Apokalypse auf der Schweinefarm

Jean-Baptiste Del Amos grandioser Roman «Tierreich» zeigt die Auswüchse der Agrarindustrie auf Mensch und Tier.

Dicht an dicht stehen die Schweine hier in einer Mastfarm in Illinois (USA). In einem fiktiven französischen Dorf ist alles viel schlimmer.

Dicht an dicht stehen die Schweine hier in einer Mastfarm in Illinois (USA). In einem fiktiven französischen Dorf ist alles viel schlimmer. Bild: Daniel Acker/Reuters

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«Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch» – die Anfangszeile eines der provozierendsten Gedichte Gottfried Benns gäbe ein perfektes Motto für diesen Roman ab. Denn um Schweine und Menschen geht es darin, um das, was der Mensch den Schweinen antut und womit er sich, nun im beleidigenden Sinn des Wortes, selbst als Schwein erweist. «Tierreich» ist der vierte Roman von Jean-Baptiste Del Amo. Der 37-jährige Franzose mit dem bürgerlichen Namen Garcia ist erklärter Vegetarier und engagierter Tierschützer. Sein Buch ist aber nicht etwa ein literarisch bemänteltes Plädoyer für einen schonenden Umgang mit der Kreatur, kein Pamphlet, keine Propaganda, sondern grosse, schockierende Literatur.

Es könnte allerdings den Effekt haben, dass man, eine Weile oder nie mehr, Schweinefleisch ertragen kann. Die Lektüre von «Tierreich» gleicht dem Besuch eines verkommenen Mastbetriebs oder eines besonders brutalen Schlachthofs. Leser, nicht nur solche mit niedriger Ekelschwelle, tun also gut daran, sich im übertragenen Sinne mit Gummistiefeln und einer Nasenklammer zu wappnen.

Mit 40 schon ein Greis

Del Amo führt uns in ein fiktives Dorf im Departement Gers, Südwestfrankreich, und dort auf einen Bauernhof, im ersten Teil des Romans zu Beginn des 20. Jahrhunderts und im zweiten gegen dessen Ende. Anfangs ist es «einer dieser Familienbauernhöfe mit mageren Erträgen»; zwei Kühe, zwei Schweine, ein paar Hühner, Äcker, die nicht viel hergeben. Die Menschen schuften, um gerade so über die Runden zu kommen. Mit 40 ist mancher Mann schon ein Greis, fällt beim Pflügen tot um oder quält sich jahrelang mit zerfressener Lunge, wie Henri, der älteste in der Abfolge der fünf Generationen, von denen Del Amo erzählt.

Henris namenlose Frau wirft zwei Totgeburten den Schweinen zum Frass vor, das einzige überlebende Baby, Eleonore, lässt sie, weil sie es selbst nicht erträgt, von einer Sau säugen. Auf ihre Geburt reagiert Henri mit dem Satz «Ich werd mal die Tiere füttern», und der Autor fügt an «und geht raus in die Nacht zum Pissen». Seine Sprache ist manchmal lakonisch knapp, manchmal blüht sie regelrecht auf, aber immer läuft unter jedem Satz die Feststellung mit: So ist es, so läuft das Leben ab, es gibt keinen Ausweg, keine Alternative.

Der Kampf ums Überleben lässt den Menschen keinen Platz für viele Worte, schon gar nicht für Gefühle. Marcel, ein Cousin, der als Knecht zur Hilfe auf den Hof kommt, spricht manchmal tagelang kein Wort. Der Lehmverschlag, den man ihm zuweist, «stinkt nach Rattenpisse, wurmigem Holz, nach der Gülle, die vom angrenzenden Stall her über die Mauer läuft».

Er schliesst die Welt durch die Nase auf

Del Amo ist auch ein grandioser Landschaftsmaler, aber am vielfältigsten ist seine Geruchspalette. Er schliesst die Welt, auch für uns, durch die Nase auf, und es ist meist nicht sehr angenehm, was wir da riechen, aber wehren können wir uns nicht. Eine Nase klappt man nicht zu wie die Augen.

Auf dem Hof stinkt es nach Schwein und dem, was sie absondern. Die Männer kriegen das nicht weg, so sehr sie auch waschen und scheuern: Es bleibt an der Haut haften, dringt in Körper und Hirne ein, verfolgt sie bis in die Träume, schreckliche Träume, in denen sie von Schweinen aufgefressen werden oder in der Güllegrube ertrinken.

Immer wenn Serge und Joel, die Urenkel des ersten Henri, die Ställe betreten, schlägt ihnen ein Gestank entgegen «nach Pisse, Fäkalien, Tierschweiss, nach vom Speichel verflüssigtem Getreide», und auf diese differenzierende Aufzählung folgt die Wendung und Überhöhung ins Bildliche: der Geruch ist «sauer wie eine vom Schweinestall in den grauen Morgen erbrochene Galle». So schreibt Del Amo, ein Meister des olfaktorischen Horrors.

