Der Amerikaner

Autokinos, Bluejeans und die Freiheit des Highways: Bruce Springsteen besingt seit 45 Jahren das Amerika, das die ganze Welt zu kennen glaubt. Nun hat er seine Memoiren geschrieben.

«Unglaublich. Ich kehrte zu mir selbst zurück»: In seiner Autobiografie erzählt der «Boss», wie er seine Depressionen überwand. Foto: David Gahr (Getty Images)

«Unglaublich. Ich kehrte zu mir selbst zurück»: In seiner Autobiografie erzählt der «Boss», wie er seine Depressionen überwand. Foto: David Gahr (Getty Images)

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Amerika ist ein vertrauter Ort. Wenn wir die Augen schliessen, riechen wir den Bohnerwachs, mit dem der Linoleumboden einer Highschool gewachst ist. Wir wissen: Es ist der Quarterback der Footballmannschaft, der bei den Mädchen ankommt, und ein Abschlussball ist eine ernste Sache. Wir kennen die Automodelle, in denen die Teenager vorfahren, Cadillac, Chevrolet, Dodge, die Kleinstadt-Reihenhäuser, in denen sie aufwachsen, das Bier, das sie heimlich trinken, weil sie noch nicht 21 sind: Pabst Blue Ribbon, Budweiser, Schlitz. Ja, wir kennen den Namen der Pomade, mit der die Buben ihre Frisuren machen: Brylcreem, auch wenn sie eigentlich aus England stammt. All das kennen wir, auch wenn wir nie eine Stunde in den USA verbracht haben – aus den Filmen, Romanen und Songs. Kulturwissenschaftler sprechen von Prothesenerinnerung, vom False-Memory-Snydrom: Fremde Bilder werden so sehr verinnerlicht, dass sie Teil der eigenen Geschichte werden. Amerika ist in uns drin.

Deshalb funktioniert «Glory Days» von Bruce Springsteen – in Fulenbach, Solothurn, wie in Freehold, New Jersey. Der Song erzählt vom Wiedersehen mit Jugendfreunden und dem gemeinsamen Schwärmen von alten Tagen. Dass der wiederangetroffene Freund auf der Highschool ein wunderbarer Baseballspieler war, dass er «diesen Speedball» warf, sodass man wie ein Depp aussah daneben – klingt heimelig. Amerika gehört uns allen.

«Glory Days» ist einer von mehr als 300 Spring­steen-Songs. In seiner 45 Jahre währenden Karriere hat der «Boss» das Genre Americana entscheidend geprägt. Mit Springsteen waren wir unterwegs in den USA. Haben den ganzen Tag in Daddys Autowerkstatt gearbeitet und sind nachts ziellos umher- gefahren, haben Luftspiegelungen gejagt («The Promised Land», 1978). Wir waren in «Nebraska» (1982) und in den «Badlands» (1977). Wir sind ins «Darlington County» (1984) gefahren, haben ein Bündel Dollarscheine vor einem Landmädchen geschwenkt: Das könnte dein Glückstag sein, Baby, wir haben 200 Dollar und wollen rocken die ganze Nacht. Und natürlich haben wir mit einiger Dringlichkeit «Dirty Annie» angerufen, weil wir mit ihr ins Autokino wollten, der Film war egal. Doch auf dem Parkplatz bekamen wir nur zu hören: «You Can Look (But You Better Don’t Touch)» (1980).

Unter Druck, aber widerständig

In Springsteens Liedern ist Amerika das beste Land der Welt, aber auch ein Ort des Schreckens. Immer wieder geht es ihm um den einfachen Mann in schweren Zeiten. Um Kleinstädte, in denen die Main Street verwaist («My Hometown»). Um harte Jobs auf dem Bau («Working on the Highway») und im Sägewerk («Downbound Train») – Jobs, die verloren gehen («The River»). Manchmal wird die Lage finster: In «Spare Parts» (1987) sind wir mit der jungen Janey im Haus ihrer Mutter «draussen am Shawnee Lake». Janey hat ein Baby von Bobby, aber Bobby ist fort, arbeitet auf einem Ölfeld in Texas und kommt nicht zurück. Die Mutter überlegt, ob sie ihr Baby in den Fluss werfen soll, weint, betet – tut es nicht und versetzt am anderen Tag den Verlobungsring des Treulosen für «gutes, kaltes Bargeld». Amerika: unter Druck, aber widerständig.

