Der Andersdenkende

Vor 50 Jahren starb Theodor W. Adorno. Er beschäftigt uns bis heute.

Theodor W. Adorno (M.) warnte schon vor Jahrzehnten vor den Gefahren des erstarkenden Rechtsradikalismus. Foto: Keystone

Theodor W. Adorno (M.) warnte schon vor Jahrzehnten vor den Gefahren des erstarkenden Rechtsradikalismus. Foto: Keystone

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Vor wenigen Wochen erschien eine Warnung. Sie ist 52 Jahre alt, eine ungewöhnliche Zeitspanne für einen Ausruf, der schnell gehört werden will. Die Warnung formuliert hat Theodor W. Adorno, der deutsche Philosoph und Soziologe.

Sie betraf den neuen, über die «Nationaldemokratische Partei Deutschlands» erstarkenden Rechtsradikalismus in seiner Heimat. Er selber hatte 1938 in die USA emigrieren müssen, kehrte nach dem Krieg nach Frankfurt zurück und dozierte am Institut für Sozialforschung. Er wurde zur Inspiration der Achtundsechziger-Bewegung, doch gab es zunehmende Konflikte.

Für das, womit er berühmt wurde, erntete er auch Kritik

Adorno teilte die Kritik der Studenten an der mangelnden Bereitschaft, sich mit der nazistischen Vergangenheit zu konfrontieren. Aber er verurteilte ihren Aktionismus, wie er es nannte, und distanzierte sich von ihrer Gewaltbereitschaft. Der Bruch mit seinen Studenten traf Adorno schwer. Vor 50 Jahren erlitt er bei einer Wanderung in den Walliser Alpen einen Herzinfarkt und starb am 2. August 1969 im Spital von Visp. Er war 65 Jahre alt.

Adornos Vortrag über den Rechtsradikalismus, 1967 an der Wiener Universität gehalten, war als Tonaufnahme bekannt, wurde aber erst jetzt in Buchform veröffentlicht. Er belegt die Aktualität seiner Überlegungen zum Thema. Adorno spricht bei Rechtsextremen von «völlig irren und fantastischen Geschichten»; da werde mit Kenntnissen geprotzt, «die sich schwer kontrollieren lassen». Das klingt beklemmend gegenwärtig in Zeiten von Fake News und digitaler Hetze.

Vor allem diagnostiziert Adorno in seinem Vortrag über die neu erstarkenden Rechten, was sich auch im Nationalsozialismus manifestiert hatte: ein «Antizipieren des Schreckens» und der «unbewusste Wunsch nach Unheil, nach Katastrophe». Auch das deckt sich mit den Vernichtungsaufrufen der Rechtsextremen von heute, ihrer Forderung nach einer Zer-störung des Staates zur Rettung der weissen Rasse.

In späteren Jahrzehnten wurde Theodor W. Adorno am meisten für das kritisiert, was ihn so berühmt gemacht hatte: seine radikal pessimistische Kulturtheorie, wonach jede Kunst, die sich ihrer Konsumierbarkeit nicht radikal entziehe, die Machtverhältnisse festige. Kein Wunder, verachtete Adorno die populäre Musik. Er tat es mit einer Brillanz und Vehemenz, die Musikkritiker noch Jahrzehnte später um den Schlaf bringen sollten.

Was die Macht mit den Menschen macht

Adornos Schriften zu Fragen der Philosophie, Soziologie, Musik, seine Studien zum autoritären Charakter finden viele schwierig zu lesen. Schon wegen seiner Verachtung für das, was er «die Wonnen des Gewöhnlichen» nannte, bleibt die Lektüre seiner Werke anspruchsvoll. Jeder Satz enthält einen neuen Gedanken oder denkt den letzten komplex weiter.

Dabei wollte Adorno durchaus verstanden werden. Wer seinen Vortrag vor den Wiener Studenten genau liest, merkt darin die um Verständnis bemühte Zurückhaltung des Referenten. Adorno, als der stets in übervollen Hörsälen Dozierende, gab auch gerne und häufig Interviews, selbst am Fernsehen, das er doch wenig mochte. Er sprach immer wieder am Radio und beantwortete an ihn gerichtete Bürgerbriefe mit Sorgfalt.

Was von diesem Denker bis heute bleibt, was uns nicht aufhören darf zu beschäftigen, daran erinnert schon dieser nachgelieferte Vortrag: Es war seine Art zu denken. Das Herkömmliche anders zu sehen. Und vor allem: zu zeigen, was die Macht mit den Menschen macht. Mit denen, die sie haben. Und denen, die sie erleiden.

Erstellt: 08.08.2019, 21:04 Uhr

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