Wie Shitstorms entstehen

Bernhard Pörksen erklärt eine grausame Web-Dynamik.

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Washington im Herbst, Soldatenfriedhof. Die Lehrerin Lindsey S. steht vor einem Schild mit der Aufschrift «Silence and Respect». Sie lässt sich fotografieren, wie sie dem Schild den Stinkefinger zeigt. Eine spätpubertäre Flause? Sicher. Peinlich und unanständig? Das auch. Aber mehr als das?

Es ist viel mehr als das. S. hat das Bild auf Facebook gestellt, von dort wird es herauskopiert. Die Copy-Paste-Kadenz steigt, der Hass kocht hoch. S. wird vorgeworfen, sie beschmutze das Ansehen der Soldaten; sie wird beschimpft. «Stirb, Fotze!» Und: «Hoffe, diese Schlampe wird vergewaltigt und erstochen.» S. gerät in Panik, entschuldigt sich in aller Form. Es sei doch nur um das Schild gegangen, nicht um die Soldaten, die «unsere Freiheit so heldenhaft verteidigt haben».

Aber es nützt alles nichts. Der Shitstorm ist da. Ihr Arbeitgeber will da lieber nicht mit hineingezogen werden, er entlässt S. kurzerhand. Ihre Hausadresse kursiert im Web, sie wird bedroht. S. bekommt Depressionen. Der Ruf ist ruiniert, die Existenz liegt in Scherben. Und das wegen eines einzigen, dummen Bildes.

Der Fall S. von 2012 ist eine der schockierenden Web-Geschichten, die Bernhard Pörksen in sein neues Buch eingearbeitet hat. Zuletzt hat sich der Tübinger Medienprofessor mit klugen Analysen zum Fall Böhmermann-Erdogan hervorgetan. Nun geht es ihm um die digitale Eskalation, die scheinbar aus dem Nichts kommt und ganze Biografien zerdrückt.

«Niemand», schreibt Pörksen, «kann sich auch nur im Ansatz vorstellen, was mit seinen Facebook-Postings, seinen Fotos, den eigenen Twitter-Botschaften oder SMS-Nachrichten geschieht, wie sie vielleicht schon in diesem Moment oder aber erst eines fernen Tages von anderen interpretiert und instrumentalisiert werden.»

Die drei grundlegenden Probleme

Doch woher kommt die «grosse Gereiztheit», nach der Bernhard Pörksen sein Buch benannt hat? Der Wissenschaftler vergleicht das Internet mit einem weltumspannenden Nervensystem, «das man nur ganz leicht reizen muss, um kaum noch steuerbare Erregungsschübe zu produzieren, Impulsgewitter».

Problem eins: Kaum noch getrennte «Informationssphären». Die Folge ist eine «konstante Verstörung durch Vernetzung»: Der 14-jährige Teenager stösst mit zwei Klicks auf IS-Propaganda, die 64-jährige Uni-Professorin auf absurde Witzvideos. Solche Irritationen wäre ihnen im analogen Zeitalter nicht so schnell widerfahren.

Problem zwei: Fake-News. Im US-Wahlkampf 2016 seien die 20 erfolgreichsten erfundenen Geschichten häufiger geteilt worden als die 20 erfolgreichsten Nachrichten etablierter Medien, analysiert Pörksen. Er zitiert Forscher, die US-Amerikanern Fake-News vorgelegt haben: Fast drei Viertel der Probanden waren unfähig, die Fake-News als solche zu erkennen. Erfolgreiche Lügen vergiften die Atmosphäre im Web, Pörksen schreibt von «narrativ infektiösen Geschichten», einer Kombination des «Wow-Effekts der Überraschung» mit «dem Seditativum der Bestätigung dessen, was man ohnehin für richtig hält».

Der krasseste Fall einer solchen Fake-News-Infektion war die Behauptung, Hillary Clinton betreibe in einer New Yorker Pizzeria einen Kinderschänderring. Im Dezember 2016 wurde in dieser Pizzeria ein aufgebrachter, bewaffneter Mann festgenommen, die Fake-News hatte reale Folgen gezeitigt. Die etablierten Medien anderseits werden von den sozialen Medien zu unguter Eile angetrieben. Bei einer Terrorattacke kommen über Facebook und Co. jeweils sofort Gerüchte in Umlauf. Hastig publizierte Meldungen erweisen sich als falsch und ramponieren das Image der Journalisten, Pörksen nennt das «Temposchäden». Prägnante Kofferwörter gehören zu den Stärken dieses Autors, der eine zugängliche, kaum akademisierte Sprache pflegt.

