Das verrückteste aller Spiele

1966 war die Gruppe 47 in Princeton eingeladen. Jörg Magenau schrieb die Reportage zu diesem legendären Ausflug der Literaten. Es war der Moment, als Peter Handke berühmt wurde.

Walter Jens und Hans Werner Richter (v. l.). Foto: Toni Richter (Hans-Werner-Richter-Archiv)

Walter Jens und Hans Werner Richter (v. l.). Foto: Toni Richter (Hans-Werner-Richter-Archiv)

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«Stolz waren wir, als wir im Holiday Inn in Princeton auf einem Riesenschild lasen: ‹Welcome Gruppe 47›. Greenhorns, die wir waren, wussten wir nicht, dass jeder Kegelklub so vom Hotel angekündigt wurde.» Kegelklub? Hellmuth Karasek, der sich hier erinnert, wie er damals dabei war, muss die Sportart verwechselt haben. Denn längst sprechen wir Fussballsprache, wenn wir über Literatur reden.

Nicht nur ein Volker Weidermann, Gastgeber des reanimierten «Literarischen Quartetts» im ZDF, fasst die Kritikerresultate am Ende seiner Sendung wie Spielstände zusammen. Auch Verlage greifen die neue Form des Zahlen-Blurbs dankbar auf: «4: 0», inserieren sie, wenn sich das Quartett im Lob einig war. Der Klappentext des Buchs von Jörg Magenau verspricht uns «das grosse Auswärtsspiel der deutschsprachigen Literatur in Amerika»: «Princeton 66» erzählt aus einer Zeit, als noch Busladungen voller Dichter für das Ansehen Deutschlands im Ausland zuständig schienen. Wer würde heute in so einen Bus einsteigen? Juli Zeh? Botho Strauss sicher nicht. Christian Kracht auch nicht.

Im April 1966 waren 80 Schriftsteller und Kritiker mit von der Partie, von Günter Grass bis Peter Weiss und Hans Magnus Enzensberger; von Walter Jens über Joachim Kaiser bis Marcel Reich-Ranicki. Zweimal hatte die jährlich stattfindende Schriftstellervereinigung seit ihrer Gründung im Jahr 1947 schon im Ausland getagt. Aber die Einladung nach Princeton war ein Wagnis.

Peter Handkes Wutrede

Würde, sollte, dürfte man sich in die Politik der Gastgeber einmischen? Immerhin befanden sich die USA im Vietnamkrieg, und vor dem Amerika-Haus im geteilten Berlin hatte es im Februar 1966 erstmals deutsche Studentenproteste gegeben. Der Bus wird die Reisegruppe vom Motel an der Interstate gleich zur eigentlichen Spielstätte chauffieren: dem Campus der Princeton University, wo die Gruppe 47 mit ihren literarischen Lesungen und anschliessender Livekritik eine Form von Auslandsrepräsentanz zugestanden bekam, die wir heute eher einer Fussballnationalmannschaft zuschreiben würden.

Überhaupt Literatur, diese Männerdomäne. Zwar nahmen an den Gruppe-47-Tagungen auch Autorinnen teil – in Princeton etwa Gabriele Wohmann und Helga M. Nowak. Doch die rücken kaum ins fotografische Gedächtnis, obschon die Frauen damals keine unwichtige Rolle spielten, namentlich Renate von Mangoldt, die Partnerin von Walter Höllerer, und Toni Richter, die Ehefrau von Gruppe-47-Erfinder Hans Werner Richter. Inge Jens hingegen, weiss Jörg Magenau, begleitete Walter Jens als «ger­manistische Gattin». Sollen wir uns darunter eine Intellektuellenversion der sprichwörtlichen Spielerfrau vorstellen?

Jörg Magenau, der nach Biografien über Christa Wolf, Martin Walser, Gottfried Benn, Ernst Jünger und Siegfried Lenz zuletzt den Briefwechsel der Kunstfälscher Wolfgang und Helene Beltracchi herausgegeben hat, ist klug genug, in seiner Princeton-Reportage keine allzu naheliegenden Fussballbezüge vom ­Metaphernzaun zu brechen. Er weiss selbst, wie ostentativ die Literatur es damals mit dem Fussball hatte – nicht nur im Vornamenhabitus eines F. C. Delius.

