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Auch Bürger müssen revoltieren

In seinem neuen Buch «Über Tyrannei» präsentiert der amerikanische Historiker Timothy Snyder zwanzig Lehren aus dem 20. Jahrhundert.

Legendäre Black-Power-Geste: Die Sprinter Tommie Smith und John Carlos bei ihrer Ehrung 1968. Foto: Getty
Legendäre Black-Power-Geste: Die Sprinter Tommie Smith und John Carlos bei ihrer Ehrung 1968. Foto: Getty

Seit Vokabeln wie «Volksverräter» und «Volksfeind» zurückgekehrt sind und der Untergang der demokratischen Ordnungen möglich scheint, wird wieder viel von den 30er-Jahren gesprochen. Die Analogie hat etwas Entmutigendes. Sie klingt so, als stünden die autoritären Bewegungen mit einer höheren Geschichtsmechanik im Bunde. Um diesem Eindruck zu begegnen, zählt man die Unterschiede zwischen einst und jetzt auf oder beruhigt sich mit dem halbherzigen Seufzer, dass es so schlimm schon nicht kommen werde.

Der amerikanische Historiker Timothy Snyder nimmt die Erosion des bisher Selbstverständlichen unter dem Präsidenten Donald Trump zwar ernst, aber er dämonisiert diesen nicht mittels historischer Vergleiche. Diese Woche erschien sein jüngstes Buch, «Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand». «Geschichte wiederholt sich nicht, aber wir können aus ihr lernen», beginnt Snyder, der an der Yale University lehrt und in seinen Büchern «Bloodlands» und «Black Earth» versucht hat, ein umfassendes Bild des Holocaust und der Ausrottungs­politik zu zeichnen.

Nach der Annexion der Krim hat Snyder scharf und kenntnisreich die russische Propaganda gegen die Ukraine kritisiert. Nun lädt er dazu ein, aus der Geschichte Europas im 20. Jahrhundert zu lernen, so wie die Gründerväter der USA aus der Geschichte des antiken Griechenland und des alten Rom gelernt haben. Sein Buch zielt ganz auf das amerikanische Publikum, wendet sich aber an alle Freunde der offenen Gesellschaft. «Über Tyrannei» ist weitgehend frei von folgenlosen Beschwörungen, Ideologiemüll und Selbstzufriedenheit. Demokratie und Rechtsstaatlichkeit werden nicht im ­Gefühl des Triumphes verteidigt, sondern als ­gefährdete, unvollkommene und unwahrschein­liche Ordnung.

Das demokratische Minimum

Snyders Lektionen, die durch Klarheit überzeugen, enthalten eine Verhaltenslehre für Bürgerinnen und Bürger: das demokratische Minimum. Von erstens, «Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam», über zehntens, «Glaube an die Wahrheit», bis hin zum neuralgischen Punkt der persönlichen Tapferkeit, «Sei so mutig wie möglich». Im Rückgriff auf die grossen demokratischen Momente der Euro­päischen Geschichte – nach 1918, nach 1945, nach 1989 – und im Wissen darum, wie oft Demokratien gescheitert sind, unterrichtet Snyder darüber, wie man autoritäre Bedrohungen pariert. Er beruft sich auf Hannah Arendt, Victor Klemperer, auf Václav Havel und den viel zu wenig gelesenen polnischen Philosophen Leszek Kolakowski.

Wollte man die 20 kurzen Lektionen zusammenfassen, so käme man auf drei Regeln: Denke nicht gering von dir. Bange machen gilt nicht. Kümmere dich um öffentliche Belange. Nicht gering von sich zu denken, heisst, Gruppendruck zu widerstehen, Institutionen zu verteidigen, an seiner Berufsehre festzuhalten und belanglos scheinende Unterwerfungsgesten, wie sie im Alltag des späten Sozialismus üblich waren, ebenso zu vermeiden wie Phrasen und Schlagworte.

«Also verbanne die Bildschirme aus deinem ­Zimmer und umgib dich mit Büchern», rät Snyder. Sosehr man seinen emphatischen Begriff von Öffentlichkeit teilen möchte, so wenig überzeugt die Frontlinie zwischen Büchern und Bildschirmen, gedruckten Zeitungen und Internet. Das ist nicht der Gegensatz, um den es geht. Hier wie da, überhaupt und überall soll man «freundlich zu unserer Sprache» sein, an die Wahrheit glauben, nach­fragen und prüfen. «Bevor du also über die Mainstreammedien spottest, denk daran, dass sie nicht mehr Mainstream sind. Es sind der Spott und die Verachtung, die Mainstream und einfach sind.» Ja, aber ein Rückzug in die Welt der Bücher wird nicht helfen. Das weiss Timothy Snyder, der das Bloggen empfiehlt, selber im Netz präsent ist und in seinem Buch dennoch den bequemen, weil vertrauten Gegensatz bemüht.

Erhaltung von Normalität

Interessanter ist seine Warnung vor «gefährlichen Wörtern» wie «Extremismus», «Terrorismus» und «Notstand». Wie eng die Rhetorik des «Ausnahmezustands» und die Ausschaltung von Gegnern, die Zerstörung von Regeln zusammenhängen, kann man bei Carl Schmitt nachlesen. Tyrannen bieten den Tausch realer Freiheit gegen falsche Sicherheit: «Moderne Tyrannei ist Terrormanagement.»

Diese Lektionen für den Widerstand richten sich nicht an Rebellen, Revolutionäre, Desperados und Umstürzler. Es geht um die Erhaltung und Etablierung von Normalität. Dazu reichen manchmal beiläufige Gesten der Höflichkeit. Die Opfer der Tyrannen – ob im faschistischen Italien, im Dritten Reich oder bei den Säuberungen im kommunistischen Osteuropa – haben nie vergessen, «wie sie von ihren Nachbarn behandelt wurden». Wichtig auch, sich nicht separieren und aufeinanderhetzen zu lassen. In der Volksrepublik Polen konnten die kommunistischen Machthaber eine Zeit lang Arbeiter und Studenten gegeneinander aufbringen. Die Befreiung begann mit der weder selbstverständlichen noch einfachen Zusammenarbeit von Arbeitern und Intellektuellen.

Am Ende steht mit Lektion zwanzig eine beunruhigende Aufforderung: «Wenn niemand von uns bereit ist, für die Freiheit zu sterben, dann werden wir alle unter der Tyrannei umkommen.» Dies ist die einzige Maxime, der keine Erläuterung folgt. Leicht liessen sich historische Beispiele finden, um sie herzuleiten oder plausibel klingen zu lassen. Dennoch widerspricht sie der Logik der vorherigen 19 Lektionen. Gewaltenteilung, Öffentlichkeit, Anstand und Mitmenschlichkeit wären doch zu verteidigen, um eine Situation zu vermeiden, in der Opfer «für die Freiheit» notwendig scheinen mögen.

In einem Epilog setzt Snyder seine republikanische Elementarlehre gegen die «Politik der Unausweichlichkeit» wie gegen eine «Politik der Ewigkeit», die statt über Zukunftsentwürfe zu streiten, Augenblicke der Vergangenheit mythisiert.

Timothy Snyders Widerstandsschrift wäre ein guter Anlass zum Streit über Voraussetzungen und Routinen der offenen Gesellschaft. Im Zustand aussergewöhnlicher Bedrohung Normalität zu wahren, ist eine Kunst, über die man mehr wissen möchte.

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