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Andreas Maiers neuer Roman «Das Haus» zwingt zum Blick zurück

Ein Buch, ein Haus, ein Leben, nahe herangezoomt, dann wieder fast klinisch sezierend auf Abstand gebracht und immer erfüllt von der Seele des Kindes – Andreas Maier neuer Roman faszniert.

«Das Haus» setzt konsequent fort, was mit seinem Erfolgsroman «Das Zimmer» begonnen hat: Autor Maier
«Das Haus» setzt konsequent fort, was mit seinem Erfolgsroman «Das Zimmer» begonnen hat: Autor Maier

Ein Geräusch, ein Geruch, ein Gefühl - unsere frühesten Erinnerungen sind fragile Bruchstücke. Trügerisch erscheinen sie, schön gefärbt oder dramatisch übertüncht. Andreas Maier gelingt es, eben diese prägenden Erinnerungsspuren zur Sprache zu bringen und in Worte zu fassen. Poetisch ist sein Blick zurück in eine Provinzkindheit, dem wehmütig-sehnsuchtsvollen «So könnte es gewesen sein» schaltet Maier ein vielsagend-nüchternes «So war es» vor. Das macht seinen Roman, als Erinnerungsbuch ebenbürtiger Nachfolger von «Das Zimmer», tiefgründig und berührend.

Der Hort der Kindheit kritisch beäugt

Als Ankerpunkt für die Erinnerungen eines Jungen von der Geburt bis in die Grundschuljahre dient Maier das grosse Elternhaus, das vom Lebensort zum Erinnerungshort wird, ebenso wie das Heimatstädtchen in der Wetterau. Auch in der Gegenwart ist das Haus Basisstation für die Auslotung der Identität des Ich-Erzählers und wehrhafte Bastion zur Verteidigung der Kindheit.

Die Familie als Stigma

Hier lebt Andreas von seinem dritten Lebensjahr an, hier wird er vom unkomplizierten Kleinkind zum Problemandreas, der den Eltern zunächst mit wundersamer Sprachlosigkeit, später mit einem ihn regelmässig krank machenden Kloss im Hals Sorgen bereitet. Andi ist ein Aussenseiter, Kontaktanbahnungen mit Gleichaltrigen misslingen. Gefahren lauern am abendlichen Esstisch, wo die Familie bei heruntergelassenen Rolläden und Neonröhrenlicht ein dem Jungen fragwürdig erscheinendes Essritual zelebriert.

Die morgens beständig wiederkehrenden Migräneattacken des erfolgreichen Anwaltsvaters scheinen Andi weniger bedrohlich als die kommunikativen Gepflogenheiten seiner Mitschüler. Fahrradtouren an den Rand des Wohngebietes spenden Trost - es ist wie es ist, und man spürt, dass es irgendwie gut ist.

Ein Blick zurück

Maier überträgt frühkindliche Gefühle in sprachliche Bilder, zugleich lässt er hinter dem subjektiven Blick auf eine Kindheit ein Bild deutscher Wirklichkeit in den 1970er Jahren aufscheinen. Mit diesem Ausschnitt aus einer hessischen Familiensaga zeigt Maier, 1967 in der Wetterau geboren, was Literatur leisten kann: Sie wirft uns auf uns selbst zurück und animiert uns dazu, von einer höheren Warte aus auf das eigene Leben zu blicken.

dapd

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