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Beispiel I: Der Liebesroman

«Ein ganzes halbes Jahr» der Engländerin Jojo Moyes wurde seit 2013 im deutschsprachigen Raum drei Millionen Mal verkauft (weltweit 12 Millionen Mal), die Taschenbuchausgabe steht seit 75 Wochen auf der Bestsellerliste. Es ist eine «Romantic Novel»: Die arbeitslose Louisa wird für ein halbes Jahr als ­Pflegerin des reichen Ex-Bankers Will engagiert, der nach einem Unfall querschnittsgelähmt und lebensmüde ist.

Erst mögen sie einander überhaupt nicht, dann aber doch. Louisa entwirft ein Programm von Aktivitäten, um Will wieder Freude am Leben zu geben; er zeigt der unbedarft vor sich hinsumpfenden Arbeitertochter, was ein lebenswertes Leben überhaupt ausmacht: Bildung, Kultur, beruflicher Ehrgeiz. Obwohl sie sich bei einem romantischen Urlaub auf Mauritius am Strand ihre Liebe erklären und leidenschaftlich küssen, scheitert Louisas Lebensrettungsprogramm. Nicht jedoch Wills Pygmalion-Projekt, zumal er seiner Pflegerin nach seinem Freitod eine grosse Summe hinterlässt. Kein unbedingtes Happy ­Ending, aber für Will – das ist nicht ­zynisch gemeint – ein «happy death» und für Louisa happy Erbe.

Reiche sind eiskalt, Arme haben Herz

Jojo Moyes versteht ihr Handwerk, sie schreibt flüssig und plastisch. In der Unterhaltungsmittelschicht rangiert sie damit eher oben. Sie nimmt sich aktuellen gesellschaftlichen Debattenthemen an: die Nöte der Behinderten, das Recht auf den eigenen Tod. Auch der Klassencharakter der englischen Gesellschaft ist deutlich markiert.

Markiert ist diese aber auch moralisch, und das höchst stereotyp: Die Reichen sind eiskalt oder moralisch dubios, die Armen haben dagegen, um auch sprachlich zu den Klischees zu greifen, die hier naheliegen, das Herz auf dem rechten Fleck. Louisas Freund, ein Fitnessfanatiker, ist ein eindimensionaler Charakter und deshalb leicht zu ent­sorgen. Aber auch Louisa, deren aus­gestellte Unperfektheit und munterer Erzählton lange gefällt, wird immer mehr als Teilchen einer konventionellen dramaturgischen Mechanik erkennbar.

Sprachlich im Rahmen des Konventionellen

Ihre Graumäusigkeit, ihre provinzielle Anspruchslosigkeit erklärt die ­Autorin als Folge eines Traumas – als junges Mädchen wurde sie von einer Gruppe Halbstarker betrunken gemacht und missbraucht. Will heilt das Trauma und macht sie frei für ein neues Leben. Das hässliche Entlein verwandelt sich in einen glücklichen Schwan – wozu auch das Verschwinden ihres behinderten Wohltäters gehört, denn wie hätte ihr Leben an seiner Seite als Pflegerin wohl weiter ausgesehen?

Mit einer defizitären Heldin, dem «Abgehängten»-Milieu und dem Tod des Helden konterkariert Jojo Moyes zwar Leseerwartungen, erfüllt sie mit der Verwandlung des Kleinstadt-Aschenputtels in eine moderne junge Frau auf einer ­höheren Ebene dann aber doch wieder.

Dass die Autorin sprachlich ganz im Rahmen des Konventionellen bleibt, mögen Sätze belegen, die fallen, wenn Louisa besonders aufgeregt ist: «Ich konnte mich nicht erinnern, jemals zuvor in einer so unangenehmen Situation gewesen zu sein.» – «Es war unbeschreiblich.» – «Will sah mich an. Mit seinen unergründlichen blauen Augen. In meinem Magen flog eine Wolke Schmetterlinge auf.» Die Sprache kann mit den Emotionen, die sie wiedergeben will, nicht ­mithalten: ein untrügliches Zeichen für die Lücke, die nach oben, zur Literatur, klafft. (ebl)

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