«Das ist natürlich Humbug»

Die Paranoia beginnt im Büro: Der Medienwissenschaftler Henry M. Taylor über die Popkultur der Verschwörungstheorien.

Paranoia als Stilelement: Ausschnitt aus dem Film «The Parallax View» von US-Regisseur Alan J. Pakula, 1974. Foto: Photo 12, Alamy

Paranoia als Stilelement: Ausschnitt aus dem Film «The Parallax View» von US-Regisseur Alan J. Pakula, 1974. Foto: Photo 12, Alamy

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Leben wir heute in einem besonders paranoiden Zeitalter?
Heute sind es vor allem Fernsehserien, die uns in paranoide Denkmuster einüben. In «The Wire» werden Drogenkriminelle überwacht, in «The Americans» führen zwei KGB-Spione in den USA der 80er-Jahre das Leben einer gewöhn­lichen amerikanischen Familie. Da herrscht schon mal eine Grundparanoia: Die beiden müssen permanent auf der Hut sein und im Umgang mit anderen ständig etwas von sich verstecken.

Nicht selten wird der Begriff der Paranoia auf gesellschaftliche Entwicklungen angewendet. Wieso?
Hier kommen wir nicht an Richard Hofstadters Aufsatz «The Paranoid Style in American Politics» von 1964 vorbei. Er zieht eine Linie vom 18. Jahrhundert bis zu seiner Zeit; diese ist geprägt vom McCarthyismus, also von der Hetzjagd auf angebliche Kommunisten. Hofstadter erkennt eine Kontinuität des paranoiden Stils. Er meint damit nicht klinische Paranoia, sondern eine kollektiv ausgerichtete Verschwörungstheorie, bei der es um die Bedrohung der Nation oder eines bestimmten Lebensstils geht. Typischerweise drückt sich das in einer überhitzten Rhetorik der Übertreibung aus, die Endzeitstimmung verbreitet. Apokalyptische Szenarien werden heraufbeschworen. Hofstadter macht das vor allem an der politisch Rechten fest.

Was hat sich seither geändert?
Manche argumentieren, dass Verschwörungstheorien vom politischen Rand in den Mainstream gewandert sind. Warum? Unter anderem deswegen, weil mit der Gegenkultur der 60er-Jahre zunehmend linke Verschwörungstheorien aufkamen, die sich gegen die eigenen Institutionen richteten. Es kam also zu einer Popularisierung von Verschwörungstheorien, die nun auch bei den Eliten anzutreffen sind. Parallel gab es eine Kommerzialisierung durch Kinofilme und Bestseller. Wie der Autor Dan Brown sagt: «Everybody loves a conspiracy.» Verschwörungstheorien sind so gesehen eine populäre Form von Paranoia.

Woher kommt der Begriff?
Im Englischen taucht «conspiracy theory» um 1870 in den Medien auf. Zunächst wird der Begriff in neutraler Art verwendet: Er bezeichnet das, was Polizeiermittler tun, wenn sie an einem Tatort eine Theorie aufstellen. Das kann eine «murder theory» oder eben eine «conspiracy theory» sein. Es war dann der Philosoph Karl Popper, der den Begriff nach dem Zweiten Weltkrieg anders verwendete. Er schrieb von der «Verschwörungstheorie der Gesellschaft» und kritisierte damit vor allem marxis­tische Theorien. Sie gingen davon aus, dass es Strippenzieher gibt, welche die historischen Ereignisse manipulieren können. Popper macht sich darüber lustig, weil er findet, dass Pläne selten perfekt verwirklicht werden und jedes menschliche Handeln unbeabsichtigte Nebenwirkungen hat. Damit bekam der Begriff seine negative Bedeutung.

Denkt man an Verschwörungen, fallen einem nicht selten Agententhriller ein. Inwiefern beeinflussen solche Filme unsere paranoiden Vorstellungen?
Spielfilme verstärken und konkretisieren paranoide Fantasien. Wir reden hier von Verschwörungsfiktionen, die eigentlich interessanter sind als Verschwörungstheorien. Diese erzeugen nachträglich extrem weit gefasste Handlungsbögen. Sie haben also eine fiktionale Struktur, erheben aber Anspruch auf Faktizität. Verschwörungsfiktionen dagegen geben sich eindeutig als Fiktionen zu erkennen. Sie gehen davon aus, dass wir ihnen glauben, obschon wir wissen, dass das, was wir sehen, nicht echt ist.

