Das Sonnensystem der Stars

Schweizer Autoren auf dem «Blauen Sofa», ernste Stimmung bei den Verlegern und ein omnipräsenter Amoz Oz: Das tat sich am zweiten Tag der Leipziger Buchmesse.

Ist auch an der Buchmesse anzutreffen: Martin Suter in Leipzig.

Ist auch an der Buchmesse anzutreffen: Martin Suter in Leipzig. Bild: Keystone

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Ein bisschen Nostalgie muss sein. Im vergangenen Jahr stand die Leipziger Buchmesse im Zeichen der Schweiz. Überall sah man die roten Bänke, hörte man helvetischen Zungenschlag, sogar an den Haltestellen der Messetramlinie 16, und stämmige Schwinger führten auf der Bühne des Schauspielhauses den Hosenlupf vor. Der Schwerpunkt ist weitergewandert, nach Israel, aber der neue Schweizer Stand verzeichnet immer noch reges Interesse bei den Besuchern.

Die Koje ist rundherum mit dem Text von «Koala» beklebt, dem Schweizer Buch des Jahres 2014 – Wallstein-Verleger Thedel von Wallmoden freut sich über 50'000 verkaufte Exemplare und legt gleich einen Essayband von Bärfuss nach. Dani Landolf und Marianne Sax vom SBVV stellen höhere Bekanntheits- und Sympathiewerte für die Schweizer Literatur fest, und sogar der höhere Anteil Schweizer Bücher am Verkauf in Deutschland (von 2,4 auf 2,9 Prozent) soll auf die letztjährige Performance zurückzuführen sein. Immerhin sitzen auch diesmal Martin Suter, Lukas Bärfuss, Milena Moser und Sibylle Berg auf dem «Blauen Sofa» in der grossen Glashalle, und Linus Reichlin oder Ruth Schweikert kommen bei «Wohnzimmerlesungen» den Leipzigern ganz nahe.

Schulkinder in den Gängen

3200 Veranstaltungen an 410 Orten in der Stadt umfasst das Programm «Leipzig liest», mehr als je zuvor, und auch der Zulauf ist wieder rekordverdächtig. Ansonsten ist auf der Messe der Kostümfaktor etwas zurückgegangen, die «Cosplayer» – das sind junge Leute, die sich als Mangafiguren verkleiden – konzentrieren sich in der Halle eins, wo auch die einschlägigen Accessoires zu erwerben sind. Dafür verstopfen – in Sachsen streiken die Lehrer – Schulkinder die Gänge, lassen sich erschöpft auf den brückenartigen Übergängen nieder und verzehren dort ihr Vesperbrot. Ja, für Fusslahme oder Gehfaule ist die Messe nichts; der Schrittzähler des TA-Reporters weist für jeden Tag mehr als 10 Kilometer Strecke aus.

Die Stimmung bei Verlegern und Offiziellen ist ernster als auch schon. Die Umsätze in Deutschland sind um 2,1 Prozent zurückgegangen, in den ersten zwei Monaten des laufenden Jahres nochmal um ein Prozent. Die Branche beobachtet besorgt die Verhandlungen um das Freihandelsabkommen TTIP, weil sie die Buchpreisbindung bedroht sieht. Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins, der Verlage und Buchhandlungen vertritt, weist auf die jüngsten Angriffe auf die Meinungsfreiheit hin – ermordete Karikaturisten in Paris, exekutierte Journalisten in Syrien und im Irak. Ein «Zeitalter der Unsicherheit» ruft Heinrich August Winkler, der Altmeister der deutschen Geschichtswissenschaft, beim Abendessen des Beck-Verlages aus, traditionell ein gesellschaftlicher Höhepunkt der Messe, zu dem erstmals Jonathan Beck begrüsst, der neue Chef des Hauses – erst der siebte in der 250-jährigen Familiengeschichte.

Podium für Probleme

Die Messe hat ein Podium für alle Probleme dieser Welt, irgendwo, seien es die «500'000 Sklaven in Mauretanien» oder der Organhandel in China. Etliche Veranstaltungen gelten der aktuellen Krise um Russland und die Ukraine und der ewigen im Nahen Osten. Viktor Jerofejew erläutert, wie sich Russland in eine Theokratie verwandelt, ein Land mit der Überzeugung, „das beste der Welt" zu sein, und der Mission, alle anderen davon zu überzeugen. Israel gibt ebenfalls politisch wenig Anlass zur Hoffnung, auch wenn Amos Oz davon träumt, künftig einmal nicht mehr auf den Titelseiten, sondern nur noch im Kulturteil von seinem Land zu lesen. Ein schöner Traum!

Amos Oz ist einer der Stars dieser Messe. Überall begegnet man ihm, lesend, diskutierend, signierend. Martin Suter ist durchaus auch einer. Und überhaupt zerfällt diese multiple Messe auch starmässig in eine Ansammlung von Sonnensystem und die ihre Sonnen umschwärmenden Trabanten, von den DDR-Nostalgikern, die in Leipzig immer noch eine Basis haben, bis zur Comic-Szene, die bei einem Zeichner namens Scott McCloud ansteht, oder den Fans der «Geisterjäger John Sinclair»-Serie und deren Autor Jason Dark alias Helmut Rellergerd.

Den für viele Allergrössten haben wir nur im Hotel erblickt. Er heisst Heino und sass – aber damit begeben wir uns in die Untiefen des Boulevard, und so sei dies der letzte Satz - mit einer sehr viel jüngeren Begleiterin beim Frühstück.

Erstellt: 15.03.2015, 11:29 Uhr

Neuer Besucherrekord

Die Leipziger Buchmesse hat 2015 erneut einen Besucherrekord aufgestellt. Zur Frühlingsschau der Buchbranche kamen von Donnerstag bis Sonntag nach Veranstalterangaben 186'000 Besucher - 11'000 mehr als im Vorjahr. (sda)

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