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Bärfuss und das «Staatsradio»

Will Lukas Bärfuss die SRG foppen? Liebäugelt er gar mit No Billag? Jetzt erklärt er sich.

Gehört zu den erfolgreichsten Schweizer Autoren: Lukas Bärfuss. (9.3.2017)
Gehört zu den erfolgreichsten Schweizer Autoren: Lukas Bärfuss. (9.3.2017)

«Staatsfernsehen», «Staatsradio»: Nichts nervt SRG-Mitarbeiter mehr als das. Auf allen Kanälen wehren sie sich gegen diese Wörter, die sie als Diener staatlicher Herren erscheinen lassen. Auf der SRG-Website heisst es explizit, der Begriff «Staatsradio» sei «falsch», die SRG vielmehr ein «privater Verein mit besonderem gesellschaftlichem Auftrag». 75 Prozent ihrer Einnahmen sind Gebührengelder, eine Annahme der libertären No-Billag-Initiative wäre das Ende der heutigen SRG.

Die Stimmung ist daher angespannt wie nie, jedes Wörtchen kann zum Skandal werden. Von «Staatsfernsehen» oder «Staatsradio» redet derzeit nur, wer die SRG ärgern möchte oder ihr und ihrer Selbstwahrnehmung grundsätzlich skeptisch gegenübersteht – und ausgerechnet jetzt schreibt der dezidiert linke Schriftsteller Lukas Bärfuss vom «Staatsradio». Der Thuner tat dies in seinem jüngsten FAZ-Essay, als er mit dem Schweizer Buchpreis abrechnete und dem Schweizer Radio Zensur vorwarf: «Das Staatsradio entschloss sich, uns drei kurzerhand zu zensurieren und die Livesendung aus dem Theater Basel im sicheren Studio auf dem Bruderholz weiterzuführen.»

«Staatsradio» – auf dieses Wort seien nach der Veröffentlichung des Textes «viele angesprungen», sagt Bärfuss' Assistentin. Man fragte sich: Zündelte Bärfuss bewusst mit dem No-Billag-Feuer, um unliebsamen Radiomachern eins reinzubrennen? Liebäugelt er tatsächlich mit der SRG-Demontage? Oder hatte er das Wort schlicht unbedacht gewählt? Alle diese Erklärungen waren wenig vorteilhaft für ihn, den Schriftsteller.

Die SRG «macht Staat»

Gegenüber Redaktion Tamedia nahm Bärfuss nun schriftlich Stellung. Er wolle den Begriff «Staatsradio» nicht verteidigen, so Bärfuss. Die sprachliche Nähe zum No-Billag-Lager schien eine umso deutlichere inhaltliche Distanzierung nötig zu machen, Bärfuss schreibt: «Selbstverständlich bleibt es eine staatspolitische Notwendigkeit, am 4. März ein überzeugtes Nein in die Urne zu werfen und zu hoffen, dass danach die journalistische Sorgfalt und Unabhängigkeit bei der SRG wieder sorgfältiger gepflegt wird.» Bärfuss' Ärger ist nicht verraucht, die Arbeit einiger SRG-Redaktionen in letzter Zeit lasse ihn an deren staatlichem Verantwortungsbewusstsein zweifeln; die «Zermürbungstaktik» der SRG-Gegner habe Spuren hinterlassen.

Die Verwendung des Worts «Staatsradio» begründet Bärfuss mit einer semantischen Volte: «Sie», die SRG, «macht sehr wohl Staat in diesem Land. Meiner Meinung nach soll sie das auch.» Weil die SRG den Staat dieser Lesart zufolge prägt respektive eben «macht», kann ihr Radio als «Staatsradio» definiert werden; auch wer der SRG neutral oder freundlich gesinnt ist, kann ihr Radio so nennen, ohne dass es deshalb als Erfüllungsgehilfe des Staats dasteht. Eine eigenartig schwammige Definition – könnte man mit ihr nicht die NZZ als «Staatszeitung» bezeichnen, da sie doch die politische Debatte im Land beeinflusst, also «Staat macht»?

Drei Monate vor der Abstimmung ist der No-Billag-Wahlkampf bereits hochexplosiv. Lukas Bärfuss entschärft derweil eine Bombe, die er selber gelegt hat.

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