«Bücher mit Witz sind mir einfach lieber als andere»

Der Österreicher Wolf Haas hat mit seinen Brenner-Krimis eine eigene Kunstform geschaffen.

«In jedem meiner Romane wird etwas amputiert», sagt Wolf Haas. Und meint damit Verben ebenso wie Gliedmassen. Foto: Urs Jaudas

«In jedem meiner Romane wird etwas amputiert», sagt Wolf Haas. Und meint damit Verben ebenso wie Gliedmassen. Foto: Urs Jaudas

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Reden wir doch gleich von der spezifischen «Brenner-Sprache». Sie ist in Ihren Romanen beinahe der grössere und wichtigere Genuss als die Geschichte. Wäre das ein positives Feedback für einen Autor von Krimis?
Auf jeden Fall. Grad bei den Brenner-Romanen. Wenn man sie mag, dann wohl wegen der Art, in der sie geschrieben sind. Wegen dieser komprimierten, unvollständigen Kunst-Umgangssprache. Es ist übrigens auch das, woran sich die Geister scheiden. Es ist der Stil eines Erzählers, der aufgeregt von Aufgeregtem zu berichten hat, und ich könnte es gar nicht anders schreiben als in dieser ­Melodie der Aufregung.

Man fragt sich oft: Wer erzählt eigentlich? Sie? Ein anderer Brenner-Versteher?
Das schwankt ein bisschen und bleibt unklar die ganze Zeit. Aber der Erzähler ist in allen Romanen neben dem Brenner die Konstante, und eigentlich ist er für mich die Hauptfigur, und der Brenner spielt nur die zweite Hauptrolle, gewissermassen als Projektion dieses Erzählers. Jeder für sich wäre komplett uninteressant. Die Beziehung macht ihren Witz aus. Der Erzähler ist Brenner-Kritiker manchmal und manchmal -Bewunderer. Und so hab ich es einfach geschrieben, und als ich nachher darüber nachdachte, habe ich gesehen: Das ist sozusagen der optische Trick, der dem Brenner Realitätsgehalt gibt. Man hat das Gefühl, den gibts wirklich, weil einer sich über ihn Gedanken macht.

Geraten Sie selbst beim Schreiben auch in diesen erregten Erzählfluss?
Ja, ich höre es reden, und der Rhythmus erzählt die Geschichte, und man gerät in den Fluss, welcher der Haltung des Erzählers entspricht. Erst danach denke ich oft darüber nach und denk dann manchmal: Eigentlich ist es so ein «zugewandtes Sprechen» wie, sagen wir, zu einem Kind, das die Sprache noch nicht beherrscht, aber schon ganz viel mitbekommt. Es ist dieses Eindringliche, dieses «Pass auf, was ich dir jetzt sag». Wichtig ist gar nicht so sehr, worauf man aufpassen soll, sondern die Hitze des Sprechens ist das Entscheidende und dass der Erzähler etwas ganz ungemein wichtig nimmt.

Es ist aber schon eine sehr kunstvoll komponierte Sprache, um mit einem Kind zu reden . . .
Klar, das wird sehr oft überarbeitet, das ist ja notwendig, damit das nicht total entgleist und wieder uninteressant wird. Plappern soll ein Text ja nicht. Allerdings, bei der ersten Fassung versuche ich jeweils, mich nicht zu kontrollieren. Da will ich den Kontrollradar der Kunst sozusagen unterfliegen.

Führt das auf der Ebene der Geschichte manchmal in die Irre?
Nun ja, bei mir regiert schon die Form über den Inhalt. Notfalls schreibe ich die Geschichte um, damit ich eine grammatische Wendung, die mir gefällt, behalten kann. Es ist mir schon passiert, dass mir in einem Dialog für jemanden eine extrem gute Antwort eingefallen ist. Aber blöderweise ist die Figur schon im Kapitel vorher gestorben, und da hab ich sie dann halt doch weiterleben lassen.

Lieber ein Stücklein Logik verlieren als eine gute Formulierung?
Natürlich herrscht keine totale Willkür, ich wär auch nicht zufrieden, wenn die erzählerische Logik ganz über Bord ginge. Ein Krimi soll schon ein Krimi bleiben. Aber sagen wir: Ich belaste das Regelgerüst ziemlich.

