Ein goldenes Jahrzehnt: Die besten Schweizer Bücher 2009–2019

Die jüngste Zeit ist für die hiesige Literatur ein einziger Höhenflug. Die Gründe – und die Bestenliste.

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In den Nullerjahren des 21. Jahrhunderts lag die Schweizer Literatur am Boden. So jedenfalls die Diagnose der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Am 31. Januar 2006 schrieb die Literaturkritikerin Pia Reinacher: «Die deutschsprachige Literatur der Schweiz kann international nicht mehr mithalten.»

Sie belegte ihr Urteil mit ausbleibendem Erfolg bei Literaturpreisen (beim gerade begründeten Deutschen Buchpreis sowie beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt) und fand ein ganzes Bündel an Ursachen: Die grossen Alten treten ab, gleichwertiger Nachwuchs ist nicht in Sicht, die Literaturkritik ist zu nett und bekommt immer weniger Platz; es fehlt an heissen Debatten; gefördert wird nach dem Giesskannenprinzip.

Vom Schreiben leben nur die wenigsten Autoren

Ein hartes Urteil, gefällt nach Kriterien des Erfolgs, nicht der literarischen Substanz. Ganz falsch war es allerdings nicht. Aber, wie im Hölderlin-Vers vom Rettenden, das in höchster Gefahr naht: Kurz nach der Veröffentlichung setzte die Schweizer Literatur – gemeint ist hier allein die Literatur der Deutschschweiz – zu einem regelrechten Höhenflug an.

Allein wenn man bei der etwas äusserlichen Kategorie der Literaturpreise bleiben will: 2009 gewann Jens Petersen (ein gebürtiger Deutscher, der in der Schweiz als Arzt arbeitet) den Ingeborg-Bachmann-Preis. 2010 gewann Melinda Nadj Abonji (geboren im einstigen Jugoslawien, aber als Fünfjährige in die Schweiz gekommen) den Deutschen Buchpreis. Und gerade erst hat Lukas Bärfuss, Erzschweizer aus Thun, den Büchner-Preis entgegengenommen. Wenn man so will, rahmen diese Daten, 2009/10 bis 2019, ein goldenes Jahrzehnt der Schweizer Literatur ein.

Die besten Schweizer Bücher der 10er-Jahre

2009: «Sieben Jahre» von Peter Stamm. Eine hier weit unterschätzte Dreiecksgeschichte, in den USA gerühmt.

2010: «Tauben fliegen auf» von Melinda Nadj Abonji. Deutscher Buchpreis. Lesen Sie die Rezension

2011: «Leon und Louise» von Alex Capus. Ein mit historischer Patina spielender Liebesroman. Lesen Sie die Buchkritik

2012: «Vielen Dank an das Leben» von Sibylle Berg. Eine todtraurige Aussenseitergeschichte. Lesen Sie das Interview zum Buch

2013: «Frühling der Barbaren» von Jonas Lüscher. Eine raffinierte Finanzkrisen-Novelle. Lesen Sie die Rezension

2014: «Koala» von Lukas Bärfuss. Eine Meditation über den Sinn eines Lebens in hektischer Produktivität. Lesen Sie die Kritik

2015: «Eins im Anderen» von Monique Schwitter. Eine amüsante Verflossenen-Galerie. Begegnung mit der Autorin

2016: «Weit über das Land» von Peter Stamm. Das Buch folgt einem Weggänger in allerlei Verzweigungen. Lesen Sie die Buchrezension

2017: «Kraft» von Jonas Lüscher. Europa versus USA, vielleicht das stärkste Buch des Jahrzehnts. Lesen Sie die Kritik

2018: «Heimkehr» von Thomas Hürlimann. Ein Fest der Fabulierfreude. Lesen Sie das Portät über den Autor

2019: «GRM Brainfuck» von Sibylle Berg. Ein 600-Seiten-Verzweiflungs-Wutschrei auf die Welt, die so schlecht eingerichtet ist, und auf die Einrichter. Lesen Sie die Rezension

Sind also, umgekehrt wie im alten Ägypten, auf magere nun eben fette Jahre gefolgt? Die Antwort verlangt einen Blick auf die Bücher selbst, aber auch auf mögliche institutionellen Voraussetzungen für diesen Wandel.

Die Literaturförderung in der Schweiz ist üppig, das hat Tradition. Wer sich beim Schreiben Mühe gibt und beim Gesuchstellen nicht zu ungeschickt anstellt, kann fast sicher mit einem Stipendium, einem Werkbeitrag oder gar Werkjahr, einer Förder- oder Ehrengabe rechnen. Kaum ein Schweizer Buch, in dem nicht im «Abspann» eine oder meist mehrere Institutionen verdankt werden.

