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Damit die Teekanne wieder spricht

Wie man künftig erzählen muss: Das skizziert Olga Tokarczuk in ihrer Nobelpreisrede, die jetzt als Büchlein erschienen ist.

Olga Tokarczuk während ihrer Nobelpreisrede im letzten Dezember in Oslo. Bild: EPA
Olga Tokarczuk während ihrer Nobelpreisrede im letzten Dezember in Oslo. Bild: EPA

Ärger und Aufregung um Peter Handke haben den Auftritt der zweiten Nobelpreisträgerin, der Polin Olga Tokarczuk, etwas in den Hintergrund gedrängt. Dabei hat sie eine Rede gehalten, die über Tag und Anlass hinaus von Bedeutung ist. Zum Glück tut der Zürcher Kampa-Verlag alles Erdenkliche für seine Starautorin, und so kann man diese Rede jetzt als Büchlein lesen (zusammen mit einer zweiten, die vom Übersetzen handelt).

In ihrer «Der liebevolle Erzähler» überschriebenen Rede schlägt sie weite Gedankenbögen, zurück in die Ära des Mythos, aber auch in ihre Kindheit, als sie noch glaubte, alles sei beseelt, wie die sprechende Teekanne in Andersens Märchen. Und schlägt die Bögen zu uns, denen die Welt unter den Händen wegstirbt und die einen neuen Zugang zu ihr brauchen. Das Wissen, das uns das Internet zur Verfügung stellt, überfordert uns, der Dauerbeschuss an Ereignissen und Informationen provoziert Abwehr; wir wollen, was wir sehen und wissen, lieber nicht glauben.

Wer erzählt, macht sich zum Zentrum einer Welt

An die Literatur stellen wir dafür einen absurden Wahrheitsanspruch, der Olga Tokarczuk fast verzweifeln lässt. Denn Bücher stellen eine eigene Art von Wahrheit her. Zum Beispiel die Wahrheit jedes Einzelnen, der erzählt und sich damit zum Zentrum einer Welt macht. Darin sieht Olga Tokarczuk eine grosse Errungenschaft der westlichen Zivilisation, aber dieser Zugang reicht nicht. Wir brauchen neue Erzählweisen, einen neuen Realismus, der das «unkommunikative Gefängnis des Ich sprengt» und uns deutlich macht, wie und auf oft paradoxe Weise alles mit allem zusammenhängt.

Olga Tokarczuk formuliert ihren Traum: ein neuer Erzähler, ein Erzähler in der «vierten Person», der «die Perspektive sämtlicher Figuren mit einnimmt und zugleich den Horizont jeder einzelnen überschreitet, der mehr und weiter sieht, der die Zeit ausser Acht lässt». Ein Erzähler wie der, der in der Bibel spricht: «Und Gott sah, dass es gut war.» Wer weiss, was Gott denkt, der weiss alles – der hat aber auch eine Verantwortung für alles. Auch dafür, die Leser mitverantwortlich zu machen. Ein kühnes, ein tollkühnes Programm, aber auch eines, das auf liebevolle Zuneigung baut. Denn nur, was sie in sich fühlt, was durch sie fliesst, kann Olga Tokarczuk schreiben. Auch eine sprechende Teekanne.

Olga Tokarczuk: Der liebevolle Erzähler. Wie Übersetzer die Welt retten. Zwei Reden. Aus dem Polnischen von Lisa Palmes. Kampa, Zürich 2020. 130 S., ca. 24 Fr.

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