Den Literaturnobelpreis bekommt…

Weil die Schwedische Akademie kneift, springt Tagesanzeiger.ch/Newsnet ein. Wählen Sie einen unserer neun Favoriten.

Da wurde er noch vergeben: Die Ständige Sekretärin Sara Danius Sekunden vor der Bekanntgabe des Literaturnobelpreises 2017.

Da wurde er noch vergeben: Die Ständige Sekretärin Sara Danius Sekunden vor der Bekanntgabe des Literaturnobelpreises 2017.

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Heute, Punkt 13 Uhr, würde der Sekretär der Schwedischen Akademie verkünden: Der Literaturnobelpreis 2018 geht an … gefolgt von einem Namen, den die ganze lesende Welt gespannt erwartete. Die Verleihung ist ausgesetzt, weil die Schwedische Akademie, die den Preis vergibt, seit Monaten von einem Sex- und Korruptionsskandal erschüttert wird, sich selbst zerlegt hat und handlungsunfähig ist. 2019 soll es zwei Preise geben – aber bisher weiss niemand, von welchem und wie zusammengesetzten Gremium er vergeben werden soll.

Auch unsere Kulturredaktion ist enttäuscht, keinen Preisträger feiern zu können. Wir haben aber unsere Kompetenz und Leidenschaft versammelt und machen neun Vorschläge. Autoren und Autorinnen, die die Auszeichnung verdient haben. Bekannte und überraschende Namen. Sie können sie lesen und Ihren Favoriten krönen – egal, was aus der Schwedischen Akademie wird.

Wer überleben will, muss flüchten: vor der Gewalt auf den Strassen Kingstons, vor der Homophobie der jamaikanischen Gesellschaft. Aber die Heimat, die Marlon James längst in Richtung USA verlassen hat, um sein Leben als schwuler Mann auszuleben, lässt ihn nicht los, sie prägt sein Werk seit seinem Debüt «John Crow’s Devil» (deutsch: «Der Kult»). Bereits da war diese Sprache zu lesen, die die Urkraft des Alten Testaments mit dem Patois des jamaikanischen Alltags und der Popkultur der Gegenwart kreuzt. James hat sie weiter zugespitzt in «A Brief History of Seven Killings», in dem er die virtuos montierte Erzählung um den versuchten Mord an Bob Marley einer Vielzahl an unzuverlässigen Figuren überlässt. Dieses Gewaltswerk ist eine der grossen blutrünstigen Geschichten der Gegenwartsliteratur. «Wenns nicht so war, dann wars so ähnlich», lautet das jamaikanische Sprichwort, das James dem Roman vorangestellt hat. Was dann folgt, ist schwindelerregend. Benedikt Sartorius

Den Nobelpreis für eine Hip-Hopperin – das könnte man als plumpe Provokation missverstehen. Aber mir ist es damit Ernst: Die 32-jährige Kate Tempest hätte ihn schon jetzt verdient. Und zwar nur schon als Rache für den übergangenen James Joyce, dessen «Ulysses» sie in «Let Them Eat Chaos» ins Sozialkritische wendet: In Verskaskaden zoomt Tempest aus dem Weltall auf die Erde herab, um am Beispiel London Bilder einer Wirklichkeit zu entwickeln, in der alles schwer in Unordnung ist: Träge «schwimmt» bei Tempest «Laternenlicht durch zerknickte Jalousien», lässt die Poetin harten Regen auf die vereinzelten Grossstadtmenschen fallen, also all die «halbherzigen, hastigen, halb apathischen» –, um am Ende die Krümel der Hoffnung doch noch zusammenzukehren, sie etwas glimmen zu lassen. «Vertrauen bleibt», heisst es da, «bis Liebe bedingungslos ist.» Andreas Tobler

Auch im neusten Murakami, «Die Ermordung des Commendatore», gibts wieder vieles, das die Verächter des japanischen Bestsellerautors entzücken dürfte. Denn haben sie es nicht immer gesagt? Der Mann schreibt keine Literatur, auch keinen magischen Realismus, sondern Fantasy! Wo sonst soll man eine Figur verordnen, die unter der Hutkrempe kein Gesicht verbirgt, sondern einen milchigen Nebel. Und erst der Commendatore selbst, der ein Gemälde ist, aber auch gern als Sprüche klopfender 60-Zentimeter-Homunculus auftritt. Nun, bei Murakami zeigt sich das Innenleben seiner Figuren halt auf surreale Weise in der Wirklichkeit. Das bedeutet nicht weniger Erkenntnisgewinn als in «seriöser» Literatur, aber deutlich mehr Unterhaltung. Und weil die Bücher in einem fettfreien, zurückhaltenden Stil geschrieben sind, der perfekt zu Murakamis Themen von Verlust und Einsamkeit passt, darf man ihn ruhig mit dem Nobelpreis würdigen. Philippe Zweifel

Sie hat eine klassische französische Bildung, schreibt ein makelloses Französisch, das Unbehagen und Irritation auslöst. Ihre Sätze mäandern dahin, ihre Plots verfransen sich, ihre Schlüsse verwirren, ihre Erzähler sind unzuverlässig: Die Lektüreerfahrung gleicht einer schiefen Ebene, die man hinabrutscht, ins Unabsehbare. Sie verursacht Beklemmung und macht süchtig. Marie NDiaye hat einen senegalesischen Vater und eine französische Mutter, ihre Bücher handeln von sich kreuzenden und widersprechenden Rollenkonflikten, von Scham und Verdrängung, von subtilem Rassismus und psychischer Gewalt. Sie zeigen, was die Globalisierung im Innern der Menschen anrichtet und zwischen ihnen. Und wählen dazu surreale Bilder, die von Mensch zu Tier, von Wirklichkeit in den Traum gleitet. Weit mehr als der literarisch überschätzte Provokateur Houellebecq hat die grossartige Marie NDiaye den Nobelpreis verdient. Martin Ebel

