«Denken wir an Jörg Kachelmann»

Der Weinstein-Skandal sorgt für Empörung. Autor Arno Frank warnt vor den Folgen eines allzu heftigen Moralismus.

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Für Sie ist die #MeToo-Debatte «intellektuell wenig befriedigend». Haben Tausende weibliche Erfahrungsberichte Sie überhaupt nicht beeindruckt?
Ich fühle mich nicht als Adressat, nein. Dass es Sexismus und eine sexistische Ausnutzung von Macht gibt, wusste ich schon vor #MeToo. Es ist nun eine neue Welle der Empörung angerollt. Vor fünf Jahren gab es die #Aufschrei-Debatte, #MeToo ist sozusagen die globale Wiedervorlage.

Es gibt neue Vorwürfe gegen weitere Berühmtheiten – Dustin Hofmann, Brett Ratner, Kevin Spacey. Die Debatte treibt offenbar Fälle ans Licht, die sonst verborgen geblieben wären. Das muss man doch gut finden.
Dass die Opfer sexueller Belästigung eine Plattform bekommen, dass das Schweigen durchbrochen wird, dass es für Belästiger eng wird: All das ist zu begrüssen, keine Frage. In den nächsten Tagen und Wochen dürften weitere Fälle bekannt werden. Aber hier liegt eben auch ein Problem.

Das wäre?
Der kurze öffentliche Prozess verdrängt den langfristigen juristischen Prozess. In Frankreich gibt es bereits den Hashtag #balancetonporc, «Verpfeif dein Schwein!», namentlich. Die Annahme, dass es für gewisse Vorwürfe konkrete Beweise braucht und dass eine Justiz über die Schuld befinden muss, scheint nicht mehr selbstverständlich zu sein: Moral verdrängt Argumentation. Denken wir an Jörg Kachelmann, dessen Ruf mit unbestätigten Vergewaltigungsvorwürfen ruiniert wurde. Ich bin mir einfach nicht sicher, ob wir hier eine gute Entwicklung sehen. Problematisch ist auch die Unschärfe der Debatte. Unter dem Schlagwort #MeToo wird jede Form des Sexismus gleichgemacht, von der Vergewaltigung bis zur anzüglichen Bemerkung. Das ist aber nicht dasselbe, es wird Strafbares mit Verwerflichem vermischt.

Was sagt uns das #MeToo-Phänomen über den Zustand der digitalen Debattenkultur?
Die Phänomene #MeToo und #Aufschrei sind an sich noch keine Debatten. Der Begriff «Aufschrei» trifft es ja eigentlich ziemlich gut: Es geht um einen Impuls. In den sozialen Netzwerken kann ich nur hitzige Befindlichkeiten äussern: «Ja, ich auch!» Oder: «Nein, ich nicht!» Man ist bloss ein weiterer Spatz im Baum. Ein konkretes, positives Ziel, das nach der Empörung angestrebt werden könnte, wird nirgends formuliert. Die eigentliche Debatte wird in den herkömmlichen Medien geführt. Dort wird das Verhältnis der Geschlechter überdacht, Hintergründe und Strukturen werden thematisiert. Auf Facebook und Twitter findet das nicht statt, wer sich dort nicht mitempört, wird sofort zum Reaktionär gestempelt. Es ist eine Verrohung und auch Banalisierung dessen, was man öffentlichen Diskurs nennt.

Wenn jede und jeder twittern und auf Facebook posten kann, ist das immerhin urdemokratisch. Was wäre denn die Alternative?
Es gibt keine grundsätzliche Alternative. Es wäre jedoch gut, wenn es allmählich zu einer Beruhigung käme. Wenn man die Wiederkehr der Shitstorms und die immer gleichen Reflexe zur Kenntnis nehmen könnte. Nachdem die vierzehnte Sau durchs Dorf getrieben worden ist, sollte man vielleicht allmählich annehmen: Da kommt wohl bald Nummer 15.

