Das Lieblingswort ist «Oh!»

«Mein Alphabet»: Die Schweizer Schriftstellerin Ilma Rakusa gibt in wunderleichten Prosaskizzen Einblick in ihr Leben und Lesen.

Erhielt mit dem Kleist-Preis eine der bedeutendsten literarischen Auszeichnungen des deutschsprachigen Raums: Ilma Rakusa. Foto: Keystone

Erhielt mit dem Kleist-Preis eine der bedeutendsten literarischen Auszeichnungen des deutschsprachigen Raums: Ilma Rakusa. Foto: Keystone

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In seinem Gedichtzyklus «Graphit» skizziert der Schriftsteller Marcel Beyer eine niederrheinische Landschaft, samt Busch und Broich – und ein paar «Pappelzeilen», ein dezenter Hinweis darauf, wie eng das Zittern des Pappellaubs und die Bewegung der Schrift miteinander verbunden sein können.

Auch Ilma Rakusa, die kürzlich mit dem renommierten Kleist-Preis ausgezeichnete, in Zürich lebende Autorin, liebt die Pappeln. Im Burgenland ist sie ihnen einmal stundenlang gefolgt, von Baum zu Baum, von Ort zu Ort: «Sie üben einen Sog aus, die Pappelreihen, als riefen sie: Gehen, weitergehen! Aber frag nicht, wie weit der Weg ist, es zählt nur der Rhythmus der Fortbewegung, mit offenem Ausgang.»

Staunen als Grundvoraussetzung

Ein luftiges, lockeres Pappelbuch hat Ilma Rakusa jetzt geschrieben. In kleinen Kapiteln, oft kaum mehr als zwei, drei Seiten lang, folgt sie dem Lauf des Alphabets. «Alter» und «Einsamkeit», «Erinnerung» und «Haut», aber auch «Joghurt» bekommt seinen Eintrag (das tägliche Frühstück, Naturjoghurt nach griechischer Art) oder ein Lieblingswort wie «Oh!».

Überhaupt ist das Staunen eine Art Grundvoraussetzung für ihre Wahrnehmung. «Schau ihn dir an. Schau ihn einfach an», heisst es einmal. Sich auf die Welt einzulassen, nicht alles gleich einordnen und bewerten zu wollen, eher in Mäandern und in Gedankensprüngen unterwegs zu sein: Das zeichnet dieses Abc an seinen besten Stellen aus.

Und wiederum staunt man als Leser, wie es Rakusa gelingt, etwas so Allgemeines wie das Alphabet zu einer so persönlichen Sache zu machen. Wie sie Splitter der eigenen Lebensgeschichte aufgreift, Kindheitstage in Triest etwa, das viele Unterwegssein, ihr Zuhause in Zürich, aber auch Ängste, die den Lebensfluss immer wieder unterströmen und vielleicht eine Gegenkraft sind zu jener Erfahrung von Ruhe und zarter Euphorie, als die sie das Schreiben begreift.

Von Lichtfäden und Lichthasen

Obwohl der Band kaum merklich nach Motiven und Sprachmomenten komponiert ist, muss man die Einträge nicht nacheinander lesen, sondern kann sich dem Schwung der Assoziation anvertrauen, mal blättern, mal «katzenpfotig» über die Seiten tapsen. So erfährt man etwas über die sanfte Verwandlungskraft des Schnees oder die Lichthasen aus Ilma Rakusas Kindheit, Lichtfäden, die durch die Jalousien kamen und die über die Decke und den Boden huschten.

In einem anderen Kapitel erzählt sie von ihrer Kleidersammlung, von Röcken, Pullovern, Schals, Hüten, Gürteln – und stellt fest: «Die Schränke quellen über, Zeit, gründlich aufzuräumen.»

So ähnlich geht Rakusa in ihrem Buch vor, sie blättert sich durch die Stoffe und lässt, wie schon in ihrem mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichneten Erinnerungsbuch «Mehr Meer» (2009), ihr Leben Revue passieren, «eine halb heitere, halb wehmütige Angelegenheit». Wo sie im Meerbuch ihrer Kindheit und Jugend in der Slowakei, in Ungarn und in Slowenien nachspürte und vor allem atmosphärische Bilder schuf, sichtet sie nun ihre gesamte Erfahrungswelt, zuweilen erzählend, meist aber in Form von Inventaren, Synopsen oder kleinen Erinnerungsspeichern.

Am Ende ist man «prallvoll mit Eindrücken».

Nicht ganz so intensiv sind manche jener Passagen, in denen sie sich in einer Art Selbstinterview Fragen stellt. Hier stockt der Rhythmus ab und an, wird der «offene Ausgang» verstellt durch schnelle Kritik, etwa am «vorherrschenden Optimierungswahn» oder der «Verrohung der Sitten und der Sprache».

Aber bald schon kehrt man mit Ilma Rakusa zurück zur Schärfung des Blicks, liest Beschreibungen und Tagebuchartiges, freut sich über die vielen Gedichte, die in den Band eingestreut sind, über den März, die Zärtlichkeit – oder über Pantoffeln: «Die friulanischen aus dem / vollgestopften Laden in Venedig / samten und seidig / von orientalischem Zuschnitt / vorne spitz hinten offen / du gehst wie auf Pfötchen / pantofolinisch.»

Zitate sind Zikaden

Eines der schönsten Kapitel führt in ihre Kindheitssprache, das zu Hause gesprochene Ungarisch. Kosenamen, Flüche – alles nur in dieser Sprache möglich. Und so folgt man ihr pantofolinisch und erfährt, dass Kartoffeln bei ihr immer noch «krumpli» heissen und ein Winzling «picike» genannt wird.

Am Ende der Lektüre ist man wie die Autorin nach ihren Spazier- und Pappeltagen «prallvoll mit Eindrücken». Und erinnert sich daran, wie sehr sie Zitate mag, die sie mit Mandelstam liebevoll Zikaden nennt, weil sie klingen sollen. Also geschwind noch ein Zitat. Was sie einmal über Saint-Exupérys «Kleinen Prinzen» notiert, könnte auch eine Beschreibung dieses Buches sein: «Offenmütig buchstabiert er das Alphabet der Dinge, bis ihm und uns die Augen aufgehen.»

Ilma Rakusa: Mein Alphabet. Literaturverlag Droschl, Graz 2019. 312 S., ca. 32 Fr.

Erstellt: 13.12.2019, 13:30 Uhr

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