Problem drei: Anonymität. Viele Hasskommentare werden unter dem Mäntelchen von Pseudonymen verfasst, und die Adressaten sind in den meisten Fällen abstrakte Zielscheiben, die man nur digital «kennt» und deshalb mit voller Härte attackieren kann, ohne deswegen Gewissensprobleme zu bekommen. Pörksen: «Nonverbale, Empathie fördernde Signale und unmittelbare, zeitnahe Reaktionen fehlen.»

Streit mit anderen Forschern meidet Bernhard Pörksen weitgehend. Eine Ausnahme ist die These der «Filterbubble», die er überzeugend platzen lässt. Jene These, die auf den Polit-Aktivisten Eli Pariser zurückgeht und 2017 in fast jeder Zeitung und an fast jeder Party diskutiert wurde. Ihr zufolge ist das Web fragmentiert in Echokammern, in der man bloss seine eigene Meinung widerhallen hört.

Ein Tweet in den USA kann Tote in Afghanistan zur Folge haben.

Pörksen vertritt die Gegenthese vom «Filter Clash», die Annahme, dass die unmittelbare mediale Nachbarschaft unterschiedlicher Meinungen andauernd Kollisionen und Konflikte erzeuge. Person A regt sich über etwas auf, und sofort regt sich Person B über die Aufregung von A auf. Ein Gehässigkeitszirkel, dessen Erneuerung sich auf Facebook und Twitter tagtäglich beobachten lässt. Pörksen gebraucht dafür den Begriff von der «Empörung zweiter Ordnung».

Richtig gefährlich wird es, wenn populäre Medien oder Personen ihre Scheinwerfer auf diese ständig brodelnde Empörung, auf diesen ständig blubbernden Irrsinn richten. Ein Beispiel dafür ist der amerikanische Hassprediger, der im Sommer 2010 auf Twitter zu Koranverbrennungen aufgerufen hatte. Sein irrer Tweet fand einen Weg über Blogs zum Fernsehsender CNN – und von dort aus in die gesamte islamische Welt. In Afghanistan kam es zu Protesten, Menschen starben.

Solide Medienbildung gefordert

Zu Ende seines Essays gibt Pörksen Empfehlungen ab, wie dem Malaise beizukommen sei. Es sind eher konventionelle Vorschläge. Ganz der Medienwissenschaftler, fordert er mehr Bildung, am besten fix verankert als Schulfach. Pörksen nennt es «Prinzipien der redaktionellen Gesellschaft», meint damit aber wenig mehr als solide Medienbildung. Schüler und Bürger sollen vermehrt wie Journalisten denken, erklärt er. Also kritisch sein gegenüber den Quellen, Kontexte berücksichtigen, andere Meinungen zulassen.

In «Die grosse Gereiztheit» vermengt Bernhard Pörksen gekonnt die neusten, kräftigsten Web-Anekdoten und -Thesen; das Buch ist ganz auf der Höhe seiner Zeit, im Jahr 2015 hätte es nicht geschrieben werden können. Es reiht sich lückenlos ins Regal lesenswerter deutschsprachiger Internet-Theorie, neben einem Christoph Kucklick, Arno Frank oder Roberto Simanowski.

Dennoch, oder gerade deshalb, ist die Lektüre leise enttäuschend. Denn bis jetzt bleiben die Deuter des Netzes sehr nahe an ihren Untersuchungsobjekten und deren gegenwärtiger Verfassung, wählen kompakte soziologische oder feuilletonistische Zugänge, entscheiden sich für diesen oder jenen Aspekt. Was fehlt, sind die ausgreifenden, umfassenden, mutigen, grundsätzlichen, generalisierenden, auch überambitionierten und verstiegenen Theorien – kurz: Die Phänomenologie des digitalen Geistes muss noch geschrieben werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2018, 14:38 Uhr

Bernhard Pörksen: Die grosse Gereiztheit. 256 Seiten, 34 Franken. Ab Montag im Handel.

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Bernhard Pörksen (*1969) ist Professor für Medienwissenschaften an der Universität Tübingen. Er forscht zu Medienskandalen und Debattendynamiken. (Bild: zvg)

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