«Assad vernichtet sein Volk, um an der Macht zu bleiben»

Die syrische Autorin Rosa Yassin Hassan ist aus ihrer Heimat nach Hamburg ins Exil geflüchtet. Sie fühlt sich machtlos gegenüber einem Diktator, der sein eigenes Volk vernichtet.

«Literatur muss die geheimen Geschichten unserer Menschlichkeit ans Licht bringen», sagt Rosa Yassin Hassan.

«Literatur muss die geheimen Geschichten unserer Menschlichkeit ans Licht bringen», sagt Rosa Yassin Hassan. Bild: Doris Fanconi

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Sie leben seit Ende 2012 in Hamburg im Exil. Haben Sie noch Kontakt zu Ihrer Heimat?
Ja, ich habe nach wie vor Kontakt zu meiner Familie und zu Freunden.

Wie geht es ihnen?
Es ist eine schwierige Situation für die Menschen im kriegsversehrten Syrien. In jenen Gegenden, welche das Regime beherrscht, ist es relativ ruhig. Dort gibt es keine Bombardements, aber immer wieder fehlt es an Wasser, oder der Strom fällt aus. Zudem sind die Lebensmittel sehr teuer. In den Regionen allerdings, in welche sich die oppositionellen Kräfte zurückgezogen haben, ist es gefährlich: Russische Flieger bombardieren diese Gebiete nach wie vor. Jeden Tag sind Tote zu verzeichnen. Und das Regime, das vorgibt, Mitglieder des sogenannten Islamischen Staates zu treffen, tötet in den allermeisten Fällen Zivilisten.

Haben Sie noch Hoffnung, dass sich das Blatt zum Guten wendet?
Auch wenn die Hoffnung schwächer und schwächer wird, kann niemand ohne sie überleben. Die grossen Mächte streben gar keine Lösung an. Sie schicken bloss leere Worte: Bashar al-Assad muss weg, das syrische Volk soll in Frieden und in einer Demokratie leben. Aber das sind nur Floskeln, aktiv tun diese Mächte nichts für den Frieden. Russland, der Iran und die Hizbollah unterstützen das syrische Regime. Dem Volk bleibt nur noch die Flucht: Acht Millionen Syrerinnen und Syrer leben im Exil. Im Land selber sind 5 Millionen Menschen auf der Flucht. Vor dem Krieg lebten 25 Millionen in Syrien. Jetzt sind es wohl knapp die Hälfte; da offizielle Statistiken fehlen, weiss man das nicht genau. Wir sind ein Volk von Flüchtlingen geworden.

Wollen die Grossmächte gar keine Lösung des Konflikts?
Es gibt verschiedene Gründe, die gegen eine wirkliche Lösung sprechen. Die grossen Mächte wollen einerseits die Waffen, die sie täglich produzieren, auch verkaufen. Eine Rolle mag auch spielen, dass Israel der Nachbar ist, und die Grossmächte in Syrien ein Regime unterstützen wollen, das sich nicht gegen Israel wendet. Da dies bisher der Fall war, will man daran nichts ändern. Neben diesem Streben nach Stabilität im Nahen Osten, gilt es auch zu sehen, dass die involvierten Staaten vielfältige Interessen in der Region verfolgen. Politik macht man nicht mit den machtlosen Bürgern und Zivilisten eines Landes, sondern mit jenen, die an der Macht sind. Den politischen Strippenziehern ist es ja egal, wenn eine halbe Million Menschen getötet werden.

«Assad ist wie alle anderen Diktatoren: Um an der Macht zu bleiben, vernichtet er sein eigenes Volk.»

Welche Rolle spielt der Islamische Staat heute?
Dass der IS schlimm ist, bedeutet nicht, dass das syrische Regime besser ist. Assad ist verantwortlich dafür, dass der IS überhaupt so stark wurde. Natürlich kamen viele IS-Kämpfer aus der ganzen Welt, aber auch aus syrischen Gefängnissen. Am Anfang der Rebellion hat das Regime viele Gefangene aus der Haft entlassen. Diese kämpfen jetzt zu einem grossen Teil auf der Seite des IS. Dem Regime kommt es gelegen, sagen zu können, es kämpfe gegen Salafisten, Jihadisten und andere Terroristen, und nicht gegen jene Revolutionäre, die für Demokratie und Freiheit auf die Strasse gegangen sind. Am Anfang wars eine Rebellion mit friedlichen Mitteln. Das hat etwa anderthalb Jahre gedauert. In dieser Zeit wurden viele Leute von den Soldaten des syrischen Regimes getötet – diese Gewalt führte dazu, dass auch die Rebellen sich bewaffnet haben. Das hat die Lage kompliziert. Jetzt ist es keine Revolution mehr, jetzt ist es ein Bürgerkrieg.

Gibt es die Rebellen in Ihrer Heimat überhaupt noch?
Kaum noch. Die Gruppen, die sich für Freiheit und Demokratie einsetzten, wurden immer schwächer. Viele wurden im Kampf getötet oder starben in den Gefängnissen an den Folgen der Folter. Wie viele, weiss niemand. Wieder andere – wie ich selbst – mussten fliehen. Das war keine freie Entscheidung, sondern purer Überlebenstrieb. Wir haben keinen Platz mehr im eigenen Land und wurden zwischen der Gewalt des Regimes und der Gewalt der radikalen Gruppen eingeklemmt.