Der Kriminalroman, das ist ein breites Spektrum zwischen Schund und Hochliteratur. Die Kritik hat ihm lang misstraut. Warum haben Sie sich für das Genre entschieden?
Wissen Sie, ich stehe ja dem Misstrauen positiv gegenüber, ich fürchte mich eher vor der literarischen Adelung des Krimis. Ich schätze nämlich die Freiheit des wenig Geachteten. Man kann sich mehr erlauben in den unliterarischen Bereichen. Man ist nicht von vornherein dem Kontrollsystem unterworfen. Wobei: Wenns gut wird, ists auch in Ordnung.

Sie sind jetzt Träger des Jonathan-Swift-Preises. Wie wohl fühlen Sie sich im Kreis der preisgekrönten Satiriker?
Ich fühle mich nicht in einem Kreis. Und auch nicht als Satiriker, überhaupt nicht. Satiriker, so wie ich das verstehe – etwas eng vielleicht –, haben doch eine didaktische oder moralische Agenda. Bei mir ist es simpler: Bücher mit einem gewissen Witz sind mir einfach lieber als andere.

Zum Krimi gehört allerdings auch seriöse Gewalt. Bei Ihnen fällt auf, wie viele Gliedmassen abgehackt und womöglich geschnetzelt werden. Macht Ihnen das Makabere Freude?
Nicht das Brutale, sondern das Comichafte daran. In den Brenner-Romanen sind es doch eher Überhöhungen wie im Zeichentrickfilm. Sozusagen: Die Katze wird platt gewalzt und steht gleich wieder auf. Dieser Kontrast ist aushaltbar, glaube ich. Aber tatsächlich, in jedem meiner Romane wird etwas amputiert, und am allerbesten hat mir einmal eine Buchbesprechung gefallen, in der ein Kollege von Ihnen Parallelen zu meiner Sprache zog. Er nannte mich «Prädikat-Mörder», weil ich oft Verben amputiere.

Man denkt nicht grad an Gewalt bei Ihrer Herkunft, Maria Alm am Steinernen Meer klingt idyllisch.
Ich bin ja 1960 geboren, und in meinem Dorf gabs 15 Jahre nach dem Krieg nicht wenige Männer, denen Gliedmassen gefehlt haben. Es liegt da also schon eine einschlägige Prägung vor.

Vier Brenner-Romane sind verfilmt worden, und ich kann mir jetzt eigentlich nur noch einen Brenner vorstellen, der aussieht wie Josef Hader in den Filmen. Sie haben da ein Stück Urheberschaft abgegeben, stört Sie das nie?
Gar nicht. Ich wollte ursprünglich noch viel mehr abgeben und gar nichts zu tun haben mit den Filmen. Aber ich wollte mir Regisseur und Hauptdarsteller aussuchen dürfen. Das durfte ich, und da ist man wirklich ein Glückspilz als Autor. Dazu hat der Regisseur, Wolfgang Murnberger, gesagt, er wolle keiner sein, bei dem der Autor sich dann vom Film distanziere, ich solle gefälligst mitarbeiten.

Den Buch-Brenner, der etwas weniger fassbar ist als der im Film, beutelt es in der Weltgeschichte herum. Wo wohnt der eigentlich?
Das ist eine gute Frage, weils mir immer ganz wichtig war, dass der Brenner keine Wohnung hat. Der wohnt ja meistens bei seinen Fällen. Das gibt ihm etwas Geisterhaftes. Wie wenn er nur aufwachen würde, wenn was passiert, und dann kriecht er wieder in seinen Sarg.

Fünf Romane fangen an mit dem Satz «Jetzt ist schon wieder was passiert». Ist brennermässig schon wieder etwas am Passieren?
Im Moment nicht. Ich weiss nicht, wo der Brenner jetzt gerade ist und ob ich ihm nochmals begegne.

Erstellt: 20.11.2016, 17:29 Uhr

Wolf Haas

Krimiautor und Sprachtüftler

Wolf Haas, geboren 1960 und aufgewachsen in Maria Alm im Salzburgerland, ist promovierter Linguist – was seine Auswirkungen haben mag in der experimentellen Sprache seiner Krimis. Acht Brenner-Romane sind bis jetzt erschienen (neben einigen brennerlosen Büchern), vier davon wurden verfilmt. Gestern wurde Haas ausgezeichnet mit dem mit 20'000 Franken dotierten «Jonathan Swift – Internationaler Literaturpreis für Satire und Humor» der in Zollikon ZH ansässigen Werner-Dessauer-Stiftung. (csr)

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