«Ein Kind zu verlieren, ist der älteste Schmerz der Welt»

Schriftstellerin Isabel Allende über ihre Kindheit, den Tod ihrer Tochter – und wie sie sich mit 73 neu verliebte.

Isabel Allendes Debütroman «Das Geisterhaus» war ihr grösster Erfolg. Foto: Imago

Isabel Allendes Debütroman «Das Geisterhaus» war ihr grösster Erfolg. Foto: Imago

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Frau Allende, Sie mussten mit Anfang 30 aus Ihrer Heimat Chile nach Venezuela flüchten. Später starben Ihre Tochter Paula an einer erbbedingten Stoffwechselkrankheit und zwei Ihrer Stiefkinder an einer Überdosis. Haben Sie sich je gefragt: Warum passiert mir das alles?
Isabel Allende: Nein. Warum sollte ich auch so privilegiert sein, dass nur meiner Familie nichts zustösst?

Manche Menschen fühlen sich nach Schicksalsschlägen vom Leben bestraft.
Ein Kind zu verlieren, ist der älteste Schmerz der Welt. Wie alle Mütter habe ich immer gedacht: Sollte meinem Kind je etwas Furchtbares passieren, sterbe auch ich. Dann ist meiner Tochter etwas Furchtbares passiert – und ich bin nicht gestorben. Erst wenn uns das Leben testet, wissen wir, wie viel Kraft eigentlich in uns steckt. Ich bin irgendwie sogar dankbar, dass ich so oft auf die Probe gestellt wurde.

Meinen Sie das ernst?
Als junge Frau war ich nur am Kämpfen. Ich habe versucht, meine beiden Kinder zu erziehen, zu arbeiten und im Exil zurechtzukommen. Alles zur gleichen Zeit. Als meine Tochter starb, kam die Wende: Ich lernte loszulassen. Ich konnte sie nicht vor dem Tod beschützen, ich kann niemanden vor irgendwas beschützen. Unsere Kraft ist nun mal begrenzt. Dieser Prozess dauerte ein Jahr lang. In dieser Zeit habe ich an Paulas Bett gesessen, bis zum Schluss.

Was hat Ihnen in dieser Zeit geholfen?
Es gibt ein Gleichnis, das für mich eine grosse Bedeutung bekommen hat: Zeit unseres Lebens sitzen wir in einem Boot auf einem reissenden Fluss, überall liegen grosse Steine. Gegen die Kraft des Wassers haben wir keine Chance. Aber wir können versuchen, mithilfe unseres Ruders nicht an jeden einzelnen Stein zu krachen.

Ist das Ruder, von dem Sie sprechen, die Kirche?
Nein, Religion bietet mir keinerlei Trost. Wissen Sie, momentan bin ich untröstlich, meine Mutter ist gerade gestorben. Eine interessante Zeit.

Wieso interessant?
Wir standen uns sehr nahe. Doch weil ich in der Nähe von San Francisco lebe und sie in Chile, fand unsere Beziehung vor allem in schriftlicher Form statt. Vielleicht hat es deswegen auch so gut funktioniert. Wir haben uns 40 Jahre lang jeden Tag einen Brief und später E-Mails geschrieben. Nun wirkt jeder Tag unfertig, weil ich meiner Mutter noch nicht geschrieben habe. Also habe ich damit begonnen, die alten Briefe noch einmal zu lesen. Jeden Tag einen.

Tröstet Sie das?
Ja, weil ich dadurch ihre Stimme höre. Sie ist kurz vor ihrem 98. Geburtstag gestorben und war zauberhaft bis zum Schluss. Obwohl ich wusste, dass dieser Tag kommen wird, bin ich nie davon ausgegangen, dass sie je tatsächlich sterben könnte.

Was ist mit Ihrem Vater?
Er verliess uns, als ich drei Jahre alt war. Wir haben ihn nie wieder gesehen.

Sie beschreiben Ihre Kindheit alseine «Zeit der Dunkelheit». Was warso düster?
Nachdem unser Vater weg war, kam meine Mutter bei unserem Grossvater unter – in einem Haus der Trauer. Meine Oma war kurz zuvor gestorben, deswegen gab es dort keine Blumen, keine Musik, keinen Nachtisch. Mein Grossvater trug nur schwarze Kleider und liess sogar alle Möbel schwarz streichen. Es war also im wahrsten Sinne des Wortes düster. Acht Jahre lang.

«Nach aussen wirkte ich wie ein braves Mädchen, aber in meinem Inneren brodelte es.»

Das klingt wie in Ihrem Roman «Das Geisterhaus», der ja autobiografische Züge hat. Konnte Ihre Mutter Sie von dieser Dunkelheit abschirmen?
Nein. Sie war immer krank, weil sie so unglücklich war. Es gab damals keine Scheidung, ihre Ehe wurde annulliert. Damit war sie eine alleinerziehende Frau mit drei ausserehelichen Kindern, ohne Ausbildung, ohne Geld, ohne Arbeit.

Wie hat das Ihre Kindheit beeinflusst?
Ich habe versucht, meine Mutter zu beschützen, und war mehr ihre Mutter als sie meine. Sie nannte mich sogar Mami und sprach mich mit einem förmlichen Sie an, während ich sie duzte. Das war in Chile nicht ungewöhnlich, sondern zeugte von einer besonders engen Form des Miteinanders. Gleichzeitig wollte ich nie werden wie sie, obwohl ich sie vergötterte.

Wie wollten Sie stattdessen sein?
Stark und so unabhängig, dass ich nie jemanden um Erlaubnis fragen muss. Wie mein Grossvater. Ich wurde in einem reinen Männerhaushalt gross unter Brüdern und Onkeln, doch mein Leben war ganz anders als ihres. Das machte mich wütend, und ich begann, das Patriarchat zu hassen. Nach aussen wirkte ich wie ein braves Mädchen, aber in meinem Inneren brodelte es.

