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Ballast abwerfen und leben

Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison nimmt in ihrem neuen Roman die alltägliche Gewalt gegenüber schwarzen Kindern unter die Lupe.

Toni Morrison erzählt vom Heute, als sei es ein Märchen aus uralter Zeit. Foto: Damon Winter («The New York Times», Redux, Laif)
Toni Morrison erzählt vom Heute, als sei es ein Märchen aus uralter Zeit. Foto: Damon Winter («The New York Times», Redux, Laif)

Toni Morrison hasst den Titel ihres neuen Romans. «God Help the Child», zu Deutsch jetzt erschienen als «Gott, hilf dem Kind», ist ein halb verzweifelter, halb hinterhältiger frommer Wunsch, den eine alte, einsame Schwarze am Schluss des Buchs äussert. Und die Chancen, dass er erfüllt wird, stehen nicht sehr gut.

Überhaupt haben die ­Errettungen und Erlösungen im elften Roman der 86-jährigen Literaturnobelpreisträgerin nichts, aber auch gar nichts mit himmlischer Güte zu tun. ­Dafür umso mehr mit menschlicher Härte: mit Nehmerqualitäten, Resilienz, der Fähigkeit, sich irgendwann nicht mehr von vergangenem, erlittenem Unrecht beherrschen zu lassen. Diese Emanzipationen sind Früchte des Zorns. Darum hatte die grosse afroamerikanische Romancière ihre neue literarische Recherche gebeutelter und verbogener Seelen ursprünglich auch mit «The Wrath of Children» überschrieben, «Der Zorn von Kindern» – einem Titel wie ein Echo auf John Steinbecks apokalyptische Gesellschaftsanalyse «The Grapes of Wrath».

Das Raue in der glatten Welt

Morrison berichtete in einem Vortrag über den Roman, dass sie erst nach Jahren den rechten Ton fand für die in der Gegenwart spielende Geschichte über den Furor der Kinder; den Stil, die Rauheit aus dem Innern sprachlich in die oberflächenfixierte, glatte Werbewelt des 21. Jahrhunderts zu schmuggeln. ­Heranwachsende würden versuchen, «sich hindurchzuwühlen durch ihre Wut darüber, was Erwachsene ihnen angetan haben; sie zu überwinden, sie einzuhegen». So werde ihr ganzes Leben von dieser Wut geprägt – und von der Sehnsucht, dazuzugehören, trotz allem.

Ja, die Autorin spiegelt in ihrer neuen Protagonistin namens Bride ein Stück eigene Kindheitserfahrung wider: Morrison hatte sich einst wegen der Verachtung der Grossmutter schmutzig und hässlich gefühlt. Brides blauschwarze Haut ist wiederum für ihre hellbraune Mutter ein Schock und Makel – und für ihren Vater ein Hinweis auf die Untreue der Mutter. Diese erzieht ihre Kleine ­daher streng, lieblos, fast ohne Berührung; der Vater verlässt die Familie bald. Der «Colorism» – die Bewertung des Menschen nach seinem Hautton –, der unter den Afroamerikanern in den 1980ern eine grosse Rolle spielte, macht aus dem nachtschwarzen Kind einen Freak, ein Geschöpf ohne Perspektiven. «Was man Kindern antut, zählt», realisiert Brides reuige Mutter später. Aber sie habe es nur gut gemeint und die Tochter stählen wollen für ein Leben der Erniedrigung.

Weiss gekleidet

Seit dem Debütroman «The Bluest Eye» (1970) kreist Morrisons Schreiben darum, was passiert, wenn man einem Kind einimpft, dass es lebenslang abgelehnt sein wird. Doch wo die junge Schwarze in «The Bluest Eye» den Verstand verliert und sich blaue Augen ins Gesicht imaginiert, geht jene in «Gott, hilf dem Kind» den umgekehrten Weg: Sie schlägt Kapital aus ihrer Hautfarbe, erfindet sich neu, trägt, kontrastierend zu ihrer Haut, stets nur weisse Kleidung und treibt als pantherhafte Schönheit Männer jeder Couleur in den Wahnsinn. Bride wird Kaderangestellte einer Kosmetikfirma.

Die Idee für ihren neuen Look als exotisches Luxusgut gab ihr ein gewiefter Selfmarketingstratege. Dass sie durch diese Verwandlung den kapitalistischen, weissen Markt, die Ausbeutung, Konsumgier und Rankingobsession und damit auch den gängigen Sexismus und Rassismus zementiert, stört Bride nicht. Sie ist froh, endlich oben angekommen zu sein, bei den Schönen und Reichen, eine schicke Wohnung zu haben und im coolen Auto zu angesagten Partys zu cruisen. Auch smarte Liebhaber hat sie en masse genossen – nur mit der Liebe hapert es. Eben wurde sie von dem Mann verlassen, dem sie vertraut hatte wie keinem. Er heisst Booker Starbern – und der Name ist Programm, bezieht sich auf erworbene «Buch»-Weisheit und den Meister aus Deutschland, den Tod.