Nun stellt Springsteen (67) eine 510 Seiten lange Geschichte neben seine Songminiaturen. Diese Woche hat er seine Autobiografie veröffentlicht: «Born to Run». Neben dem Original sind zeitgleich Übersetzungen ins Deutsche und weitere Sprachen erschienen. Vor der Lektüre stellt sich eine bange Frage: Wenn das die Memoiren sind, was waren dann die 300 Songs? Schliesslich ist Springsteens Versprechen als Künstler das der Authentizität: Seine Songs sind Berichte aus dem Leben, seine Konzerte Orgien der verschwitzten Echtheit. Was also soll er uns noch von seiner Biografie erzählen können, was hat er uns bisher verschwiegen?

Springsteen weiss um diese Bedenken. Im Vorwort schreibt er, an ihm klebe «ein bisschen Betrug». Sein Metier sei es, «im Dienste der Wahrheit zu lügen». Wie er das meint, wird später klar, etwa wenn er berichtet, dass er trotz all seinen Hymnen auf den Highway und das Leben auf vier Rädern bis in seine Zwanziger nicht Auto fahren konnte. Sein gewalttätiger Vater habe «nie die Geduld» gehabt, es ihm beizubringen. Deshalb habe er jeweils das Velo genommen oder den Daumen rausgehalten. Gesungen aber hat er vom Cadillac, der auf ihn wartet, wenn er von der Arbeit heimkommt.

Oft sticht in Springsteens Liedern der erste Satz zu wie ein Messer. «I met a girl and we ran away», beginnt «Two Faces» von 1987, ich habe ein Mädchen kennen gelernt, und wir sind weggerannt. Oder: «Times were tough, love was not enough», die Zeiten waren hart, Liebe genügte nicht («When You’re Alone», ebenfalls 1987). Mit Spannung liest man deshalb den ersten Satz der Memoiren: «Ich bin zehn Jahre alt, und ich kenne jeden Riss, jeden Knochen, jede Spalte im bröckelnden Bürgersteig, der entlang der Randolph Street verläuft, meiner Strasse.» Das ist anders, aber gar nicht schlecht. Das erste Kapitel ist wie ein Schulaufsatz: Ich und meine Familie. Und auch in den übrigen 78 Kapiteln bleibt die Sprache einfach, aber genau. Spring-steen will das Buch ohne Ghostwriter geschrieben haben, über sieben Jahre. Es funktioniert.

Zur Welt kommt Bruce Springsteen am 23. September 1949. Ausführlich beschreibt er die Kindheit in Freehold, New Jersey: den italienischen Clan der Mutter Adele mit seinen starken Frauen, die abergläubische und geistig zerrüttete irischstämmige Sippe des Vaters Douglas. An den Holländer, der der Familie den Namen gab, erinnert sich niemand. Die Mutter arbeitet als Anwaltssekretärin, der Vater, nach dem Kriegsdienst im Zweiten Weltkrieg, bei Ford am Fliessband. Bruce ist viel bei den Grosseltern, die ihn verwöhnen, ihm «schreckliche Freiheit» lassen. Mit dem Grossvater sammelt er alte Radios aus den Mülltonnen der Nachbarschaft und verkauft sie repariert an die schwarzen Erntepflücker aus dem Süden. «Wir lebten nah an der Armut, aber ich habe nie darüber nachgedacht.» Er beschreibt die Härte der katholischen Schule, aber auch den wohlriechenden Rauch aus der Nescafé-Fabrik am Ort, den er als tröstlich empfindet. Er mag Fabriken, selbst die lärmenden Teppichwerke, «gute Industrie, ein Zeichen der Vitalität unserer Stadt». In seinen Songs wird er immer eine Schwäche haben für Dampf, Dreck und harte Arbeit.Springsteen ist – wie der Horrorschriftsteller Stephen King oder der Hollywoodregisseur Steven Spielberg – in den 1940ern geboren. Für ihn ist der Idealzustand der Nation das weisse Kleinstadtamerika der 1950er-Jahre, seine Kindheit. Man kann sagen: Die Generation der Babyboomer hat ein Nostalgiebild der USA geschaffen, das heute auch die Nachgeborenen im Griff hat. Selbst viele Millennials verorten die beste aller Zeiten irgendwo zwischen Welt- und Vietnamkrieg, haben einen Traum von Apfelkuchen und brummender Industrie. Es herrscht Phantomschmerz nach den 1950ern, und Springsteen ist der Sänger dieses Schmerzes.

Doch nicht alles war gut. Springsteens Vater trinkt. Manchmal schickt die Mutter Bruce in die Bar, den Vater heimzuholen. Immer wieder wird der Alte gewalttätig, zerschlägt das Haus in betrunkener Wut. Er sieht den Buben als Konkurrenten im Kampf um die Liebe der Mutter. In einem Boxkampf schlägt er Bruce, etwas zerbricht im Kind. «Er liebte mich, aber er konnte mich nicht leiden.»

