europäischen Händeln lassen. Es seien «die Briten, die Juden und die Roosevelt-Administration», die die USA in einen Krieg treiben wollten, sagte der reale Lindbergh. In Roths Roman gewinnt er die Gunst der Amerikaner – und, wie Trump, überraschend die Wahl. Im Roman heissts: «Am Morgen nach der Wahl herrschte zumal bei den Meinungsforschern erst einmal ungläubiges Staunen.» Der Protagonist, ein jüdischer Junge (und wie häufig in Roths Romanen dem Autor sehr ähnlich), erlebt eine Verdüsterung der Welt: Aussenpolitisch hat Hitler freie Hand, innenpolitisch werden die Juden als Minderheit immer stärker schikaniert.

Plausible Fiktion vs. alternative Fakten

Roth verdichtet in «A Plot Against America» die klammen Gefühle, wenn ein Staat, dem man vertraut, sich auf einmal gegen einen wendet. Was werden nun die Nachbarn denken? Was kommt als Nächstes? Muss man vielleicht bloss die Ohren steifhalten, ist alles nur halb so schlimm? Roths Junge träumt davon, dass seine Briefmarkensammlung plötzlich mit kleinen Hakenkreuzen besprenkelt ist. Viele Leser finden heute in «A Plot Against America», was sie in Orwells «1984» vergeblich gesucht haben: Verblüffende Analogien zur Gegenwart und Fantasien eines amerikanischen Totalitarismus. Manchen erscheint Roths Roman als plausible Fiktion dabei glaubwürdiger als die «alternativen Fakten», die Trumps Helfer heute verbreiten.

Roth selber erklärte dem «New Yorker», er habe sein Buch nicht als Warnung geschrieben. Er habe sich vielmehr vorstellen wollen, wie es einer jüdischen Familie ergangen wäre, wenn der Antisemitismus mit Wucht über sie hereingebrochen wäre. «Dafür musste ich die amerikanische Regierung ins Bedrohliche kippen lassen.»

«Dumpfer Killer-Kapitalist»

Die Debatte um seinen Roman brachte den Schriftsteller zurück ins Gespräch, obwohl er sich bereits aus der Öffentlichkeit verabschiedet hatte. 2012 hatte Roth angekündigt, dass er keine Bücher mehr schreiben werde, 2014, dass er auf keiner Bühne mehr auftreten werde. Als Bob Dylan letztes Jahr den Nobelpreis gewann, verstummte auch die Debatte darüber, ob vielleicht nicht doch Philip Roth, der heute 83-Jährige, den Preis nach Amerika hätte holen sollen – für Meisterwerke wie «The American Pastoral» (1997) oder «Portnoy’s Complaint» (1969), die die US-Literatur der Nachkriegszeit geprägt haben.

Dass sich Roth nun stärker gegen Trump engagiert, ist allerdings nicht zu erwarten. Er sieht im US-Präsidenten letztlich vor allem einen uninteressanten, flachen Charakter. Roth nennt Trump einen «dumpfen Killer-Kapitalisten», der seiner Romanfigur nicht ebenbürtig ist: «Lindbergh war immerhin ein Fliegerheld mit grossem Mut und Können, hatte Substanz.» Donald Trump sei dagegen ein blosser Schwindler. Nicht der Mann sei es, der die Vorstellungskraft übersteige – sondern dieser Mann im Amt des Präsidenten.

Video – Würden die Amerikaner Donald Trump nochmals wählen?:

«Knapp 90 Prozent der Republikaner sind zufrieden»: Christoph Münger, Co-Ausland-Leiter des «Tages-Anzeiger».

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