Brüllen nützt den Rechten

Was der Tumult auf der Frankfurter Buchmesse über die Meinungsfreiheit lehrt.

Demonstranten verhindern die Fortsetzung einer Veranstaltung des rechten Verlages Antaios. Polizisten bilden dabei eine Kette. Foto: Frank Rumpenhorst (Keystone)

Demonstranten verhindern die Fortsetzung einer Veranstaltung des rechten Verlages Antaios. Polizisten bilden dabei eine Kette. Foto: Frank Rumpenhorst (Keystone)

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Die Rechtspopulisten sitzen im Deutschen Bundestag, in Österreich vielleicht bald in der Regierung, in Polen und Ungarn drehen sie seit längerem bürgerliche Freiheiten zurück. Was bedeutet da schon ein Stand mit dubioser Propaganda auf der Frankfurter Buchmesse? Ein Stand – unter mehr als 7000 aus aller Welt? Einiges, wenn es diesem einen Stand gelingt, sich mit gezielten Provokationen in den Mittelpunkt der Berichterstattung zu schieben, die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Am Samstag sind zwei Lesungen aus dem Ruder gelaufen, die der rechtsgerichtete Antaios-Verlag veranstaltete; es kam zu Schreiduellen zwischen Anhängern und Gegnern, zu Rangeleien, zum vorsichtigen Einsatz von Security und Polizei, zu drei Festnahmen. Nichts Schlimmeres. Oder doch? Der Auftritt der «Antifaschisten» (so die politische Selbsteinordnung der einen Schreigruppe) hat es Antaios-Verleger Götz Kubitschek und seinen am Reden gehinderten Rednern – Björn Höcke, Extremist selbst in der AfD, und dem einstigen Katzenkrimiautor Akif Pirincçi – ermöglicht, sich als Opfer zu inszenieren.

Von der «Intoleranz der Toleranten» hatte Kubitschek schon am Messemittwoch schwadroniert, als er auf den Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann traf. Dieser schob gerade ein Tischlein, gedeckt mit Flyern der Anne-Frank-Stiftung, demonstrativ vor den Stand der Rechtspopulisten und liess sich vom Hessischen Rundfunk dabei filmen. Feldmann war es auch, der die Messeleitung für ihre «Fehlentscheidung» kritisiert hatte, den Antaios-Verlag überhaupt zuzulassen. Ein bizarres Verständnis von Meinungsfreiheit für ein Stadtoberhaupt! Natürlich dürfen Bücher, solange sie nicht gegen Gesetze verstossen (etwa zu Straftaten auffordern oder gegen bestimmte Menschengruppen hetzen), auf der Buchmesse ausliegen, dürfen ihre Autoren mit Lesung und Diskussion für ihre Inhalte werben.

Argumentative Entwaffnung

Denn genau das ist die Buchmesse, soll sie sein: ein Triumph des freien Wortes in einer Zeit, da dieses auf vielen Kontinenten bedrängt, verfolgt, verboten ist. Unter das freie Wort fällt vieles Seltsame, auch Unappetitliches, Grenzwertiges. Wer durch die Gänge schlendert, stösst jedes Jahr auf Esoteriker und Fanatiker aller Art, in den Hallen der internationalen Verlage auch auf die Propaganda diverser Diktaturen. Man möchte etwa gar nicht so genau wissen, was an den Ständen des Iran (der dieses Jahr wieder anwesend war) alles über das Nichtexistenzrecht Israels geschrieben steht.

Spinner muss und kann man ertragen. Auch Provokateure vom rechten Rand. Wie man mit ihnen umgeht, ist allerdings eine Frage, auf die die Buchmesse keine befriedigende Antwort gefunden hat. Dass Mitglieder der Messeleitung einen Stand zulassen und dann mit Plakaten «Gegen Rassismus» vor ihm aufmarschieren, ist rührend, aber nicht souverän. Man hätte die Antaios-Leute auf einen unattraktiven Randplatz setzen, ihre Veranstaltung fern von Masse, Trubel und Risiko verlegen und von vornherein für sichtbare Polizeipräsenz sorgen können.

Die eigentlichen Feinde der Freiheit waren diesmal die «Antifaschisten».

Soll man mit Rechten reden? Und wenn ja, wie? Das ist eben ein neues Problem, nicht nur für die Buchmesse, sondern für die Zivilgesellschaft, im Moment besonders für die deutsche. Diese Zivilgesellschaft darf sich nicht ins Bockshorn jagen lassen – also den «Schmuddelkindern» aus lauter Berührungsangst die Tür weisen. Das wäre nicht nur ein Verstoss gegen die eigenen Prinzipien, sondern auch ein Fehler: Weil es Aggressoren zu Opfern macht – ein Mechanismus, dessen sich gerade die Rechtspopulisten gern bedienen und den Karl Kraus einst als «verfolgende Unschuld» bezeichnet hat. In diesem Sinne hatte Antaios-Verleger Kubitschek sich bereits über ein Zahnpasta-Attentat auf seine Bücher beklagt und Polizeischutz verlangt.

Die eigentlichen Feinde der Freiheit, man muss es leider sagen, waren diesmal die «Antifaschisten», die den Gegner niederbrüllten, statt ihn argumentativ zu entwaffnen. Das geht, auch wenn es nicht ganz einfach ist. Denn Kubitschek und die Anderen sind keine dumpfen Nazis, sondern raffinierte Rhetoriker, auf deren Tricks man leicht hereinfällt. Übrigens auch wir Medien, wenn wir über jedes Stöckchen, das uns die Rechtspopulisten hinhalten, bereitwillig springen. Auch hier.

Erstellt: 16.10.2017, 19:48 Uhr

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