Das Gold der Inkas

Ein Riesenfund im Atlantik sorgte für Ärger zwischen Madrid und London. Der Comic «Der Schatz der Black Swan» erzählt davon.

Erinnert an Tim und Struppi: Das Cover des Comics.

Erinnert an Tim und Struppi: Das Cover des Comics. Bild: Reprodukt Verlag

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Vor genau einem Jahrzehnt war es der grösste Aufreger zwischen Madrid und London: der Streit um 17 Tonnen Gold und Silber, die das amerikanische Bergeunternehmen Odyssey vom Grund des Atlantiks hochgeholt hatte. Auf mindestens eine halbe Milliarde Euro veranschlagten Experten den Wert des Schatzes. Nur: Wem sollte er gehören, den Briten, den Spaniern oder aber den Besitzern von Odyssey?

Gerichte sollten entscheiden, und die Streitparteien setzten alles ein, was sie hatten: Politiker, Diplomaten, Anwälte, Detektive, Presseleute, Nautiker, Archäologen. Dabei wurde auch nach Kräften getrickst und gelogen, manipuliert und bestochen, eine Kriminalgeschichte, die Jahrhunderte nach dem Untergang des Schiffs mit der Millionenfracht heftige Emotionen auslöste.

Ein bewusst irreführender Titel

Der spanische Comiczeichner Paco Roca und der schriftstellernde Diplomat Guillermo Corral haben daraus eine packende Graphic Novel gemacht. Der Titel «Der Schatz der Black Swan» ist bewusst irreführend. Ein Schiff dieses Namens war an der Causa nicht beteiligt. Es handelt sich vielmehr um den Codenamen, den die professionellen Schatzsucher aus Florida ihrem im Geheimen und ohne entsprechende Genehmigungen vorangetriebenen Projekt gegeben haben – um eine falsche Fährte zu legen, wie sich später herausstellte.

Die Helden der Geschichte sind die Archivare, Diplomaten und Verwaltungsjuristen. Schon das Umschlagbild zeigt, wer bei dem Band Pate gestanden hat: der Belgier Georges Prosper Remi, der unter dem Pseudonym Hergé die Abenteuer von «Tim und Struppi» zeichnete und so weltberühmt wurde. Roca verhehlt nicht, dass Hergé zu seinen Idolen gehört, dieser habe seinen Stil beeinflusst.

Archivare und Juristen sind die Helden

Roca ist in Spanien eine Grösse. Ein internationales Echo fand sein Comic «Kopf in den Wolken» über einen an Alzheimer leidenden alten Mann; in «Die Heimatlosen» zeichnete er das Schicksal von spanischen Franco-Gegnern nach. In «Black Swan» finden sich einige Anspielungen auf «Das Geheimnis der ‹Einhorn›», publiziert von Hergé im Zweiten Weltkrieg im besetzten Belgien. Darin wird die französische Fregatte «Einhorn», die einen Schatz transportiert, von Piraten gekapert und versinkt schliesslich im Meer.

Die Helden Rocas und Corrals sind allerdings keine kühnen Seefahrer und wilden Piraten, sondern detailversessene Archivare, pedantische Verwaltungsjuristen und dienstbeflissene Diplomaten. Ihre Gegenspieler sind die halbseidenen, grosssprecherischen Eigner des Bergeunternehmens, zwei Unsympathen, hinter denen millionenschwere Investoren und deren Advokaten stehen.

«Unsere Geschichte ist ein Abenteuer und keine Dokumentation. Trotzdem ist sie ziemlich nah an dem, was tatsächlich passiert ist. Manche Dinge sind ausgedacht, aber nicht unbedingt die unwahrscheinlichsten.»Comicautor Guillermo Corral

Schon allein diese ungewöhnliche Gegenüberstellung produziert reichlich Spannung. Um rechtlichen Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen, wurde die Firma umbenannt, sie heisst in dem Buch Ithaca, von der gleichnamigen Insel stammte der mythische Odysseus. Der Autor Corral sagt dazu: «Unsere Geschichte ist ein Abenteuer und keine Dokumentation. Trotzdem ist sie ziemlich nah an dem, was tatsächlich passiert ist. Manche Dinge sind ausgedacht, aber nicht unbedingt die unwahrscheinlichsten.»

Den beiden Amerikanern stand modernstes Gerät zur Verfügung, weitreichende Sonargeräte und für die Unterwasserbergung ausgerüstete ferngesteuerte U-Boote. Im Frühjahr 2007 gaben sie auf einer Pressekonferenz bekannt, dass sie einen Schatz gehoben hätten, der grösser und wertvoller sei als alles, was bislang vom Meeresboden an die Oberfläche geholt worden sei. Sie gaben nur die ungefähre Lage des Fundortes an: im Atlantik vor der Südküste Portugals. Die 17 Tonnen, überwiegend Goldmünzen, seien schon nach Florida gebracht worden.

Die Information über den Fundort liess allerdings die Experten im spanischen Kulturministerium in Madrid aufmerken, zu ihnen gehörte der Autor Corral: An Südportugal vorbei führte die Hauptroute der spanischen Schiffe, die Schätze aus Lateinamerika ins Land brachten. Die Amerikaner mussten nun genaue Angaben machen. Sie erklärten, es handle sich vermutlich um das englische Schiff Merchant Royal, das 1641 in einem Sturm gesunken sei. Die britische Presse war begeistert.

Doch mittlerweile war bekannt geworden, dass die geborgene Ladung hauptsächlich aus spanischen Münzen bestand, die offenkundig später in Lima geprägt worden waren, wohl aus Gold der Inkas. Diese Daten passten auf die spanische Fregatte Nuestra Señora de las Mercedes, die die Briten 1804 vor Südportugal versenkt hatten. Sollte sich diese Version bestätigen, so wäre der Schatz weiterhin Eigentum des Königreichs Spanien, der Bergefirma blieben nur der Finderlohn und die Kosten für ihren Einsatz.

Ein Muss für «Tim und Struppi»-Fans

Die spanischen Experten und Regierungsbeamten reichten schliesslich in den USA Klage ein; erneut war Corral damit befasst, er war mittlerweile Kulturattaché in Washington. Zwar versuchten die Eigner des Bergeunternehmens, die Öffentlichkeit und auch die Richter mit einem eigens gedrehten Dokumentarfilm zu beeinflussen, der ihre Version bestätigte, auch hatten sie einen Grossteil der angloamerikanischen Presse auf ihrer Seite. Doch die Richter entschieden zugunsten Madrids. Ihr Urteil wurde in den nächsten Instanzen bestätigt, die umstrittenen 17 Tonnen kamen schliesslich mit mehr als 200 Jahren Verspätung doch noch in Spanien an. Roca und Corral erzählen diesen Recherchekrimi mit ironischer Distanz und Humor, ein Muss für «Tim und Struppi»-Fans aller Generationen.

Paco Roca, Guillermo Corral: «Der Schatz der Black Swan». Reprodukt, Berlin 2019, 216 S., ca. 38 Fr.

Erstellt: 18.10.2019, 14:28 Uhr

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