Das ist wohl der Krimi des Jahres

Mit dem ebenso brisanten wie spannenden «Jahre des Jägers» schliesst Don Winslow seine epochale Drogenkriegs-Trilogie ab.

Wie der Originaltitel («The Border») sagt, handelt Don Winslows Buch von Grenzen.

Wie der Originaltitel («The Border») sagt, handelt Don Winslows Buch von Grenzen. Bild: Andreu Dalmau/EPA/Keystone

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Der erste Satz
Keller sieht den kleinen Jungen und im selben Augenblick das Aufblitzen einer Reflexion im Sucher.

Das Buch
«Schwer zu sagen, was er von Washington aus in Bezug auf Mexiko unternehmen kann, wenn sich der wahre Ursprung des Opiatproblems möglicherweise an der Wall Street befindet», heisst es im neuen Thriller des amerikanischen Starautors Don Winslow. Der letzte Teil seiner epochalen Trilogie über den Krieg gegen die Drogen, der diese Woche als «The Border» in den USA und gleichzeitig als «Jahre des Jägers» auf Deutsch erscheint, spielt denn auch zu einem wesentlichen Teil in den USA und weniger in Mexiko.

Mit «The Power of the Dog» (2005; Deutsch «Tage der Toten», 2010) erregte Winslow Aufsehen. Ein Thriller, wie man ihn bisher noch nie gelesen hatte. Schonungslos sezierte er die Funktionsweise der Drogenkartelle in Mexiko, den aussichtslosen Kampf amerikanischer Agenten. Ein Buch voller Brutalität, die einem den Atem stocken lässt. Beinhart. Hochspannend. Gleichzeitig voller Menschlichkeit. Zehn Jahre danach legte Winslow mit «The Cartel» (2015; Deutsch «Das Kartell», 2015) nicht minder furios nach.

Mit «Jahre des Jägers» ist die Geschichte des amerikanischen Drogenfahnders Art Keller in der deutschen Ausgabe nun auf insgesamt über 2500 Seiten gewachsen. Und alles ist eingehend recherchiert und packend erzählt. Man liest Seite für Seite gebannt, möchte das Buch gar nicht aus der Hand legen.

Winslows Held Art Keller ist desillusioniert. Nach Jahrzehnten des Kriegs gegen die Drogen, der Milliarden verschlang, gibt es mehr Drogen und Drogentote in den USA als je zuvor. «Du stehst mit dem Besen am Rio Grande», denkt Keller, «versuchst, die Heroinflut aufzuhalten, während Milliardäre Jobs ins Ausland auslagern, Fabriken schliessen, Hoffnungen und Träume zerschlagen, Schmerz verursachen.» Bei den Ursachen, welche die Menschen in die Drogen treiben, müsste man ansetzen.

Als ihm das Amt des Chefs der US-Drogenbehörde DEA angeboten wird, sieht er eine Chance, vielleicht doch noch etwas verändern zu können. Keller will versuchen, die Drogengeldflüsse zu stoppen. Doch es ist ausgerechnet der Schwiegersohn des neuen US-Präsidenten, der unschwer als Trump zu erkennen ist, der ein marodes Immobilienprojekt mit 300 Millionen Dollar Drogengeld aus Mexiko rettet. Der Einfluss der Kartelle reicht bis ins Weisse Haus. Daneben verwebt Winslow geschickt eine ganze Reihe von Handlungssträngen, nimmt die Leser mit zu den Kartellen in Mexiko, in mittelamerikanische Slums, in Gefängnisse, in die New Yorker Drogenszene.

Wie der Originaltitel sagt, handelt das Buch von Grenzen. Von der Grenze, an welcher der Präsident eine Mauer bauen will. Von Grenzen zwischen Gesellschaftsschichten. Und von emotionalen und moralischen Grenzen. «Jahre des Jägers» ist ein sensationeller Roman. Und höchstwahrscheinlich schon der Krimi des Jahres.

Die Wertung

Der Autor
Don Winslow, geboren 1953 in New York City, wuchs an der Küste von Rhode Island auf. Er studierte an der University of Nebraska afrikanische Geschichte und arbeitete unter anderem als Privatdetektiv und als Safarileiter in Kenia und China, bevor er Militärgeschichte zu studieren begann. Anfang der 1990er startete er seine Schriftstellerkarriere mit der Serie um den privaten Ermittler Neal Carey. Spätestens seit dem Meisterwerk «The Power of the Dog» (2005; deutsch 2010 als «Die Tage der Toten») zählt Winslow zu den besten Autoren des Genres. Nach diesem Drogenkrieg-Epos brillierte er mit ein paar witzigen Südkalifornien-Surfer-Krimis, die auf Deutsch vor «Die Tage der Toten» erschienen sind. Inzwischen hat Winslow mehr als 20 Bücher veröffentlicht. «Savages» wurde 2012 von Oliver Stone verfilmt und machte Winslow definitiv zum Star. Neben seinen brillanten Romanen erschienen auf Deutsch auch wenig überzeugende Werke wie «Vergeltung» und «Missing. Germany», die im Original gar nicht veröffentlicht wurden. Don Winslow tritt ein für die Legalisierung der Drogen, da nur die Entkriminalisierung den Kartellen und Banden das Geschäft legen könne. Er lebt mit seiner Frau in Südkalifornien.

Don Winslow: «Jahre des Jägers» (Original: «The Border», William Morrow, New York 2019). Aus dem Englischen von Conny Lösch. Droemer, München 2019. 989 Seiten, ca. 38 Fr.

Erstellt: 27.02.2019, 15:37 Uhr

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