Bachmann-Preis: Ist das wirklich alles?

Ferdinand Schmalz gewann das Wettlesen in Klagenfurt, John Wray begeisterte. Und doch fragt man sich: Gibt es so wenig gute Texte?

John Wray, Gianna Molinari, Ferdinand Schmalz, Karin Peschka und Eckhart Nickel, die Gewinner der Klagenfurter Preise 2017. Foto: Gert Eggenberger (Keystone)

John Wray, Gianna Molinari, Ferdinand Schmalz, Karin Peschka und Eckhart Nickel, die Gewinner der Klagenfurter Preise 2017. Foto: Gert Eggenberger (Keystone)

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Tage der deutschsprachigen Literatur. Da lesen natürlich nur die Allerbesten. Schon weil es eine extrem harte Vorauswahl gibt. Monatelang buhlen die Autoren um diese Chance, gewissenhaft sichten die sieben Juroren eingesandte Manuskripte und gehen unermüdlich selbst auf die Suche nach verborgenen Talenten. Am Ende laufen die 14 interessantesten Autorinnen und Autoren in die ORF-Arena ein, deklamieren ihre Werke, Hammertexte, jetzig, mutig, witzig; den Schlussapplaus des Publikums hört man jedes Mal über den Wörthersee schallen.

Stimmt leider nicht ganz. Die Sache ist anscheinend eine basisdemokratische Veranstaltung. Dein Opa starb letztes Jahr? Schreibs uff. Voilà, erster Tag, zweiter Text. Ein 25-jähriger Klagenfurter (Björn Treber) erzählt von der Beerdigung, quietschend wie der von ihm geschilderte Leichenwagen. Nun gut, die Schweizer Jurorin Hildegard Keller sagt, sie finde das «frisch, poetisch und präzise». Ihre Kollegen aber zerlegen den Text nach Strich und Faden. Die eigentliche Frage aber, die sich nicht gegen den jungen Debütanten richtet, ist, wieso ein derart unlektorierter Text eingeladen und der Kritik ausgesetzt wird. Zumal, wenn direkt im Anschluss John Wray liest. Ein Amerikaner mit Kärntner Wurzeln. Was natürlich schon biografietechnisch ein Topmix ist, lokale Anbindung plus globales Flair (Brooklyn!). Wray hat aber auch bereits drei fulminante Romane veröffentlicht.

Hier nun trat er im erzählerischen Massanzug auf, «Madrigal» hatte den Zuschnitt, um einer hermeneutisch versierten Jury genauso zu gefallen wie dem Publikum: ein tolles Vexierspiel, eine Geschichte in der Geschichte in der Geschichte – und die letzte stülpt sich am Ende zurück über die erste, ein Text über Geschwisterliebe und einen amerikanischen Diktator, der die Welt via Twitter terrorisiert, alles perfekt verschachtelt. Ein Klagenfurter Student versus Vollprofi John Wray – das ist, als würde beim Schul-Sporttag plötzlich Usain Bolt mitlaufen.

Pubertäre Flapsigkeit

Gibts wirklich derart wenig richtig gute Texte? In Deutschland leben 82 Millionen Menschen, in Österreich noch mal 8, in der Schweiz auch noch ein paar, die Deutsch sprechen. Es gibt einen florierenden Literaturbetrieb, zig Verlage. Da müssen doch aussergewöhnliche Stimmen dabei sein. Die Frage wäre nicht so aggressiv gestellt, wenn nicht immer wieder diese Irritation aufgekommen wäre: Wie jetzt, dieser siebte Aufguss eines Entnazifizierungsdilemmas (Daniel Goetsch) soll der Status quo sein? Dann sagte auch noch Juror und Germanistikprofessor Klaus Kastberger, Wray brauche Klagenfurt nicht, Klagenfurt könne froh sein, dass Wray hier vorbeischaue. Das ist schon ein beeindruckender Ruf nach der Abschaffung dieses 40 Jahre alten Wettbewerbs – durch einen Programm-Mitverantwortlichen.

Die Sache ist die: Wir alle brauchen Klagenfurt. Gäbs diesen Wettbewerb nicht, man müsste ihn erfinden. Sieben Juroren haben ein Jahr Zeit, gute Texte zu suchen, die Autoren stellen sich ihrem Urteil, das Fernsehen überträgt, Literatur wird sichtbar, im Netz wird mitgefiebert! Und dann? Ein Weltuntergang in fast pubertär anmutender Flapsigkeit. Eingedampfte Romanexzerpte, zu vielschichtig für den 25-Minuten-Sprint. Eine Erzählung, die im Kirgistan heute spielt, geschrieben, als komme sie aus dem «Realismusseminar 19. Jahrhundert» (Urs Mannhart).

