Der Autor erzählt von bürgerlichen Nischen in der DDR

Uwe Tellkamps grossartiger Roman «Der Turm», der eben den Deutschen Buchpreis 2008 erhalten hat, spielt im sterbenden Arbeiter- und Bauernstaat.

Uwe Tellkamp skizziert in seinem Buch die marode Architektur der DDR.

Uwe Tellkamp skizziert in seinem Buch die marode Architektur der DDR. Bild: Keystone

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Vor vier Jahren gewann Uwe Tellkamp in Klagenfurt das Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis. «Ecce poeta!» jubelten erst die Juroren und dann die Feuilletons. Da war ein Dichter erschienen wie aus dem Nichts, ausgestattet mit einer Detailversessenheit und einem Sprachfuror, der sein Material gleichwohl mit souveräner Hand führte. Kurz darauf erschien sein Roman «Der Eisvogel», und Tellkamp wurde von der Kritik gezaust. Wegen seines konservativen Outfits schloss man auch auf entsprechend rechte Ansichten, die allerdings eher zu seinen Figuren gehörten. Dann hörte man nichts mehr, bis der Suhrkamp-Verlag für diesen Herbst ein fast tausendseitiges Buch ankündigte, einen Dresden-Roman, der an den tollen Klagenfurter Siegertext «Der Schlaf in den Uhren» anzuknüpfen schien. Entsprechend gross waren die Erwartungen.

Jetzt ist «Der Turm» da, und er übertrifft diese Erwartungen noch. Das Buch hat bereits hymnische Kritiken bekommen. Und das, obwohl es fast 1000 Seiten stark ist, nicht unbedingt entgegenkommend in den ersten Kapiteln, masslos in seinem Einsatz und seinem Anspruch.

Im «Turm» schlafen die Uhren nicht, sie ticken. Was zu schlafen scheint, ist ein System, das die Zeit anhalten will, obwohl es den «Fortschritt» zu verkörpern behauptet. Ein DDR-Roman ist «Der Turm», der enorme Versuch, die letzten sieben Jahre einer Gesellschaft zu erfassen, zu bewahren und zu gestalten, die mit dem Fall der Mauer 1989 auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist. «Geschichte aus einem versunkenen Land» heisst der Untertitel. Mit dem Haupttitel ist ein Villenviertel in Dresden-Loschwitz gemeint, in dem Akademiker leben, die ihrem System nur gerade so viel geben wollen, als nötig ist, und sich ihm so weit entziehen wie möglich. Der Chirurg Richard Hoffmann etwa, Vater der Hauptfigur Christian (der dem Autor in vielen biografischen Details ähnelt), sein Schwager Meno, ein Zoologe, der wegen seiner Verbindung zur evangelischen Gemeinde nicht doktorieren durfte und jetzt als Lektor die «Dresdner Edition» herausgibt, Klassiker-Luxusausgaben; Ulrich, Direktor eines Volkseigenen Betriebes; Niklas Tietze, auch ein Arzt, der sich in die klassische Musik flüchtet. Sie alle verachten die graue Gegenwart mit ihren hohlen Politikerphrasen und pflegen das Gute und Schöne, also Kultur und Vergangenheit.

Die «Türmer» nennt Tellkamp diese Bildungsbürger, eine Enklave im «realexistierenden Sozialismus», nicht ohne leise, aber freundliche Ironie, und spielt damit nicht nur auf die Turmgesellschaft in Goethes «Wilhelm Meister» «Der Turm» setzt auf Überwältigung, sondern auch auf das Verb «türmen» (also flüchten). Die Türmer leben bürgerliche Werte in einem Staat, der Arbeiter und Bauern auf seine Fahne geschrieben hat. Sie betreiben Kammermusik, gehen in Konzerte oder in einen Vortrag über die mesopotamische Kultur, rezitieren Gedichte von Majakowski und Jessenin, auswendig natürlich. Einkaufen müssen sie aber trotzdem, und da stösst die Vergangenheit – «in den Musennestern / wohnt die süsse Krankheit Gestern», skandiert der Autor immer wieder – auf eine Gegenwart, die sich eben nicht verdrängen lässt.

Der Streit um die Waschmaschine, die Demütigungen eines «Behördentages», das fünfstündige Schlangestehen für einen Mantel (oder auch nur auf Verdacht), die Haushaltsmaschine, die schon im Geschäft kaputt geht, die Unzahl von Vorschriften, die jede Lebensregung umzäunen, unfreundliche Verkäuferinnen, leere Regale, intrigante Kollegen mit Rückhalt bei der «Partei», die Lüge, die das öffentliche Sprechen prägt, und das Lügen, zu dem man selbst gezwungen wird, um nicht in Konflikt mit der Staatsmacht zu geraten: Tellkamp hat das alles aufgeschrieben, mal nüchtern und kalt, mal beissend satirisch, mal wütend und verzweifelt, in einer Vielzahl von Tonlagen, wie es seine Figuren eben gerade empfinden.