Schrieb mit «Kraft» das vielleicht stärkste Buch des Jahrzehnts: Jonas Lüscher. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Vom Schreiben selbst leben können nur die wenigsten Autoren; sie müssen sich am Markt durchsetzen, und zwar nicht am kleinen Schweizer, sondern am grossen deutschen Markt. Dazu bräuchte es starke Schweizer Verlage, aber die gibt es, ausser Diogenes (dessen Kerngeschäft nicht die Schweizer Literatur ist), nicht. Auch Kein&Aber, Unionsverlag und Kampa sind eher international orientiert, Dörlemann kommt gerade so über die Runden, bei Nagel&Kimche hat der neue Besitzer bereits zwei Verlagsleiter verschlissen, Limmat und Bilger schaffen es nicht über die Grenze, Ammann ist tot.

Die besten Schweizer Autoren sind bei renommierten deutschen Verlagen unter Vertrag, bei Fischer, Hanser, Suhrkamp, Beck. Die aktuelle Schweizer Buchpreis-Gewinnerin Sibylle Berg stand mit «GRM» (Kiepenheuer & Witsch) sogar auf der deutschen Bestsellerliste.

Die Literaturförderung in der Schweiz ist grosszügig, aber einseitig und fantasielos; sie bevorzugt die Autoren und vernachlässigt die Vermittler; Verlage profitieren erst seit kurzem von einer immer noch recht mageren Verlagsförderung, Buchhandlungen gar nicht.

Sie stürmte mit «GRM. Brainfuck» auch die deutsche Bestsellerliste: Sibylle Berg. Foto: Martin Schutt (Keystone)

Zu einem vitalen literarischen Leben gehören auch Orte der Präsentation und des Austauschs. Da hat sich einiges getan: Um die Jahrtausendewende wurden in Basel und in Zürich Literaturhäuser gegründet, an denen neben Lesungen auch Debatten und Workshops stattfinden und die ein literarisches Publikum binden können; mittlerweile sind im Aargau (Lenzburg) und in der Zentralschweiz (Stans) zwei weitere Häuser hinzugekommen. Breit angelegte Literaturfestivals gibt es neben dem Traditionsevent in Solothurn neuerdings in Basel und Zürich, kleinere in fast jeder mittleren Stadt der Deutschschweiz.

Ein wichtiges Instrument, um Aufmerksamkeit auf Schweizer Bücher zu lenken, sind Preise. Der Schweizer Buchpreis, 2008 erstmals verliehen nach der so bewährten wie umstrittenen Prozedur der Nominationslisten (à la Booker, Goncourt, Deutscher Buchpreis), ist eine Erfolgsgeschichte – auch wenn Lukas Bärfuss, selbst 2014 preisgekrönt, einmal dessen Abschaffung forderte. Diese private Initiative, noch von Egon Ammann lanciert, nimmt Verleger und Buchhandel mit ins Boot, ohne dass daraus eine Verpflichtung zu gut verkäuflichen Preisträgern entstünde. Es ist umgekehrt; auch eine Autorin-für-Kenner wie Ilma Rakusa verkaufte ihr preisgekröntes «Mehr Meer» besser als jeden anderen Titel.

Die Endrunde des ersten Schweizer Buchpreises – und nun geht es ans «Eingemachte», um die Literatur selbst – könnte als Initialzündung für das «Goldene Jahrzehnt» gelten: 2008 rangelten Rolf Lapperts «amerikanischer» Roman «Nach Hause schwimmen» mit Peter Stamms wunderbaren Erzählungen «Wir fliegen» und Lukas Bärfuss’ furiosem Roman «Hundert Tage» um die Krone, begleitet von Altmeister Adolf Muschg (der in letzter Minute ausstieg). Ein enges Finale. Und in den Jahren darauf verging kein Jahr ohne mindestens ein grossartiges Buch aus Schweizer Feder oder Laptop.

Die besten Bücher der besten Autoren werfen ihr ureigenes Licht auf das Land, eines, das man nicht aus der Zeitung oder aus den Social Media bekommt.

Eine solche Dichte an literarischer Qualität – in einem Sprachraum wohlgemerkt, nicht grösser als das deutsche Bundesland Hessen – gab es im Jahrzehnt davor tatsächlich nicht. Und hinter oder neben jedem genannten Titel stehen weitere von Rang, etwa Urs Widmers Lebensbuch «Reise an den Rand des Universums» (2015) oder Adolf Muschgs «Weisser Freitag» (2015), sein Goethe-Reenactment. Ja, Muschg ist immer noch da, aber viele seiner Generation, wie Widmer, Loetscher, Werner, Steiner, Laederach, alles prägende Figuren des ausgehenden 20. Jahrhunderts, sind tot.

