Das Leben im umgekippten Jahrhundert

«Leere Herzen» heisst der neue Roman von Juli Zeh. Eine «Besorgte Bürger-Partei» übernimmt darin die Politik.

Aufs Äusserste reduzierte Dialoge und subtil eingearbeitete Informationen: Juli Zehs Schreibstil ist packend.

Aufs Äusserste reduzierte Dialoge und subtil eingearbeitete Informationen: Juli Zehs Schreibstil ist packend. Bild: Kay Nietfeld/Keystone

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Nur etwa zehn Jahre hat Juli Zeh das Rad der Zeit in die Zukunft weitergedreht, und Deutschland ist nicht wiederzuerkennen: Angela Merkel längst abgewählt, an der Macht ist die BBB, die «Besorgte Bürger-Bewegung», die mit absoluter Mehrheit und parlamentarischen «Effizienzpaketen» Staat und Gesellschaft nach ihren Vorstellungen umbaut. Die Kanzlerin sieht aus wie Frauke Petry, die Innenministerin heisst Wagenknecht. Es gibt das bedingungslose Grundeinkommen für alle, aber wenn man mehr will, greift eine scharfe Auslese mit Zwischenprüfungen schon an der Grundschule. Ansonsten gilt: Germany First; Ausländer zahlen eine Sondersteuer, und demnächst soll der Import ausländischer Biere verboten werden.

Die EU ist nach Brexit, Spexit, Frexit und der zweiten Finanzkrise zerfallen, die UNO steht vor der Auflösung. Dafür haben Trump und Putin den Syrien-Krieg beendet, Israel eine Zweistaatenlösung aufgezwungen und alle weiteren Nahostprobleme gelöst. Daesh (so heisst hier der IS) existiert nur noch in einer Schwundform und bekennt sich, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden, «zu jeder umgefallenen Giesskanne». Überhaupt findet Terrorismus nur noch in jener Dosis statt, wie sie jede Gesellschaft zur Aufrechterhaltung eines gesunden Angstpegels braucht.

Zuständig ist eine kleine Firma namens Brücke, der «einzige Terror-Dienstleister der Republik», geduldet von den Geheimdiensten und geleitet von Britta, einer ausgebildeten Heilpraktikerin. Sie fischt mit ihrem Compagnon, dem IT-Crack Babak, Suizidgefährdete aus dem Netz und schickt sie durch Prüfungen, aus denen sie meist «geheilt», also lebensfroh hervorgehen. Erweist sich der Todeswunsch als untherapierbar, vermittelt Britta sie als Selbstmordattentäter an interessierte Organisationen – Separatisten, Ökoterroristen oder eben Daesh. So dient wenigstens ihr Tod einem höheren Zweck.

Wahlrecht oder Waschmaschine

Eine originelle Idee im Brennpunkt von Juli Zehs Zukunftsvision. Es ist ein sanfter Horror: Deutschland hat sich unterworfen, nicht wie in Houellebecqs «Soumission» dem Islamismus, sondern einer sanften Diktatur, die den Menschen die Sorge um ihr Wohlergehen und das Interesse an Politik abgenommen hat. Die Selbstmordagentur ist eine zynische Idee, überzeugend ausgebaut, aktionsträchtig und also romanhandlungstreibend. Aber sie will nicht recht zu Juli Zeh passen, denn die ist keine Zynikerin, sondern eine Moralistin. Dass den Menschen Politik egal sein könnte, sie also ihre Interessen nicht mehr in die eigene Hand nehmen, ist offenbar das Schlimmste, was sie sich für eine Gesellschaft vorstellen kann.

Sie zitiert eine (fiktive) Umfrage, in der Menschen sich zwischen dem Wahlrecht und einer modernen Waschmaschine entscheiden sollen; nur 18 Prozent hätten das Wahlrecht gewählt. Solches Desinteresse, das bis zum Eskapismus geht, verkörpert Brittas Freundin Janina, die sich mit «Textdienstleistungen» durchschlägt und von einem Bauernhaus am Waldrand träumt, einem Ort, «an dem die restliche Welt endgültig keine Rolle mehr spielt».

Britta dagegen blickt der Heillosigkeit der Welt furchtlos ins Gesicht. Sie hat nicht vergessen, dass es mal eine Zeit gab, in der «Begriffe wie Pluralismus, Gleichheit, Integration Bedeutung besassen». In einer Welt, in der die Menschen entweder Karriere machen oder sich ausklinken – zwei Varianten radikalen Individualismus –, ist jeder Sinn verloren gegangen. «Wir haben keine Ahnung, wer wir sind. Sein wollen. Oder sollen.» Britta hat sich fürs Funktionieren entschieden; Regeln sind ihr Sinn­ersatz. In einem «umgekippten Jahrhundert» sei es absurd, «Haltung zu zeigen».

Juli Zeh kann erzählen, und wie!

Um diese «Terror-Dienstleisterin», dieser politisch-philosophischen Nihilistin mit dem Putzfimmel und den ständigen Bauchschmerzen strickt Juli Zeh eine rasante Krimihandlung. Die beginnt mit einem Attentat, das nicht von Brittas Selbstmörderkontingent stammt und auf eine Konkurrenztruppe hinweist, die Brittas Firma dann auch direkt attackiert. Die Chefin, ihr Compagnon und die Suizidkandidatin Julietta tauchen in einem leeren Haus unter und bereiten einen Gegenschlag vor.

Juli Zeh kann erzählen, und wie! Jedenfalls weit besser, als das die ersten Verrisse vermuten lassen. Knappe, aufs Äusserste reduzierte Dialoge, subtil eingearbeitete Informationen, die die Zukunft so selbstverständlich erscheinen lässt, wie sie für die handelnden Personen ist, hübsch polemische Spitzen auf das saturierte, aber rückgratlose Bürgertum und schliesslich die geschickte Schürzung des Knotens: Das packt. (Nur die Wetterberichte sind ein wenig penetrant.) Die Schilderung einer Waterboarding-Sitzung, der sich Britta unterwirft – es ist eine der Prüfungen, die zeigen soll, wie sehr die Kandidaten doch noch am Leben hängen –, ist von buchstäblich atemraubender Intensität. Man traut es der toughen Autorin glatt zu, das am eigenen Leib ausprobiert zu haben.

Es ist trotz seiner 350 Seiten ein schnelles Buch, konzentrierter als das dörfliche Gesellschaftspanorama ihres Bestsellers «Unterleuten». Dort hatte sie das politische Argumentieren, ohne das es bei Zeh nicht geht, auf die Figuren verteilt, wodurch Denkspannung, Relativierung und Dialektik wie von selbst entstanden. Auch hier gelingt es ihr anfangs, Thesen in Erzählung zu transponieren. Je mehr es aber dem Ende zugeht, desto deutlicher erhebt die Botschaft ihr Haupt, werden die Personen zu Sprachrohren ihrer Erfinderin. Und aus ihnen tönt die Warnung: Wenn ihr euch nicht engagiert, euch nicht für Politik interessiert, nicht wählen geht – dann kriegt ihr eine solche Welt, wie ich sie hier schildere.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.11.2017, 18:10 Uhr

Juli Zeh Leere Herzen

Roman. Luchterhand, München 2017. 348 S., ca. 27 Fr.

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