Wie inszeniert das Kino Paranoia?
Die Idee, dass sich Verschwörer an der Spitze der Macht befinden, kommt immer wieder in Filmen vor. Das heisst aus ödipaler Sicht: Die symbolischen Kinder entdecken wie in einer Urszene die geheimen Verbrechen ihrer symbolischen Eltern. Durch das Kino haben wir uns ebenfalls eingeprägt, dass ein Komplott meist ein «inside job» ist. «The Parallax View» von 1974 ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine paranoide Stimmung erzeugt wird. Da gibts etwa einen Berater, der in einem Moment zur Person neben ihm etwas sagt, das man nicht hört. Dadurch entsteht der Eindruck, etwas Konspiratives gehe vor sich. Der ganze Film ist voller verdächtiger Bilder.

Sind wir heute alle kompetente Paranoide? Man erlebt ja etwa bei der Arbeit immer wieder, dass andere mehr Informationen haben.
«Nur die Paranoiden überleben», sagte der ehemalige Intel-Chef Andrew Grove. Damit meinte er, dass man in der Wirtschaftswelt ständig über die Schulter schauen muss, weil man immer wissen muss, was die Konkurrenz macht. Diese Denkart ist zur offiziellen Ideologie am Arbeitsplatz geworden: Auch gegenüber Bürokollegen sollte man heute ein gehöriges Mass an Misstrauen walten lassen.

In Ihrem neuen Buch «Conspiracy!» nennen Sie es die «Ideologie der Wettbewerbsgesellschaft».
Die US-Serie «24» ist dafür das beste Beispiel. Das Gebäude der Counter Terrorist Unit, in dem der Terroristenjäger Jack Bauer arbeitet, besteht aus vielen verschachtelten Büros, die durch Glaswände voneinander getrennt sind. Dadurch entsteht eine imaginäre Transparenz. Alles ist durchlässig, und trotzdem sind die Angestellten voneinander abgeschottet. Auch wenn dich nur eine Glasscheibe vom Kollegen trennt – du musst trotzdem mit ihm telefonieren. In «24» bilden sich immer wieder Grüppchen, die sich gegen andere verschwören. Jack Bauer und seine Mitarbeiterin Chloe etwa spannen öfter zusammen, um einen unfähigen Chef zu hintergehen.

Manche Sozialwissenschaftler befürchten, sie hätten mit ihren Studien über die Veränderung des Wissens dazu beigetragen, dass alles hinterfragt wird, sogar harte Tatsachen.
Das ist nicht abwegig. Man könnte sagen, dass es eine gewisse methodologische Ähnlichkeit zwischen Kulturwissenschaften und Verschwörungstheorien gibt. Man kann sich da an Michel Foucault halten, der in «Die Ordnung der Dinge» beschreibt, wie sich die Wissenschaften im 19. Jahrhundert so entwickeln, dass sie nicht mehr primär untersuchen, was an der Oberfläche der Erscheinungen erkennbar ist, sondern herausfinden wollen, was darunter verborgen liegt. Etwa Marx’ Warenfetisch: Die ganze Arbeit, die in die Herstellung einer Ware ging, wird unsichtbar. Die Ware bekommt eine magische Aura. Ähnlich bei Sigmund Freud. Das Eigentliche ist nicht der manifeste Traum, sondern die latente Bedeutung dahinter.