Dafür kommt der Nachwuchs in Sicht, eine erstaunlich vielfältige und fantasiereiche Kohorte mit Namen wie Dorothee Elmiger, Michelle Steinbeck, Meral Kureyshi, Simone Lappert, Julia Weber oder Heinz Helle. Was sie schreiben, ist keineswegs das, was man gern als «Instituts-Literatur» schmäht, obwohl etliche von ihnen am Schweizer Literaturinstitut in Biel studiert haben.

Das Bild einer reichen und auch fürs nächste Jahrzehnt noch vieles versprechenden literarischen Landschaft wird vervollständigt durch Dramatiker (Sibylle Berg und Lukas Bärfuss schreiben sehr erfolgreich auch für die Bühne) und die Performer-Szene, zu denen auch «gedruckte» Autoren wie Christoph Simon oder Jürg Halter gehören. Und im Bereich der gehobenen Unterhaltungs- und Genreliteratur hat die Schweiz mit Martin Suter einen Meister, der auch im «grossen Kanton» hohe Auflagen erreicht.

Melinda Nadj Abonji gewann 2010 als erste und bis jetzt einzige Schweizerin den Deutschen Buchpreis. Foto: Kai Pfaffenbach (Reuters)

Die genannten Namen und Titel zeigen, dass man die Schweizer Literatur nicht über einen Kamm scheren kann. Zu verschieden sind die Temperamente, Stile, Schreibweisen. Etiketten wie «magischer Realismus» (Südamerika) oder «Wendeliteratur» (Ostdeutschland) lassen sich hier eben nicht finden. Es gibt keine typische «Mittelland-» oder «Agglo-Literatur».

Zweierlei unterscheidet die Literatur des «Goldenen Jahrzehnts» aber doch auffällig vom Zeitraum davor. Da ist zum einen die auffällige Präsenz von Migrationsbiografien – Melinda Nadj Abonji, Ilma Rakusa, Catalin Dorian Florescu, Zsuzsanna Gahse, Irena Brezna, Ivna Zic und viele andere bereichern die Schweiz mit teilweise dramatischen Stoffen. Sie erzählen von Entwurzelung und Integration, von Kulturkonflikten und multipler Identität, nicht zuletzt auch durch die Reibung an (mindestens) zwei Sprachen.

Hürlimann, der Schweizer par excellence

Das zweite ist ein gelasseneres Verhältnis zur Schweiz. Hatten sich in den 90er- und auch noch in den Nullerjahren viele Autoren mit den politisch-gesellschaftlichen Verhältnissen in der Heimat regelrecht verkämpft und in sie verbissen, so pflegt man heute das politische Engagement oft ausserhalb der Bücher (und kandidiert, wie Peter Stamm, für die Grünen).

Ausserdem sind die Schriftsteller auf eine selbstverständliche Weise weltläufig. War der grosse Reisende Hugo Loetscher einst noch ein ausgesprochener Exot, so sind heute auch ganz junge Autorinnen mit der Pro Helvetia schnell mal in China, Indien oder Argentinien, präsentieren dort ihre Übersetzungen, rezipieren amerikanische oder südamerikanische Literatur. Weniger «schweizerisch» sind sie trotzdem nicht.

Amerikanische Kritiker sehen in ihm einen der bedeutendsten Autoren Europas: Peter Stamm. Foto: Reto Oeschger

Die besten Bücher der besten Autoren werfen ihr ureigenes Licht auf das Land, eines, das man nicht aus der Zeitung oder aus den Social Media bekommt. So kritisiert Jonas Lüscher in «Frühling der Barbaren» implizit das ewige Beiseitestehen der Schweiz. Sibylle Bergs Bücher sind laute Verzweiflungsschreie aus einer Welt von Luxus und Sicherheit. Peter Stamm kartografiert Buch für Buch immer subtiler die Befindlichkeit des hiesigen «Normalos». Und Thomas Hürlimann – ist er nicht, vom familiären Hintergrund bis zur Weg- und Zurück-Thematik, ohnehin der Schweizer par excellence?

Ein goldenes Jahrzehnt also. Erklären kann man es trotzdem nicht. Denn funktionierende Institutionen – vom Studiengang über Literaturhäuser, von Verlagen über den Buchhandel zur Literaturkritik – können Qualität wohl in der Breite fördern. Überragendes aber ist immer unvorhersehbar, unplanbar. Und deshalb umso willkommener.

Erstellt: 14.11.2019, 11:52 Uhr

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