Gleichwohl ist der Vater Inspiration. Stark wie ein Stier, immer in Arbeitshose, ein Tier im Blaumann. Springsteen hat seinen Vater vor sich bei vielen Songs. «Eigentlich bin ich, der in seinem ganzen Leben keine Woche körperlich gearbeitet hat (es lebe der Rock ’n’ Roll!), in die Kleider eines Fabrikarbeiters geschlüpft, die Kleider meines Vaters, und zur Arbeit gegangen», schreibt er. Lügen im Dienst der Wahrheit.

Sex im Blick

Die Musik kommt übers Fernsehen, Elvis Presley tritt auf in der «Ed Sullivan Show». Das ist 1956, Springsteen ist 7 Jahre alt. Zwar werden die Kameraleute der CBS instruiert, des Sängers kreisende Hüften nicht zu zeigen, auf sein Gesicht zu halten, doch vergebens: «Es war alles in seinen Augen.» Der kleine Bruce ist verzaubert. Auch das ist ein klassisches Stück Americana: Elvis, der Erwecker. Am anderen Tag schleppt der Bub die Mutter in Diehl’s Musikladen, weil das Geld fehlt, mieten sie eine Gitarre. Natürlich gelingen ihm kaum Töne. Er gibt das Ding zurück, nicht aber ohne vorher im Garten ein Konzert für die Nachbarskinder zu geben. Er spielt keinen Ton, liefert nur Show. «Ich hatte Blut geleckt.» Die Beatles wecken seinen Hunger nach Musik wieder. Für seine erste Gitarre mäht er Rasen. Bald zieht er mit Musikerkollegen durch die Bars. Selber aber trinkt er keinen Tropfen.

1969 ist er 19, die kleine Schwester Virginia 17 Jahre alt und schwanger von einem Lederjacken tragenden Rodeo-Taugenichts. Da ziehen die Eltern nach Kalifornien. Die Schwester geht mit ihrem Freund weg, der arbeitet nun auf Baustellen. Bruce Springsteen wird ihnen 1980 «The River» widmen, das Lied über den Kampf der kleinen Leute.

Springsteen bleibt, seine Musikerfreunde ziehen in die Wohnung, teilen sich die Miete. Er übt wie besessen, will den Erfolg unbedingt. «Für Ruhm, Liebe, Bewunderung, Aufmerksamkeit, Frauen, Sex und – oh ja, ein paar Dollar.» Der Rest ist Musikgeschichte. Das Debütalbum «Greetings from Asbury Park N.J.» von 1973 enthält den Song «Blinded by the Light», 1976 wird der in einer Version von Manfred Mann’s Earth Band zum Nummer-1-Hit. Es folgen die Alben «Born to Run», «The River», schliesslich, mit «Born in the USA», Weltruhm.

Tränen und Pillen

Seine neueren Alben sind weniger stark, aber das macht nichts. Bruce Springsteen ist ein unzerstöbarer Wert. Als Beschwörer des verschwindenden Amerika wird und wurde er über alle Parteigrenzen gefeiert. Ronald Reagan berief sich im Wahlkampf 1984 auf «Born in the USA», obwohl der Text des Songs weit weniger patriotisch ist, als es das Pathos der Musik vermuten liesse. 25 Jahre später bemühte sich der glücklose republikanische Gouverneur von New Jersey, Chris Christie, so sehr um die Gunst des Sängers, dass es wehtat. Springsteen derweil bezog vermehrt politische Positionen, die seine Fans irritierten. 2008 unterstützte er Barack Obama, und am grossen Konzert für Amerikas Veteranen 2014 spielte er Antikriegslieder, bis es pfiff im Publikum. Der Mann hat Mut.

Überraschend kommt gegen Ende des Buches ein Kapitel über Depressionen. «Ich war die letzten 12 oder 15 Jahre auf Antidepressiva», schreibt Springsteen. Nach seinem 60. Geburtstag sei er seelisch abgestürzt, habe nicht mehr zu weinen aufhören können. Mit seiner Frau Patti ging er zum Arzt: «Ich sagte: Ich kann so nicht leben. Ich verdiene mein Geld mit Konzerten, mit Interviews, ich stehe unter Beobachtung.» Er bekam neue Pillen, und das Augenwasser versiegte. «Unglaublich. Ich kehrte zu mir selbst zurück.» Wenn es noch Zweifel gab, dass Bruce Springsteen ein Mann des Volkes ist, nun sind sie weg. In den Cadillac steigen, in den Sonnenuntergang fahren – und dann eine Pille nehmen, wenn es sich trotzdem zu wenig echt anfühlt. Auch das ist Amerika.

Bruce Springsteen: Born to Run – die Autobiografie. Heyne, 2016. Ca. 40 Fr.

Erstellt: 29.09.2016, 19:27 Uhr

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