Er folgt ihnen auf einen Empfang in «Ostrom» – so heisst das Viertel, in dem die Nomenklatura lebt –, auf verschiedene Partys und zeichnet im O-Ton auf, was so geredet wird, offiziös oder inoffiziell. Er verfolgt den Weg eines Romanmanuskripts einer jungen Autorin, die bis dahin Unerhörtes auszusprechen wagt, durch die verschiedenen Stadien der Zensur (und natürlich wird es nicht veröffentlicht). Er geht mit Christian zur Armee, der dort den Tod eines Kameraden bei einem Manöver erlebt und so ausrastet, dass er ein Jahr ins Militärgefängnis kommt. Er wohnt einer Versammlung des Schriftstellerverbandes bei, der mit einigen Ausschlüssen endet: Genau so hat man es in Protokollen des wirklichen Schriftstellerverbandes gelesen. Er ist ein äusserst genauer Protokollant des Gewesenen. Wer wissen will, was die DDR war, der wird in diesem Roman fündig.

Beschwörungsästhetik

Aber Tellkamp will mehr als nur Vergangenheit protokollieren, und so ist sein Roman auch kein Protokoll, sondern ein Kunstwerk, das auf Verzauberung, Verführung und Überwältigung setzt. Die Handlung wird nämlich überwuchert von Gedanken und Empfindungen, von Eindrücken und Assoziationen. «Beschwörungen eher als Begriffe», heisst es einmal, und damit wäre das Programm Uwe Tellkamps umschrieben. Begriffe nageln fest, Beschwörungen lassen der Erinnerung freien Raum, sich zu entfalten; und im «Turm» entfalten sie sich potenziell bis zur Unendlichkeit.

Die Erinnerung macht sich an Sinneseindrücken fest und überfällt das Ich dann überwältigend intensiv: So ist schon Marcel Proust verfahren, für Tellkamp der absolute literarische Massstab – aber ästhetisch nicht unbedingt sein Vorbild. Während Prousts ausufernde Sätze immer von einer cartesianischen Klarheit sind, lässt Tellkamp die seinen mal barock auftrumpfen und mal impressionistisch ausfransen. Er liebt die summierende Reihung von Satzgliedern, holt die Einzelheiten zusammen wie der Rechen das Laub, dann wieder schichtet er Nebensätze übereinander wie ein Kartenhaus, das wunderbarerweise nicht einstürzt.

Tellkamp notiert nicht nur akribisch, sondern verwandelt auch unentwegt (auch das ist sehr proustisch). Die Sprache kennt dafür die Mittel des Vergleichs und der Metapher. Üppig, ja verschwenderisch werden sie hier verwendet, unmöglich, auch nur eine Ahnung davon in einer Rezension zu geben. Ein Beispiel mag deshalb genügen. Die Augen eines Mädchens ähneln nicht etwa nur Kirschen, sondern sie sind «glänzend dunkel wie die Kirschen von dem knorrigen Baum im Garten des Uhren-Grossvaters in Glashütte, wenn sie schon überreif geworden waren und ihre prall gespannte Haut im nächsten Regen aufplatzen würde».

Metaphern-Explosion

Die Vergangenheit nicht über den Intellekt, sondern über die Sinne zu bewahren; sie zugleich metaphorisch zu poetisieren, bis sie selbst aufzuplatzen droht: Das ist ein ehrgeiziges Projekt, und es birgt die Gefahr, Haupt- und Nebensachen zu vermengen beziehungsweise gar keine Hauptsachen mehr erkennbar zu machen. Dem Leser, dem jeder Spaziergang zur Apotheose wird, droht der Wald vor lauter Bäumen verloren zu gehen.

Was ist der Wald? Das ist – um viele Beschwörungen mal auf einen Begriff zu bringen – zum einen die Parallelgesellschaft, die sich neben, unter und um die offizielle DDR längst gebildet hatte, in der offen gestohlen, getauscht und bestochen wurde, in der der Bäcker einen bestimmten Dresdner Stollen nur buk, wenn er dafür Medikamente erhielt, die wiederum der Apotheker nur ausgab, wenn seine Schreibmaschine repariert wurde; in der die Mutter eines gequälten Soldaten mit 500 Mark in der Kaserne auftaucht; eine Gesellschaft also, die durch ein unendliches Netzwerk von Geschäften und Gegengeschäften, sprich: von Korruption in Gang gehalten wurde – bis es eben nicht mehr ging. Denn zum zweiten ist «Der Turm» die Dokumentation eines Verfalls, dessen unausweichliche Konsequenz, der Zusammenbruch, vor Ort eher bemerkt wurde als hierzulande. Im letzten Viertel des Buches mehren sich die Anzeichen des Untergangs massiv, beschleunigt sich das Tempo, wird das Ticken der Uhr lauter, und schliesslich schlägt es dreizehn. Beim Mauerfall endet das Buch, und hier setzt Tellkamp keinen Punkt, sondern einen Doppelpunkt, der alles offen lässt. Eine brillante Idee. Der Roman ist zu Ende, weil jedes Buch einmal zugeklappt werden muss. Die Geschichte aber geht weiter.

Erstellt: 15.10.2008, 09:50 Uhr

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