Das Kunsterbe in den falschen Händen

Europa muss afrikanische Kulturgüter aus der Kolonialzeit zurückgeben. Das fordert ein auf Deutsch vorliegender Bericht, der von Emmanuel Macron in Auftrag gegeben wurde.

Geraubte Kulturgüter: Afrikanische Holzstatuen im Afrikamuseum Tervuren in Belgien. Foto: Imago Images

Geraubte Kulturgüter: Afrikanische Holzstatuen im Afrikamuseum Tervuren in Belgien. Foto: Imago Images

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Der «Bericht zur Restitution des afrikanischen Kulturerbes», den der senegalesische Ökonom Felwine Sarr und die französische Kunsthistorikerin BénédicteSavoy im Auftrag von Präsident Emmanuel Macron verfassten, ist ein eigentliches Manifest zur kulturellen Dekolonisation. Vor einem halben Jahr wurde der Text im Internet veröffentlicht. Nun liegt er in einer leicht gekürzten Fassung in deutscher Übersetzung bei Matthes und Seitz vor. Er hat nichts von seiner Aktualität verloren.

Am 28. November 2017 hat Emmanuel Macron bei einerviel beachteten Rede in Ouagadougou die Rückführung von Kulturgütern zuoberst auf seine Agenda gesetzt. Unmissverständlich sagte er: «Ich möchte, dass in fünf Jahren die Voraussetzungen erfüllt sind, um das afrikanische Erbe zeitweise oder endgültig an Afrika zu restituieren.» Und er fügte hinzu: «Das afrikanische Erbe darf nicht Gefangener europäischer Museen sein.»

«Relationale Ethik»

Sarr und Savoy verfassten ihren Bericht in Rekordzeit, wobei das die Qualität ihrer Arbeit nicht geschmälert hat. Beide Wissenschaftler, Experten für afrikanische Kultur und Restitutionsfragen, sind bestens mit der Materie vertraut. Ihren Bericht gliedern sie in vier Teile. Zuerst befassen sie sich anhand ausgewählter Beispiele mit der Geschichte des Kulturgüterraubs, der imperiale Unternehmungen schon immer begleitet hat. Zweitens geht es um die Rückgabe von Kulturgütern und was das für die afrikanischen Länder bedeutet. Drittens stehen die Sammlungsgeschichte in den französischen Museen und die Ideologie der Völkerkundemuseen im Fokus. Zuletzt werden Gesetzesreformen behandelt, ohne die eine Restitution im grossen Stil nicht denkbar ist.

Vor allem aber geht es um das übergeordnete Ziel der angestrebten Wiedergutmachung. Die Jugend Afrikas habe, so lesen wir, wie die Jugend Frankreichs oder Europas «Rechte in Bezug auf das Kulturerbe». Die Restitution soll demnach die Voraussetzungen schaffen, damit sich die afrikanischen Länder und ihre Bürger ihrer eigenen Geschichte bewusst werden könnten. Dabei geht es nicht um Identitätspolitik, vielmehr ist die Rede von einer «neuen relationalen Ethik», die zwischen den Völkern zu etablieren sei.

Gigantische Mengen

Rückerstattung ist also die Voraussetzung, um künftig gerechtere Beziehungen zu ermöglichen. «Von Dialog, Vielstimmigkeit und Austausch geleitet, darf die Restitution keineswegs als ein unheilvoller Akt von Identitätszuschreibung oder territorialer Festschreibung von Kulturgütern verstanden werden. Sie lädt im Gegenteil dazu ein, die Bedeutungsgebung der Objekte zu öffnen und ‹dem Universellen›, mit dem sie in Europa so häufig assoziiert werden, die Möglichkeit zu geben, auch anderswo erfahren zu werden.»

Der Bericht fasst auf wenigen Seiten die wichtigsten Ereignisse einer Geschichte des Kulturgüterraubs in Afrika zusammen, der vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geradezu abstruse Züge annahm. So erscheint die schiere Menge an Objekten afrikanischen Ursprungs, die heute in europäischen Museen gelagert werden, einfach gigantisch: Erwähnt werden in dem Buch das British Museum (69'000 afrikanische Objekte), das Weltmuseum Wien (37'000), das Afrikamuseum Tervuren in Belgien (180'000), das zukünftige Humboldt-Forum in Berlin (75'000) sowie das Musée du Quai Branly (70'000) und die Museen des Vatikans (keine Angaben). Die imperialistischen Raubzüge der Europäer in Afrika führten dazu, dass heute über 90 Prozent der afrikanischen Kulturgüter in europäischen Museen aufbewahrt werden.

Sarr und Savoy fordern eine bedingungslose Rückführungafrikanischer Kulturgüter. Notwendig sei ein echter Eigentumstransfer und damit notwendigerweise eine Änderung des französischen Kulturerberechts, das heute noch die Unveräusserlichkeit und Unpfändbarkeit dieser Objekte garantiert.

Kritik an den Museen

Das Buch ist eine vehemente Kritik am Kolonialismus und an den europäischen Völkerkunde- und Ethnologiemuseen, die immer noch einer Logik des Kolonialismus entsprächen. «Seit seinen Anfängen», heisst es, «ermöglicht das Museum den europäischen Mächten, in einer Logik nationaler Selbstbekräftigung ihre Fähigkeit in Szene zu setzen, sich die Welt einzuverleiben und sie zu klassifizieren.» Erst mit einem Eigentumstransfer der geraubten Kulturgüter könne das Kontrollmonopol der westlichen Museen über die Deutung und über die Mobilität der Objekte aufgebrochen werden.

Mit diesen Forderungen stellen die beiden Autoren die Funktion der europäischen Völkerkundemuseen radikal infrage, in denen sie gewissermassen das Gesicht eines für die afrikanischen Länder mörderischen Imperialismus sehen. Es erstaunt darum nicht, dass sich die Direktoren der ethnologischen Museen im deutschsprachigen Raum in ihrer «Heidelberger Stellungnahme» vom 6. Mai 2019 klar gegen eine rasche und umfassende Rückgabe verwahrten.

Sie setzen vielmehr auf Restitution in begründeten Einzelfällen, möchten aber weiterhin mit ihren Sammlungen arbeiten und diese ausstellen. Sie fordern statt Dekolonisation mehr Mittel für die Provenienzrecherche und den Ausbau der Beziehungen zu den afrikanischen Ländern.

Erstellt: 24.05.2019, 16:51 Uhr

Felwine Sarr, Bénédicte Savoy

Zurückgeben. Über die Restitution afrikanischer Kulturgüter

Matthes und Seitz, Berlin 2019. 224 S., ca. 27 Fr.

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