Sie sagen in Ihrem Buch unverblümt, ein Shitstorm brauche viele Arschlöcher. Sollten wir bewusster posten und liken?
Auf seltsame Weise beweisen soziale Medien die Tierhaftigkeit des Menschen. Wir reagieren noch immer auf Reize. Wir wollen unseren Ärger loswerden und posten etwas. Wir suchen Bestätigung in Form von Likes und posten etwas. Davon profitiert auch die Fake-News-Industrie: Sie bedient die eilige Empörung, die Leute lesen die Texte gar nicht zu Ende, bevor sie sie posten. Plötzlich wird die Fake-News drei Millionen Mal geteilt. Wir brauchen einen Prozess der Selbstzivilisierung.

Wie sieht das bei Ihnen aus?
Wenn ich etwas posten will, warte ich immer einen Tag zu, bevor ich es tatsächlich poste – oder eben nicht. Manchmal tut es gut, das Holzscheit, das man in seiner Aufregung dazulegen wollte, zurückzuhalten. Es grassiert das Meinungsrittertum. Alle scheinen zu wissen, was «die Männer» sind und wie «die Frauen» und «die Feministinnen» denken. Da brauchen wir ein grösseres, grundsätzliches Misstrauen.

Können die technologischen Neuerungen die Debattenkultur unterstützen? Etwa durch einen Kooperationsbutton auf Facebook, der schüttelnde Hände zeigt: Man klickt ihn, wenn man einen Beitrag als konstruktiv wahrgenommen hat.
Gute Idee. Oder man könnte die User ab und zu in eine komplett andere Filterblase versetzen, um ihren Horizont zu erweitern. Aber machen wir uns nichts vor: Facebook will nicht die Debatten fördern, Facebook will Geld verdienen. Es verdient an unserer Empörung derzeit sehr gut.

Wie erklären Sie sich das Phänomen Trump? An ihm türmen sich die grössten Shitstorms, aber das scheint ihm nichts anzuhaben.
Trump lässt die Shitstorms trocknen und verputzt dann damit seine Festung. Er ist der Erztroll, folgt nur seinen Instinkten; er reagiert sofort, wie ihm der Schnabel beziehungsweise der Twitter-Daumen gewachsen ist. Er passt damit perfekt zur impulsgetriebenen Social-Media-Welt. Seine Fans lieben das: Ein Terrorist wird gefasst, Trump twittert «Rübe ab!», Millionen fühlen denselben Impuls, liken den Tweet. Danach müssen sie nicht mehr nachdenken über die Angelegenheit. Schliesslich sind sie einer Meinung mit dem Präsidenten der USA.

Wir werden verlockt, Dinge zu posten, die in der Filterblase auf Anklang stossen, die uns Anerkennung und Bestätigung der Follower bringen. Erleben wir gerade eine stille, globale Homogenisierung des Geistes?
Eher eine Schizophrenisierung. Unser digitales Ich ist ein inszeniertes Ich. Wir posten und liken Dinge, um uns darzustellen und eine gewisse Wahrnehmung zu erzielen. Social Media ersetzt allerdings nicht die soziale Ursituation, die die Griechen «Agora» nannten, das Treffen von Angesicht zu Angesicht. Wenn man beginnt, das digitale Ich mit den realen Ich zu verwechseln, wirds zwangsläufig problematisch.

Erstellt: 02.11.2017, 20:31 Uhr

Arno Frank (*1971) arbeitete ein Jahrzehnt lang als Redaktor für die linke Tageszeitung Taz. Als Autor schreibt der studierte Kunsthistoriker und Philosoph heute für unter anderem für die Taz, die «Zeit» und «Spiegel online». 2013 publizierte er im Zürcher Kein & Aber-Verlag «Meute mit Meinung», ein Buch über die Abgründe von Social Media. Dieses Jahr veröffentlichte Frank mit «So, und jetzt kommst du» einen von der Kritik gefeierten Roman. (Bild: Bernd Hartung)

Arno Frank: Meute mit Meinung. Zürich 2013, 72 Seiten, 5.50 Franken (E-Book).

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