Wie hat sich das Brodeln geäussert?
Ich habe schon früh darüber nachgedacht, wie unfair es ist, eine Frau zu sein. Meine Mutter war ein Opfer ihrer Umstände in einer konservativen, patriarchalen, katholischen, klassenorientierten Familie und Gesellschaft. Sie sass völlig fest.

Sie arbeiteten als Journalistin, unter anderem für die feministische Zeitschrift «Paula». Half Ihnen dasin Ihrer Wut?
Ja, weil ich daraus endlich etwas Positives machen konnte. Es war für mich eine Offenbarung, zu sehen, dass es so etwas wie Feminismus überhaupt gibt und ich nicht die einzige wütende Frau auf diesem Planeten bin. Es gab da diese weltweite Bewegung mit einer deutlichen, intelligenten, aber auch humorvollen Sprache, die das ausdrückte, was wir fühlten. In Chile war das etwas Neues. Die Arbeit war unglaublich befreiend, wir konnten Themen wie Prostitution, Untreue, Chauvinismus diskutieren, die zuvor totgeschwiegen wurden.

Wie ist die Situation in Chile heute?
Es hat sich viel getan, dennoch ist es dort weiterhin sehr rückwärtsgewandt. Chile hat erst 2004 als letztes westliches Land – nach neunjähriger Debatte – die Scheidung erlaubt. Meine Mutter konnte deshalb erst mit über 90 Jahren heiraten, weil die erste Frau meines Stiefvaters die Ehe nie annullieren liess. Ich hätte es besser gefunden, wenn sie legendäre Liebhaber geblieben wären. Aber meiner Mutter war die Ehe wichtig. Sie haderte ihr Leben lang damit, keinen Mann zu haben.

Bei Ihnen lief es etwas anders: Ihre zweite Ehe ging nach 27 Jahren zu Ende. Während Ihrer Ehe starb Ihre Tochter, dann zwei Kinder Ihres Mannes. War es einfach zu viel Leidfür eine Beziehung?
Nur wenige Eltern überleben den Tod eines Kindes als Paar, weil jeder anders trauert und dadurch der Eindruck entstehen kann, dass der andere nicht das Gleiche empfindet. Wir haben halt gleich drei Kinder verloren. Als meine Tochter starb, habe ich Bilder von ihr im ganzen Haus verteilt, ich habe eine Stiftung gegründet und «Paula» geschrieben, ein Buch über die Zeit ihrer Krankheit. Willie ging mit dem Tod seiner Kinder völlig anders um. Doch das darf man natürlich nicht werten.

Haben Sie noch Kontakt zu ihm?
Zum Glück ist es uns gelungen, gute Freunde zu bleiben. Er hat neu geheiratet, eine wunderbare Frau, die er aus der Schulzeit kennt. Was lustig ist, denn kurz nachdem wir ein Paar geworden waren, fragte ich ihn: Warum heiratest du eigentlich mich und nicht Carmen? Sie passt so viel besser zu dir.

Nach dem Ende Ihrer Ehe waren Sie das erste Mal in Ihrem Leben allein. Wie ging es Ihnen damit?
Sehr gut, denn dank Familie und Freunden war ich nicht wirklich allein. Ich habe mir ein kleines Haus gekauft, weil ich in meinem Alter davon ausging, allein zu bleiben. Doch es kam anders. Roger, ein Anwalt aus New York, fing an, mir zu schreiben.

Sie bekommen bestimmt jede Menge Post von Lesern.
Ja, aber niemand hat mir je mit so einer Ausdauer geschrieben. Roger hatte meine Stimme im Radio gehört und schrieb mir daraufhin über fünf Monate jeden Morgen und jeden Abend eine Mail. Wenn ich ein Leser-Mail bekomme, antworte ich immer. Aber nur einmal, sonst wird es zu viel. Es schien ihn jedoch nicht zu stören, dass ich ihm nicht antwortete.

Und was geschah nach diesen fünf Monaten?
Ich musste beruflich für eine Veranstaltung nach New York und wollte wissen, wer mir da schreibt. Beim Essen fragte ich ihn: «Ich bin 73 Jahre alt und habe keine Zeit zu vergeuden. Was willst du von mir?» Ein paar Monate später zog er bei mir ein. Er verkaufte sein Haus in New York und all seine Sachen und kam mit einem Koffer Kleidung, zwei Fahrrädern und ein paar Kristallgläsern nach Kalifornien. Keine Ahnung, warum er ausgerechnet an diesen Gläsern hängt.

Geht es bei Ihnen immer so schnell?
Was kann schon passieren? Wenn es nicht funktioniert, ziehen wir halt wieder auseinander. Ich finde es toll, dass er einfach so zu mir gekommen ist. Er ist immerhin 74 Jahre alt. Ich wäre nicht bereit gewesen, nach New York zu ziehen.

Er ist vermutlich sehr verliebt.
Der arme Kerl ist total im Wahn. Bestimmt wird er eines Tages aufwachen und sehen, was er sich da eigentlich angetan hat.

Erstellt: 21.12.2018, 10:57 Uhr

Isabel Allende

Die chilenische Autorin wurde 1942 in Lima (Peru) geboren. In Chile arbeitetesie als Journalistin und Übersetzerin.1973 musste sie das Land nach dem Putsch durch Augusto Pinochet gegen die Regierung von Salvador Allende, einem Cousin ihres Vaters, verlassen. Seit 1988 lebt sie in Kalifornien. Ihrjüngster Roman, «Ein unvergänglicher Sommer», erschien 2017. Ihre Bücher wurden in 42 Sprachen übersetzt. (red)

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