Er hat im Trompetenspiel Trost gesucht, im Zynismus Halt, in der Beziehung Ablenkung. Und nichts davon wirklich gefunden.

Denn Starbern hat selbst ein Kindheitstrauma, von dem Bride nichts weiss: den Missbrauch und die Ermordung seines Lieblingsbruders durch einen Pädophilen mit «kreideweisser Haut». Starbern zelebriert das Gefühl, seinen toten Bruder mit sich durchs Leben zu tragen. Als wütender schwarzer Student studierte er Karl Marx und Walter Benjamin, ackerte sich durch die Geschichte der Sklaverei und las die ­Bücher des streitbaren afroamerikanischen Sozialreformers Frederick Douglass wieder und wieder. Er hat im Trompetenspiel Trost gesucht, im Zynismus Halt, in der Beziehung Ablenkung. Und nichts davon wirklich gefunden.

«Du bist nicht die Frau, die ich will», beschied er Bride nach einem halben Jahr und verschwand. Sie redet sich ein, dass sie ohne ihn sowieso besser dran ist. Jetzt kann sie sich auf die Einführung ihrer Kosmetikmarke und Wimperntusche konzentrieren: «Eine Frau konnte dünn sein wie eine Kobra und halb verhungert, aber wenn sie Möpse wie Pampelmusen und Augen wie ein Waschbär hatte, war sie plemplem vor Glück.»

Aber vorher will sie ihren Plan umsetzen, einer wegen pädophiler Handlungen verurteilten Lehrerin, gegen die sie als Schulkind ausgesagt hatte, zur Haftentlassung Geschenke zu bringen – alle Motive verschränken sich. Doch: «Als ich mich für die Fahrt umzog, bemerkte ich etwas Seltsames. Mein Schamhaar war bis aufs letzte Härchen verschwunden – so, als wäre es nie da gewesen.»

Roadmovie mit magischer Ebene

Morrison gibt also nicht nur diversen Icherzählerinnen eine Stimme – Bride, Brides Mutter, ihrer Freundin, der Ex-Lehrerin, einem missbrauchten Mädchen. Sie wechselt nicht nur von der Ich- zur personalen Perspektive, etwa jener von Booker und Bookers weiser Tante. Sondern sie zieht zudem eine magische Ebene ein. Während Bride sich, in einer Art Roadmovie, auf den Weg nach verdrängten Wahrheiten macht, sieht sie, wie ihr Körper sich zurückentwickelt ins verletzte, bange Kind, das sie war; ist.

So viele Konzepte, Themen und Analysen, so viele Storys: In «Gott, hilf dem Kind» steckt eine Menge – eindeutig mehr, als die Romancière auf den 200 Seiten geschmeidig unterbringen kann. Charakterskizzen werden angerissen und beiseitegelegt, Erinnerungen zu stereotypen Schlüsselerlebnissen zusammengeschnurrt statt narrativ zum Leben erweckt. Das Buch, das mit grossen Hoffnungen erwartet, mit Vorschusslorbeeren bedacht worden war, reicht an Morrison-Meisterwerke wie «Beloved» (1987) nicht heran. «Am Ende jeder literarischen Reise soll ein hilfreicher Wissenserwerb stehen», beschreibt die Autorin ihr pädagogisches Projekt. Nicht die Faszination des Bösen, sondern die Möglichkeit des Guten stehe für sie im Fokus: Bride und Booker sind Pilger, werden Ballast abwerfen und sich bemühen, dem Kind, das in Bride heranwächst, gute Eltern zu sein. Vor lauter schöner Absicht geht da im Roman bisweilen unter, was Toni Morrisons Texte tatsächlich aufleuchten lässt: jener Stil, der klingt wie ein Märchen aus uralten Zeiten und doch im Heute daheim ist.

«Als Booker seinen Bruder zum letzten Mal sah, rollte er im Abendlicht auf seinem Skateboard den Gehweg hinunter, sein gelbes T-Shirt ein leuchtender Punkt im Schatten der Eschen. Es war Anfang September, und noch war nichts bereit zu sterben. Die Ahornblätter taten so, als wäre ihr Grün für die Ewigkeit. Die Eschen wuchsen unverwandt dem wolkenlosen Himmel entgegen. Die Sonne begann umso wütender zu strahlen, je näher sie dem Horizont sank.» In Thomas Piltz’ recht freier, aber treffsicherer Übersetzung glühn immer wieder die Bilder; brennt der Schmerz. Auch «Gott, hilf dem Kind» trägt reiche Früchte des Zorns.

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