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Das Glück kommt unversehens

Die preisgekrönte schwedische Autorin Rose Lagercrantz will Bücher schreiben, die Kinder wirklich lieben – wie Astrid Lindgren oder Johanna Spyri.

Rose Lagercrantz sagt, sie arbeite an einem Kinderbuch viel länger als an einem Buch für Erwachsene. Foto: Helén Karlsson
Rose Lagercrantz sagt, sie arbeite an einem Kinderbuch viel länger als an einem Buch für Erwachsene. Foto: Helén Karlsson

Dunne ist ein Kind, wie man es in der aktuellen Kinderliteratur selten antrifft: Sie ist glücklich. Und das, obwohl sie eigentlich allen Grund hat, traurig zu sein. Ihre Mutter starb, als sie zwei Jahre alt war, und jedes Mal, wenn Dunne mit ihrem Vater oder mit den Grosseltern über Mama reden will, fangen sie an zu weinen. Umso wilder ist Dunne entschlossen, sich das Glück nicht nehmen zu lassen. Als Erstklässlerin weiss sie zwar noch nicht sehr viel über das Leben, doch eines hat sie begriffen: Das Glück kommt unversehens, wenn man es nicht erwartet. Und wenn man ihm die Tür weit aufmacht, bleibt es länger und schaut öfters vorbei. Beim Einschlafen zählt Dunne deshalb nicht Schafe, sondern, wie oft sie in ihrem Leben glücklich war.

Dieses Glück der kleinen Protagonistin ist ansteckend, es überträgt sich auf die Leserinnen und Leser der Buchreihe, die seit 2011 in der Übersetzung von Angelika Kutsch auf Deutsch erscheint. Die Autorin Rose Lagercrantz schreibt wundersam leicht vom ganz ­alltäglichen Kinderleben, und doch schwingt bei all dem Schönen, das Dunne mit ihrem Vater, ihrer Katze und ihrer besten Freundin Ella Frida erlebt, ein melancholischer Unterton mit.

Hommage an die Mutter

Beim Treffen mit Rose Lagercrantz in einem Zürcher Café wird schnell klar, wie viel von ihr in der kleinen Dunne steckt. Die 1947 geborene Autorin strahlt Energie und Neugier aus; nichts kann sie daran hindern, die Schweizer Version der Schwedentorte zu probieren. Die Bedienung wird ein wenig nervös, als sie hört, dass ihr Gast aus Schweden kommt und das Original kennt, das dort Prinsesstårta heisst. Die Sorge war unbegründet: Rose Lagercrantz ist überaus zufrieden mit der Zürcher Konditorenkunst. Als kleines Mädchen, erzählt sie, sei sie ganz verrückt nach dieser Prinsesstårta gewesen – und am allerbesten habe diese als Nachspeise zu Prinzenwürsten geschmeckt. Obwohl ihr eine Prinzessinnenwurst entschieden besser geschmeckt hätte.

Rose Lagercrantz ist eine Geschichtenerzählerin, auch bei Kaffee und Kuchen. Damit ihr Gegenüber versteht, warum sie sich mit Dunne eine Figur ausdenken musste, die es der Erzählerstimme erlaubt, das Dunkle immerzu in Licht zu verwandeln, erzählt sie die ­Geschichte ihrer Familie.

Ihr Vater war im Widerstand gegen Hitler engagiert und konnte sich als deutscher Jude noch vor dem Krieg nach Schweden retten; die Mutter, die aus ­Siebenbürgen stammte, überlebte Auschwitz und lernte ihren Mann nach dem Krieg in Schweden kennen. Die Dunne-Bücher, scheint es, sind unter anderem eine Hommage an diese Mutter, die immer nur das Gute gesehen habe, bei all dem Schrecklichen, das sie erfahren musste. «Meine Mutter hatte strahlend blaue Augen und war immer glücklich. Doch von ihrer Jugend, von der Flucht erzählen wollte sie nicht.»

Dennoch, oder gerade deswegen, hat Rose Lagercrantz ein Buch über die ­Geschichte ihrer Familie und ihre langjährigen Versuche, Informationen darüber zusammenzutragen, geschrieben. Im Mittelpunkt von «Wenn es einen noch gibt. Ein Familienporträt» steht die Frage, die sie schon als Kind umgetrieben hat, nämlich wie es dazu kam, dass ihre Eltern überlebt haben.

Rose Lagercrantz hat über 50 Bücher geschrieben, hauptsächlich Kinderbücher. Diese seien früher viel schwerblütiger gewesen als die Dunne-Reihe. Den Kritikern gefielen die Texte, sodass sie mit wichtigen Preisen ausgezeichnet wurden. Doch bei den Kindern funktionierten die Bücher nicht so richtig, wie Rose Lagercrantz bei einem Besuch in einer Schule mit Schrecken feststellen musste. Also begann sie, an jenem leichten Ton zu arbeiten, den sie heute zur Meisterschaft entwickelt hat. «Heute arbeite ich viel länger an einem Text für Kinder als an meinen Erwachsenenbüchern. Ich reduziere und reduziere, probiere die Texte in Schulklassen aus.»

Bei aller Leichtigkeit: Der Kontrast von hell und dunkel, Glück und Traurigkeit wird mit jedem Dunne-Band schärfer. Der vierte Band beginnt mit einer schwedischen Sommeridylle, wie man sie aus den Romanen von Astrid Lindgren kennt. Wie in «Wir Kinder aus Bullerbü» oder «Ferien auf Saltkrokan» verbringen Dunne und Ella Frida ganze Tage am Strand, schwimmen und tauchen, bis sie am Abend müde ins Bett sinken. Das ist allerdings auch der Moment, in dem Dunne ihren Vater ganz schrecklich vermisst. Nach einem Unfall liegt er im Krankenhaus, und Dunne macht sich Sorgen. Es tröstet sie, dass sie jeden Abend mit ihrem Vater telefonieren kann. Eines Abends klingelt das Telefon nicht. Dunne ist verzweifelt – und wütend, als sie erfährt, dass sich ihr Vater verliebt hat. Die erste Begegnung zwischen Wanda, seiner neuen Freundin, und Dunne verläuft gar nicht gut.

Bücher, die Kinder lieben

Für die Dynamik der Geschichte ist Wanda aber ein Glücksfall. Die Emo­tionen gehen hoch, was Lagercrantz ebenso witzig wie dramatisch schildert. Dunne und Ella Frida bekommen die Gelegenheit, das Gerede der Erwachsenen zu unterbrechen und ihre eigene Sicht der Dinge zu vertreten.

«Ich möchte Kinderbücher schreiben, die Kinder lieben. Nicht gern haben, sondern wirklich lieben, das ist ein grosser Unterschied.» Astrid Lindgren sei das gelungen. Und Johanna Spyri mit «Heidi». Der Roman habe eine ganz wichtige Stellung in der Geschichte der Kinderliteratur – weil er dem Kind radikal recht gibt. Ein Kind müsse ein Kind sein können und darin respektiert werden, das sei die Aussage des Buches.

In dieser Tradition lässt Rose Lagercrantz Dunne und Ella Frida gemeinsam dafür kämpfen, dass Kinder ernst genommen werden mit ihren Bedürnfnissen und Wünschen. Wie es im Text zu Konflikten kommt und warum die Erwachsenen und die Kinder handeln, wie sie eben handeln, wisse sie selbst nicht, sagt die Autorin; das entstehe alles aus den Figuren heraus. Sie müsse es geschehen lassen. «Und wenn es geschieht, dann bin ich glücklich wie ein Kind.»

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