Bei Del Amo schlägt das, was der Mensch dem Tier antut, auf ihn selbst zurück.

Aber da sind wir schon im zweiten Teil des Buches, bei den Nachkommen von Marcel und Eleonore. Aus dem armseligen Kleinbetrieb ist eine Schweinemastfabrik geworden. Der zweite Henri, Enkel des ersten, führt sie mit harter Hand, seine Söhne spuren, die Arbeit frisst sie auf.

Agrarindustrie: Das ist bei Del Amo eine Maschine, in die oben Futter hineingeworfen wird, das unten als Urin und Kot wieder herauskommt, ein widerwärtiger Schlamm, der Ställe und Gänge zu überschwemmen droht. Tag für Tag tobt der Kampf gegen die – pardon, aber so heisst es auch bei Del Amo – Scheisse, die Jagd nach immer höheren Produktionsziffern – neun Ferkel pro Muttersau, warum nicht bald fünfzehn? –, die nie ganz zu gewinnende Abwehrschlacht gegen Infektionen, mit Chemiekeulen, die das Fleisch eigentlich für Menschen ungeniessbar machen. Auch die Gülle, die als Dünger auf die Felder ausgebracht wird, ist schwermetallbelastet: ein Kreislauf des Giftes, der Henri den Krebs einträgt.

So schlägt bei Del Amo das, was der Mensch dem Tier antut, auf ihn selbst zurück. Die durch Qualzüchtung viel zu schweren, kaum auf ihren Beinen stehfähigen Schweine vegetieren in viel zu engen Gehegen, in denen sie sich gegenseitig verletzen und ihre Ferkel erdrücken. Nie sehen sie die Sonne, nie spüren sie Gras unter ihren Füssen. Ihre Existenz: gemästet und dann geschlachtet werden. Ein Leben kann man das nicht nennen.

Hölle der Armut – Hölle der Agrarindustrie

So ist Del Amos «Tierreich» ein Diptychon der Hölle, mit als linker Bildtafel der Hölle der Armut, als rechter der Hölle der Agrarindustrie. Denn auch der Blick in die Vergangenheit ist alles andere als nostalgisch; damals konnte der Bauer nur knapp überleben, indem er sich der Natur unterwarf. Der Agrarindustrielle überwältigt die Natur, missbraucht sie, pervertiert sie.

Das Schwein war einmal eine Art Lebensgefährte, jetzt ist es eine Sache, eine blosse Quelle des Profits. Profit wächst mit der Masse, aber genau diese Masse wächst der Familie über den Kopf. Der Güllepegel steigt, eine Epidemie macht der Farm schliesslich ein Ende. Das kommt dann durch das Feuer, und Del Amo inszeniert es wie das Feuer der Apokalypse, die sich symbolisch das ganze Buch hindurch angekündigt hat.

Der Autor «kann» Realismus, «Tierreich» ist vor allem im ersten Teil voller liebevoll ausgemalter Szenen bäuerlichen Alltags – ein Schwein wird geschlachtet, ein Kälbchen geboren, ein betrunkener Priester kommt zu spät zur letzten Ölung. Im zweiten Teil gerät der Realismus wie die Schweinezucht aus den Fugen, und der Mikrokosmos Farm verweist auf den Makrokosmos Welt, auf unseren Umgang mit der Erde, die wir ausplündern, vermüllen, vergiften.

Der monströse Zuchteber

Nur zwei Geschöpfe, einen Menschen und ein Tier, lässt der Autor dem Verhängnis entgehen. Der eine ist der zwölfjährige Jérôme, stumm und nach Ansicht aller schwachsinnig. Er sammelt und begräbt Tierkadaver, «sieht» tote Menschen und fühlt sich eins mit der Natur, in einer Art Pansexualität: «Nichts trennt seinen Körper vom Körper der Tiere, den Pflanzen, den Steinen. Er begehrt sie alle gleichermassen.»

Das andere Geschöpf ist «La Bête», ein monströser Zuchteber, rekordschwere 470 Kilo, vier Meter lang, auf den Henri fixiert ist wie Ahab auf den weissen Wal. La Bête sprengt eines Nachts den Riegel seines Verschlags und macht sich davon. Die letzten Seiten des Buches gehören ihm, seinen Streifzügen, seiner Wahrnehmung einer Welt, die der Mensch noch nicht ruiniert hat. Es gibt ein Jenseits der Apokalypse, könnte dieser Schluss sagen.

Jean-Baptiste Del Amo: Tierreich. Roman. Aus dem Französischen von Karin Uttendörfer. Matthes & Seitz, Berlin 2019. 440 S., ca. 36 Fr.

Erstellt: 19.06.2019, 16:55 Uhr

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