«Es kann nichts Schlimmes passieren – das erzeugt Lust»

Der Wissenschaftsjournalist Hubert Filser hat ein Buch über Monster geschrieben. Er sagt, weshalb wir Wesen wie das Alien brauchen.

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Herr Filser, Sie haben sich ausführlich mit Monstern befasst. Was sind Monster eigentlich?
Monster sind eine sehr schlaue Erfindung des Menschen. Wir erschaffen sie, um unsere gesellschaftlichen Grenzen und Normen auszuloten. Aber auch, um das abzubilden, was unser Verstand nicht oder noch nicht begreift. Durch sie machen wir unsere Ängste begreif- und beherrschbar. Ich sehe sie deshalb als Frühwarnsysteme für gesellschaftliche Erschütterungen.

Gibt es also Momente, in denen sie besonders häufig auftauchen?
Monster haben in Zeiten des Umbruchs Hochkonjunktur. Im alten Ägypten tauchten sie etwa auf, als sich dort die ersten Pharaonen ihre Macht sicherten. Ab dem 19. Jahrhundert erscheinen sie zusammen mit neuen Technologien und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Offenbar löst auch jeder Fortschritt beim Menschen zu Beginn Ängste aus.

Zum Beispiel?
Frankensteins Monster ging vor zweihundert Jahren eine Zeit voraus, in der vermehrt mit Elektrizität und dem menschlichen Körper experimentiert wurde. Godzilla erscheint, nachdem japanische Fischer bei einem amerikanischen Atombombenversuch im Pazifik verstrahlt wurden. Dieser Vorfall weckte wohl Japans Trauma von Hiroshima und Nagasaki. Ausserirdische schliesslich erscheinen mit dem Beginn der Raumfahrt. In all diesen Momenten versuchte der Mensch, in neue Gebiete vorzudringen. Gleichzeitig überlegt er sich, was ihm aus dem Unbekannten drohen könnte.

In der aktuellen Staffel von «Stranger Things» ist das Monster ein riesiges, spinnenartiges Schattengeschöpf. Wie passt das in unsere Zeit?
Die Serie spielt zwar in den 1980ern, die Monster darin sind dennoch hochaktuell. Das Schattenwesen lauert bedrohlich im Hintergrund. Es drückt eine diffuse Angst aus vor all den nicht greifbaren Dingen, die über unser Leben bestimmen. Es kann in die Gedankenwelt der Menschen eindringen – das erinnert doch an die Macht der Algorithmen heute. Der Demogorgon aus der ersten Staffel ist noch deutlicher: Der Zuschauer bekommt ihn über mehrere Folgen gar nie zu sehen. Der Demogorgon verbindet eigentlich alles, was ein übermächtiges Monster ausmacht.

Nämlich?
Am meisten gruseln wir uns vor Figuren, die menschenähnliche Züge aufweisen und zugleich vom Menschen abweichen – in ihrem Aussehen, ihren Bewegungen, oder von der Stimme her. Der Demogorgon erfüllt das mit seinem Gesicht, das sich wie eine Blume auffaltet und alles verschlingt. Zudem kommt er aus einer Parallelwelt.

Grenzbereiche scheinen bei Monstern oft eine Rolle zu spielen.
Monster sind definitiv Grenzbewohner. Wir weisen ihnen stets einen Lebensraum am Rand der jeweils bekannten Welt zu. Die vermutlich erste Darstellung eines Monsters findet man in der hintersten Ecke der Höhle von Chauvet. Es ist ein Mischwesen, eine Minotaurus-Figur mit dem Unterkörper einer Frau und dem Oberkörper eines Stiers. Um zu dieser Figur zu gelangen, wandert man sechs- bis achthundert Meter in die totale Dunkelheit hinein. Die Menschen, welche diese Zeichnung vor 40’000 Jahren anfertigten, wussten nicht, was sie dort hinten erwartet. Sie sind an ihre Grenzen gegangen.

Unsere Gesellschaft gilt als aufgeklärt – Monster halten sich dennoch.
Monster tauchten in jeder Gesellschaft zu allen Zeiten auf. Aus den Sümpfen, von den Bergen und aus den Meeren haben wir sie zwar vertrieben. Aber sie bleiben, weil ihr Sinn nicht verschwunden ist: Es gibt auch im 21. Jahrhundert Dinge, die der Mensch nicht beherrschen kann.

Ende des 19. Jahrhunderts stellten englische Karikaturisten die Iren als monströse Halbaffen dar. Sind Monster auch politisch?
Monster lassen sich in der Politik nutzen, weil sie uns aus Zehntausenden Jahren Menschheitsgeschichte vertraut sind. Wir verstehen die Botschaft einer erschreckenden Erscheinung wie jener des Mischwesens sofort: Es verstösst gegen eine Norm, das fasziniert uns. Schon Martin Luther verwendete das Mönchskalb und den Papstesel als mahnende Beispiele für die Dekadenz der Päpste. Monster sind ideale Figuren, um vor etwas zu warnen.

Weshalb bezeichnen wir Massenmörder als Monster?
Wir versuchen schon seit langem Wege zu finden, einen Verbrecher vom normalen Menschen zu unterscheiden. Im 19. Jahrhundert vermass der italienische Arzt Cesare Lambroso die Kopfform Hunderter hingerichteter Verbrecher. Er meinte, verschiedene Merkmale zu identifizieren, die einen Mörder anders machen: eng zusammenstehende Augen etwa, oder ein kantiges Kinn. Später suchten Forscher nach dem Mörder-Gen. Heute sind wir zurück bei der Gesichtserkennung.

Wie lassen sich denn all die lustigen und niedlichen Monster in der Populärkultur einordnen?
Wenn wir an Alf oder das Krümelmonster denken, sehen wir Monster, die unsere wilden Seiten ausleben. Alf isst Katzen. Das Liebe und vermeintlich Harmlose kann auch eine wilde Seite haben.

Weshalb wollen wir Monster im Kino sehen?
Da greift das Angst-Lust-Prinzip. Wie beim Bungeejump oder der Achterbahn stellen wir uns unseren Ängsten in einem geschützten Rahmen. Wir wissen, dass nichts Schlimmes passieren kann – das erzeugt ein Lustgefühl. Evolutionsbiologen sagen, Angst und Lust seien unsere ältesten Gefühle.

Sie haben Monster kategorisiert und erklärt. Haben Sie Ihre eigenen Monster damit gebannt?
Ich schau monströse Wesen heute anders an. Ich bin weniger eingeschüchtert und versuche eher herauszufinden, was diese Monster über uns sagen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.12.2017, 13:34 Uhr

Hubert Filser ist Wissenschaftsjournalist und Physiker. (Bild: Peter von Felbert)

Hubert Filser: «Menschen brauchen Monster - Alles über gruselige Gestalten und das Dunkle in uns». Piper, 288 Seiten, ca. 30 Fr.

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