Vielleicht müsste die FAZ-Redakteurin Sandra Kegel mal ein Akquise-Tutorial für ihre Mitjuroren abhalten. Sie hat Sharon Dodua Otoo und Nora Gomringer, die Preisträgerinnen der letzten zwei Jahre, nach Klagenfurt geholt. Dieses Jahr hat Kegel Wray ins Deutsche her­übergezogen; sie hat auch den Grazer Dramatiker Ferdinand Schmalz über mehrere Jahre beschwatzt, es hier doch mal mit Prosa zu probieren. Was sich für ihn auszahlte: Mit seiner gekonnt gebauten Groteske «mein lieblingstier heisst winter» gewann Schmalz, der in echt Matthias Schweiger heisst, den Bachmann-Preis: Dort bringt ein Tiefkühlkostfahrer einem Kunden alle zwei Wochen Rehragout. Der Mann eröffnet ihm, er wolle sich umbringen, in jener Tiefkühltruhe, in der er das Rehragout gesammelt hat. Skurrile Kleinbürgerfiguren, raffiniert verschaltete Motive, so lustig wie abgründig erzählt. Und der Text hat einen Rhythmus wie ein Song.

Will man nicht hier lesen?

Schmalz und Wray wurden zu Recht ausgezeichnet. Der Rest aber war so dermassen lala, dass man sich nach zwei Tagen und zehn Lesungen ratlos fragte, wer die anderen Preise gewinnen soll. Glücklicherweise kam am Sonntag noch Eckhart Nickel des Wegs. Er hatte eine gut gebaute Erzählung dabei, die auf einem Biomarkt beginnt und zur ziemlich unheimlichen Dystopie wird. Nach ihm las die Schweizerin Gianna Molinari, deren Text von einem echten Fall erzählt: 2010 stürzte ein Senegalese aus dem Schweizer Himmel in ein Maisfeld. Er hatte sich im Fahrwerkschacht eines Flugzeugs versteckt. Dokumentarisch kühl, angereichert mit echten Polizeifotos und Zeitungstexten, verwoben mit der Geschichte eines Nachtwächters, der den Fall registriert hat, aber nicht verstand, dass da ein Toter vom Himmel kam, und der seither seiner Wahrnehmung misstraut. Der Text bekam den 3sat-Preis. Kann man machen. Man kann sich aber auch wundern, warum sachliche Kühle, die man hier feiert, anderen Autoren vorgeworfen wird.

Und man muss noch ein Problem erwähnen: Wray hat zuvor noch nie einen Text auf Deutsch veröffentlicht, wirds wohl auch nie wieder tun. 2016 gewann Otoo, von der sonst keine Texte auf Deutsch zu lesen waren. Gomringer sagt über sich: «Eigentlich biste nicht Prosa.» Und Schmalz ist Dramatiker. So waren die letzten vier grossen Siegertexte Kalkülkonstrukte, verfasst für den Wettbewerb. Will man nicht hier lesen? Weil es zu sehr Casting ist? Weil man keine Lust hat, sich von einem Juror sagen zu lassen, der Text müsse ein Achtel kürzer sein? Zumal, wenn dieser Juror das dann noch bei fünf anderen sagt? Gibts da draussen tatsächlich so wenig Lesenswertes? Oder geben sich die Juroren zu wenig Mühe beim Suchen? Hat das alles mit dem Nationenproporz zu tun: Wenn du für meinen Österreicher stimmst, darf auch deine Schweizerin . . . ? Rätselhaftes Klagenfurt.

Erstellt: 09.07.2017, 23:50 Uhr

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Die Ernte in Klagenfurt 2017

25 000 Euro, Ingeborg-Bachmann-Preis:
für «mein lieblingstier heisst winter» des Österreichers Ferdinand Schmalz.

12 500 Euro, Deutschlandfunkpreis:
für «Madrigal» des Österreichers/Amerikaners John Wray.

10 000 Euro, Kelag-Preis:
für «Hysteria» des deutschen Autors Eckhart Nickel.

7500 Euro, 3sat-Preis:
für «Loses Mappe» der Wahl-Zürcherin Gianna Molinari.

7000 Euro, BKS-Bank-Publikumspreis:
für «Wiener Kindl» der Österreicherin Karin Peschka.

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