Wenn Magenau bemerkt, dass die Wahlkampfformation der SPD-nahen Schriftsteller in der Gruppe 47 ein Handke-Gedicht wert gewesen wäre, dann spielt er auf «Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg» an, die Handke in seinen frühen Jahren einmal zur Lyrik deklariert hat. Das war, rund 50 Jahre nach Erfindung des Readymade, ein hübsches Stück Dada und listenverliebte Pop­literatur dazu. Der damals 23-jährige Handke war und bleibt der Star von Princeton. Schon die Art und Weise, wie ihn die Tagungskollegen «das Mädchen» nennen und wie ihm noch Magenau die «Statur eines Kleiderbügels» bescheinigt, machen ihn als «man of the match» identifizierbar.

Sponsoren und Spielergehälter

Handke spielte nicht regelkonform, als er statt zu einer konkreten Textkritik (wie es in der Gruppe 47 üblich war) zu einer wohlvorbereiteten Wutrede ansetzte, die den hier anwesenden Schriftstellern, der vermeintlichen Elite der deutschen Gegenwartsliteratur, totale «Beschreibungsimpotenz» und den Kritikern «läppische» Kriterien vorwarf.

Dass Handke danach von der Gruppe, namentlich vom Platzhirsch Günter Grass, nichtsdestotrotz umarmt wurde, zeigt, wie sehr eine in Langeweile erstarrte Tagung aus ihrer Lethargie und eine Literatenvereinigung aus ihrer Routine gerissen wurden. Nach Princeton hat es nur noch ein weiteres (das 29. und letzte) Treffen der Gruppe 47 gegeben.

Die Idee, Princeton, diesen «verrücktesten Moment in der deutschen Literaturgeschichte seit 1945» (F. C. Delius), als Schlüsselspiel der Gruppe 47 zu lesen, ist nicht neu. Ganze Germanistenbibliotheken wurden mit ihr vollgeschrieben. Und doch erhält die Partie in Princeton erst mit dem Büchlein von Magenau ihr eigenes, würdiges Stadionmagazin.

Unterhaltsam informiert es über Sponsoren und Spielergehälter (50'000 Dollar stiftete die Ford Foundation, 400 Dollar Taschengeld gab es für jeden Schriftsteller). Es informiert über spassfeindliche Spielregeln (keinen Applaus) und das umstrittene Ticketing der Gruppe 47 (kommen durfte nur, wer von Hans Werner Richter persönlich per Postkarte eingeladen war). «Richter richtete», und Erich Fried ist «Stören-Fried»: Ab und zu klopft Magenau, ganz Kommentator, auch gern einen Spruch.

Autismus im Ausland

Wie ein Stadionreporter gibt er Atmosphärisches wieder, bringt uns die «Kuhglocke», mit der Richter zur Ruhe im Saal mahnte, ebenso bei wie die durch notorischen Luftzug verursachte Pendelbewegung einer Schwingtür, die während der Tagung ein «Dauer-Geräusch produzierte, das wie Hohnlachen klang». Dass Magenau die drei Tage Princeton komplett «relive» dokumentiert, stellt er nicht unklug an, etwa, wenn er Richters Diktum zu Handke aufspiesst.

Oder zeigt, wie provinziell die Gruppe 47 auswärts blieb: Weder interessierten sich die deutschen Literaten und Kritiker für eine parallel in Princeton stattfindende Tagung, auf der Tom Wolfe und Allen Ginsberg zugegen waren. Noch suchten sie Kontakt zu einer Koryphäe wie Kurt Gödel. Magenaus ­Fazit: «Ihr Autismus glich dem des Logikers.» Mit einer konzisen Mischung aus Anekdoten und Kontexten erzählt Magenau eine Gesamtgeschichte der Gruppe 47. Überzeugend führt er aus, wie mit ihrem Ende 1967 auch eine Selfmade-Ära des deutschen Nachkriegsliteraturbetriebs zu Ende ging.

Das historische Verdienst bleibt: Nach den Jahren des Nazispuks, in denen man sich literaturbetrieblich nur in der Goebbels-Kaste (vulgo Reichsschrifttumskammer) organisieren oder aber in der inneren oder äusseren Emigration isolieren konnte, kommt der Gruppe 47 die informelle Reorganisation literarischer Öffentlichkeit zu, die ab 1968 endgültig von einer anderen, politisch radikalen Öffentlichkeit abgelöst wurde: der sich formierenden Studentenbewegung.

Jörg Magenau: Princeton 66. Die aben­teuerliche Reise der Gruppe 47. Cotta, Stuttgart. 223 S., ca. 28 Fr.

Tondokument: Die Gruppe 47 beim Auswärtsspiel in Princeton

Erstellt: 25.02.2016, 18:39 Uhr

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