Was trieb Sie selbst in die Flucht?
Die Lage war und ist sehr gefährlich für alle Zivilisten und Aktivisten. Ich lebte damals in Damaskus, als es eines Tages zu einer grossen Explosion neben der Schule meines Sohnes kam. Zwei seiner Freunde wurden getötet. Das war der Moment, als ich mich entschieden habe, zu flüchten – als Mutter und Aktivistin, die im Untergrund lebte und vom Regime gesucht wurde. Wir reisten in den Libanon aus, von wo wir dank eines Stipendiums der Heinrich-Böll-Stiftung nach Deutschland fliegen konnten.

Waren Sie jemals wieder in Syrien?
Nein, bis jetzt nie.

Haben Sie Heimweh?
Ja, immer! Das ist normal. Jeden Tag versuche ich, die Erinnerungen zu vergessen, um leben zu können.

Assad zerstört sein eigenes Volk. Ist er psychisch krank?
Ja, das ist er! Aber verantwortlich ist nicht er allein, sondern das ganze System, von dem alles abhängt und das auch ihn ermöglicht hat. So etwa wurde die syrische Verfassung, in der steht, dass der Präsident mindestens 40 Jahre alt sein müsse, in 15 Minuten geändert. Assad war nämlich nur 34 Jahre alt, als er an die Macht kam. Das ist bloss ein Beispiel dafür, wie das syrische Pseudoparlament alles durchsetzt, um dieses System am Leben zu erhalten. Assad ist wie alle anderen Diktatoren: Um an der Macht zu bleiben, vernichtet er sein eigenes Volk.

«Wer in Syrien über Politik schreibt, lebt gefährlich. Einfacher ist es, über Sexualität und Religion zu schreiben.»

Seit einiger Zeit hat man den Eindruck, der Westen habe sich mit der Situation in Syrien abgefunden.
Ja, seit etwa zwei Jahren hat sich Europa daran gewöhnt, dass in meiner Heimat Krieg herrscht. Gerade kamen wieder 57 Menschen in Nordsyrien ums Leben, ohne dass dies in den westlichen Medien gross thematisiert wurde. Ich fühle mich auch machtlos. Mit meinem Schreiben versuche ich etwas Gutes zu tun und zur Aufklärung beizutragen.

Bloss können Ihre Bücher in Syrien nicht legal verbreitet werden.
Illegal aber schon. Unter einem Diktator gibt es immer verschiedene Möglichkeiten, die Zensur zu umgehen. Meine Bücher finden sich etwa auf dem Schwarzmarkt oder sind als Kopien in Umlauf. Schon früher wurden meine Bücher im Libanon und in Ägypten gedruckt, da sie in Syrien verboten waren. Diese Situation war ja auch ein Grund, weshalb es 2011 zu einem Aufstand der Bevölkerung kam.

Gibt es Tabus, über die man als Autorin in Syrien nicht schreiben darf, ohne mit Sanktionen rechnen zu müssen?
Wer in Syrien über Politik schreibt, lebt gefährlich. Etwas einfacher ist es, über Sexualität und Religion zu schreiben, vorausgesetzt, es ist nicht zu explizit. Da der Islam in Syrien gemässigt ist, verfährt die Zensur weniger streng. Frauen dürfen ohne Kopftuch auf die Strasse, und sie stellten 42 Prozent der Studierenden an den Unis. Wenn der Krieg zu Ende ist, wird Syrien vielleicht wieder so, wie es einst war. 2010 konnten 100 Prozent der Bevölkerung zwischen 10 und 40 Jahren lesen und schreiben. Diese gebildete Zivilgesellschaft hat das Assad-Regime zerstört.

Sie selbst benennen diese Tabus.
Literatur muss die geheimen Geschichten unserer Menschlichkeit ans Licht bringen – das gilt nicht nur für Länder, in denen Zensur herrscht. Was geheim, verdeckt oder verdrängt wird, bietet Stoff genug für die Schriftsteller. Die Aufgabe, ja sogar die Verpflichtung der Literatur ist es doch, die dunklen Bereiche auszuleuchten, welche die Mächtigen im Verborgenen halten wollen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.11.2017, 10:19 Uhr

Rosa Yassin Hassan

Schriftstellerin aus Syrien

Da ihr Vater, Sachbuchautor und Übersetzer vom Arabischen ins Deutsche, Marxist war, trägt sie den Vornamen der Aktivistin Luxemburg: Rosa Yassin Hassan, geboren 1974 in Damaskus, studierte erst Architektur, danach arbeitete sie als Literaturkritikerin für verschiedene Publikationen. Seit fünf Jahren lebt die Autorin im Exil in Deutschland. Auf Deutsch liegen von ihr die Romane «Wächter der Lüfte» und «Ebenholz» (beide im Kölner Alawi-Verlag) vor. Kürzlich sprach Rosa Yassin Hassan am Writers in Prison Day im Literaturhaus Zürich über die Lage in Syrien.

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