Wenn es einem Schriftsteller gelingt, die Essenz eines Lebens in 24 Stunden zu verdichten, dann gehört er zu den ganz Grossen seiner Zunft. Nicht nur das hat Ian McEwan in «Saturday» geschafft, der englische Autor hat in «Abbitte» oder «Kindeswohl» menschliche Schicksale in ihren Einzelheiten formvollendet nachgezeichnet – und das in einer seltenen Mischung von ungeheurer Empathie und glasklarer Analyse. Ian McEwan, ein stilbewusster Intellektueller, geht von einem empirischen Fall aus und zieht dann immer weitere konzentrische Kreise, bis sich das Allgemein-Menschliche im Besonderen zu erkennen gibt. Dabei gewinnen die von ihm zum Leben erweckten Figuren immer schärfere Konturen, bis sie von der sogenannten Wirklichkeit nicht mehr zu unterscheiden sind, ja mitunter realer sind als diese selbst. Guido Kalberer

Kein Literaturnobelpreis dieses Jahr – das geht ja noch, vergleicht man es mit dem Schock, den vor zwei Jahren die Ehrung für den Liedermacher Bob Dylan auslöste. Die einen hatten es schon immer gesagt, die anderen kapieren bis heute nicht, was die Schweden damit bezwecken wollten. Falls das Komitee trotzdem den musikalischen Weg weitergehen möchte, sei der Engländer Robert Wyatt empfohlen, der ist auch schon über 70. Einstmals Schlagzeuger von Soft Machine, nach einem Fenstersturz dann Sänger mit gequetschter Stimme, der sein Talent für hervorragende Liedtexte entdeckte. Wie Dylan verdichtet Wyatt die Welt zu surrealer Poesie: «Timor / East Timor / Who’s your fancy friend, Indonesia?» Oder auch in «Foreign Accents»: «Hiroshima / Nagasaki / Nagasaki / Hiroshima / Arigato.» Auch vor Fragen der Existenz scheut Wyatt nicht zurück: «What kind of spider understands arachnophobia?» Ist das nicht auch Lyrik? Robert Wyatt for Nobel! Pascal Blum

Schon der Name ist ein Alleinstellungsmerkmal. Aber hiesse sie auch Lieschen Müller, keiner könnte die nigerianische Autorin übersehen; überlesen. Spätestens, als sie im grossen, dritten Roman, «Americanah» (2013), postkoloniale schwarzafrikanische Identität und US-Alltagsrassismus gestaltete, gesellschaftliche Phänomene in universelle Erfahrungen goss, verstand man, was sie mit dem legendären TED-Talk «The Danger of a Single Story» (2009) wollte. Bei Adichie sind Schwarze nicht nur schwarz, Frauen nicht nur Opfer. Dass sie sich mit streitbaren feministischen Essays, die gar in Pop- und Modewelt Eingang fanden, angreifbar gemacht hat: Es ist ihr Rock wie Hose. «We Should All Be Feminists» und ihr «Feminist Manifesto» fordern einen kritischen Humanismus aller. 41 ist zwar jung für den Nobelpreis. Doch die «Zeit» guckte sich Adichie bereits 2012, als der bravouröse Erzählband «Heimsuchungen» erschien, als eine Kandidatin aus. Alexandra Kedves

Seit Jahren zählt der 82-jährige albanische Autor Ismail Kadare zu den Favoriten für den Nobelpreis, die Argumente sind bekannt: Er hat seine Heimat auf die literarische Weltkarte gesetzt, und er beschreibt so subtil und brutal wie kaum ein anderer, was eine Diktatur mit Menschen anstellt – mit den Opfern und den Bürokraten, den Anpassern und den Machthabern. Aber das wirklich Besondere ist, dass er dafür keine grossen Worte braucht. In «Chronik in Stein» von 1971 etwa, seinem vielleicht schönsten Roman, erlebt man den Zweiten Weltkrieg aus der Perspektive eines kleinen Buben. Man sitzt mit ihm in einer Zisterne, in die das Wasser tropft. Beobachtet die Flugzeuge am Himmel. Erschrickt über das Grauen, das in den Alltag einbricht, der dann doch irgendwie weitergeht. Und denkt sich, dass das, was man da liest, wahrer und wichtiger ist als manches Geschichtsbuch. Susanne Kübler

Nicht alle seine Bücher entwickeln diesen Sog. Aber wenn sie es tun, bekommt man die Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Zum Beispiel in «Hart auf Hart» (2015). Da brennen einem Vater und einem Sohn in freier Natur die Sicherungen durch. Wobei einer der beiden weiss: Gewalt nützt nichts. T.C. Boyle lässt in seinen Büchern die Guten Böses tun. Es geht um Freiheit, um Fake News, um Auflehnung gegen das System. «Literatur ist wie Rock ’n’ Roll», sagt der 69-jährige Kalifornier. «Wenn sie dich auf dieser Ebene nicht packt, ist alles andere bedeutungslos.» Entsprechend süffig lesen sich seine souverän komponierten Romane. Und manchmal, da erscheint Boyle wie ein Prophet. In seinem Opus Magnum «America» (1995) campieren Mexikaner vor den Toren einer kalifornischen Community. Dort formiert sich eine Bürgerwehr, Schutz gegen den Abschaum soll eine Mauer bieten – gebaut von den Mexikanern. Unterdessen hat die Ära Trump Boyles Vision eingeholt. Hans Jürg Zinsli

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Erstellt: 04.10.2018, 11:10 Uhr

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