Verschwörungstheoretiker wollen die Interessen hinter allem aufdecken. Liesse sich dieses Denken nicht produktiv nutzen?
Die meisten Unterdrückten durchleben im Zuge ihres Empowerments eine paranoide Phase. Im Feminismus haben Frauen anderen Frauen vorgeworfen, die falschen Gefühle zu haben. Man sagte also, der eigenen Wahrnehmung sei nicht zu trauen. Unter Afroamerikanern glaubte man lange, Aids sei von der US-Regierung entwickelt worden, um sie auszurotten. Das ist natürlich Humbug. Aber es verweist auf zwei Fakten: Erstens war die Aidsrate unter Schwarzen alarmierend hoch. Zweitens erfahren Afroamerikaner im Alltag nach wie vor systemischen Rassismus. Insofern kann eine Verschwörungstheorie durchaus dazu dienen, um in überspitzter Form auf Missstände aufmerksam zu machen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.04.2018, 09:51 Uhr

Fanatische Fantasten

Roger Schawinski und der Amerikanist Michael Butter über Verschwörungstheorien.

Michael Butter gibt Entwarnung: Es sei keineswegs so, dass heute sehr viel mehr Menschen an Verschwörungstheorien glauben, schreibt der Amerikanist von der Universität Tübingen in seiner hervorragend lesbaren Einführung «Nichts ist, wie es scheint». Solche Theorien würden aber in den Medien häufiger thematisiert und problematisiert – wodurch der Eindruck entstehe, die Spinner seien überall.

Er analysiert glasklar, wie Verschwörungstheorien funktionieren: Menschen erkennen Muster, wo nicht unbedingt welche sind, und unterstellen Absichten, die es gar nicht gibt. Das nützt Verschwörungstheoretikern, die im Zufälligen perfide Pläne entdecken. Sie enthüllen angebliche Komplotte von Gruppen, die Kontrolle oder Zerstörung erreichen wollen – besonders prominent in der These, wonach die US-Regierung verantwortlich sei für 9/11.

Solche Fantasien gelten laut Butter in Teilöffentlichkeiten als legitimes Wissen und werden durchs Internet zusätzlich befeuert. Populistische Bewegungen bestärken das konspirative Denken zudem, indem sie die eigenen Eliten als Verschwörer hinstellen. Verschwörungstheorien sind, so gesehen, ein Erklärungs-Kit für unsichere Zeiten. Dass laut Michael Butter eine ihrer wichtigen Eigenschaften darin besteht, dass sie nicht stimmen, liest man mit Erleichterung. Leute, die sie vertreten, als bekloppt zu bezeichnen, sei aber «nicht sonderlich zielführend». Es greife sie in ihrer Identität an.

Der Schweizer Roger Schawinski hätte sie gern schärfer angegriffen. In seinem neuen Buch «Verschwörung!» schreibt er von einem Arzt mit «hohem Bildungsgrad» aus der Umgebung von Zürich, der als Thomas B. abstruse Kommentare im Netz postete. Ein Treffen mit Schawinski habe er abgelehnt – genauso wie der Historiker Daniele Ganser, der in seinen Vorträgen Verschwörungen von Nato und CIA insinuiert.

Auf Schawinskis Rundfahrt zu den konspirativen Highlights – von den Protokollen der Weisen von Zion über Donald Trump bis zu Erich von Däniken – taucht Ganser immer wieder auf. Die turbulente «Arena»-Sendung mit Daniele Ganser war Schawinskis Entdeckungszusammenhang: Verblüfft stiess er auf eine ganze Verschwörungstheoretiker-Szene mit «extrem militanten» Anhängern. Statt eines Milieuberichts liest man dann aber eine zusehends genüssliche Demontage von Daniele Ganser. Wie dieser Strategien der Suggestion einsetzt – das steht besser bei Michael Butter.

Pascal Blum

Michael Butter: Nichts ist, wie es scheint. Über Verschwörungstheorien. Suhrkamp, Berlin 2018. 271 S., ca. 28 Fr.

Roger Schawinski: Verschwörung! Die fanatische Jagd nach dem Bösen in der Welt. NZZ Libro, Zürich 2018. 192 S., ca. 29 Fr.

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Henry M. Taylor

Der 52-Jährige ist Privatdozent für Medienwissenschaft an der Uni Konstanz.

«Conspiracy! Theorie und Geschichte des Paranoiafilms» ist bei Schüren erschienen (584 S., ca. 66 Fr.).

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