«Das ist Betrug am Leser»

Aus Wikipedia übernehmen, ist ganz normal, behauptet Roger Schawinski. Der Sachbuchlektor Ulrich Nolte von C. H. Beck widerspricht.

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In Zürich gibt ein Buch über Narzissmus zu reden, dessen Autor sich bei Wikipedia und anderswo bedient hat, ohne das im Einzelnen auszuweisen.
So etwas gehört sich nicht. Das darf man nicht machen. Bei uns jedenfalls darf so etwas nicht vorkommen. Wobei ich nicht sagen will, dass wir dagegen gefeit sind...

Tatsächlich ist Ihnen auch schon Ähnliches passiert. 2014 erschien bei C. H. Beck ein Buch über historische Seeschlachten, in dem etliches aus öffentlichen Quellen übernommen war.
Ja, ich habe das Buch damals betreut und konnte es, als uns ein Historiker auf diese Stellen hingewiesen hat, erst kaum glauben. Wir haben das Buch dann mit einer Plagiats-Software geprüft, und es stellte sich heraus, dass einer der beiden Autoren abgeschrieben hat, der andere aber nicht. Wir haben das Buch dann sofort vom Markt genommen. Übrigens haben wir den Fall auch juristisch prüfen lassen, mit dem Ergebnis: Es handelt sich nicht um eine Urheberrechtsverletzung. Aber es verstösst gegen die guten Sitten.

So streng? Roger Schawinski verteidigt sich, es handle sich ja um allgemein verfügbares Wissen und auch nicht um eine Dissertation, sondern um ein populäres Sachbuch.
Auch in einem populären Sachbuch muss klar erkennbar sein, was man selbst geschrieben hat und was nicht. Alles andere ist Betrug am Leser. Übrigens auch am Lektor: Ich verlange von meinen Autoren, dass sie jeden Satz, der nicht als Zitat gekenntzeichnet ist, selbst geschrieben haben. Wer sich dieser Mühe und Sorgfalt nicht unterziehen will, soll halt kein Buch schreiben. Da bin ich kompromisslos, und das sind nicht bloss meine persönlichen Kriterien, sondern die Standards eines guten Sachbuchverlags.

Welche Konsequenzen haben Sie aus Ihrem «Abschreibefall» gezogen? Prüfen Sie jetzt systematisch?
Nein. Wir bringen unseren bewährten Autoren weiter grosses Vertrauen entgegen. Flächendeckende Kontrolle wäre aus Zeit- und Personalgründen auch gar nicht möglich. Einem guten Lektor sollten aber Stilbrüche, die durch das Abschreiben oft entstehen, auffallen. Dann wird man misstrauisch. Und die Plagiats-Software, die es heute gibt und die wir im Verlag zur Verfügung haben, ist nach meiner Erfahrung sehr gut. Die Ausrede manches Autors, «diese acht Wörter» seien rein zufällig dieselben wie bei Wikipedia, ist eben nicht haltbar.

Haben Sie den Eindruck, die Standards sauberen Arbeitens gehen verloren – auch weil die moderne Technik mit «copy paste» das Abschreiben leicht macht?
Ja, den Eindruck habe ich. Die Versuchung ist gross, schnell mal einen Satz mit Allerweltswissen rüberzukopieren, der gewissermassen schlüsselfertig formuliert ist. Keiner dieser Autoren will ja bewusst «klauen». Aber ihr Unrechtsbewusstsein ist in dieser Hinsicht eben schwach ausgebildet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.06.2016, 15:51 Uhr

Ulrich Nolte ist Lektor Sachbuch beim Verlag C. H. Beck, München. (Bild: zvg)

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