Jesper Juul ist tot

Der Familientherapeut und Bestsellerautor stellte die Erziehung auf den Kopf. Nun ist Juul nach langer Krankheit gestorben.

Verbarg seine eigenen Unsicherheiten nicht: Jesper Juul im Jahr 2014.

Verbarg seine eigenen Unsicherheiten nicht: Jesper Juul im Jahr 2014. Bild: Franz Bischof/laif

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«Ihnen geht es heute aber nicht so gut», meinte er bei der letzten Begegnung. Ein paar Takte waren erst gesprochen, über andere Dinge, den behindertengerechten Türöffner, die Vorbereitungen zu seinem Geburtstagsfest. Und plötzlich dieser Satz im freundlichen dänischen Akzent, dazu ein zugewandter Blick, aus dem Rollstuhl heraus, von einem Mann, der den Termin erst kurz zuvor bestätigt hat, wegen der unvorhersehbaren Schmerzen. Typisch Jesper Juul, so ein Manöver. Immer der Beobachter, auch wenn er gerade selbst beobachtet werden sollte, unkorrumpierbar - selbst vom eigenen Leid nicht, mit einer besonderen Aufnahmefähigkeit, einer Art Para-Juul-Antennen. Ohne zu fragen, wie es einem geht, erfährt er es.

Niemand hat die vergangenen Jahrzehnte Erziehung in Deutschland und Europa derart geprägt wie Jesper Juul. Er hat eine neue Elternidentität geschaffen: eine, die Beziehungen in den Mittelpunkt des Familienlebens rückt statt irgendwelcher Erziehungstricks, eine die Ressourcen in den Blick nimmt statt auf die Probleme zu starren, die Neugierde als Grundhaltung für Mama und Papa vorschlägt: Neugierig auf den kleinen, neuen Menschen, der da in der Familie gross wird, den man kennenlernen will mit seinen Bedürfnissen, seinem Erleben, seinem Wesen.

Perfekte Eltern sind des Kindes Albtraum

Juul hat sich gegen alles gewehrt, was Kinder als nicht fertige Projekte ansieht. Die grosse Klavierspielerin als Talentprojekt unterscheidet sich da nicht grundsätzlich von Sätzen wie «Ich will nur, dass du glücklich wirst.» Beides signalisiert: Ich sehe dich nicht jetzt, sondern arbeite an deiner Vollversion. Juul hat viele scheinbare Erziehungsgewissheiten auf den Kopf gestellt: Kinder brauchen keine Grenzen – sondern Beziehungen zu Menschen, die Grenzen haben. Eltern müssen nicht konsequent sein – sondern glaubwürdig. Belohnen ist auch nicht besser als bestrafen. Perfekte Eltern sind für Kinder vor allem eins: ein Albtraum.

Nach eigenen Angaben hat er 40 Bücher in 29 Ländern auf 25 Sprachen veröffentlicht, darunter Bestseller wie «Dein kompetentes Kind» und «Nein aus Liebe». Als Teil der Kolumne «Familien-Trio» beantwortete er auch im Gesellschaftsteil der Süddeutschen Zeitung regelmässig Erziehungsfragen. Dabei war er unwissenschaftlich im besten Sinne. «Ich verstehe mich als Beobachter und Diener des Durchschnittsmenschen.» Sein Schreiben lebte vom täglichen Umgang mit Familien, es war stets überholbar. «Ich hab's. Ich bin fertig» – so etwas gab es bei ihm nicht. Er hat mehr als 25 Jahre das von ihm gegründete Kempler-Institut geleitet, einer Ausbildungseinrichtung für Familientherapeuten, über Jahre mit Kriegstraumatisierten in Kroatien gearbeitet. Das Familylab, ein Beratungsnetzwerk für Familien, baute er die letzten 15 Jahre auf. Seine Agenda: Menschen dazu bringen, ihren eigenen Weg zu finden, bedeutende Beziehungen aufzubauen; Beziehungen, die die Sicherheit geben, gesehen zu werden, gemeint zu sein.

Wenn man eine Kindheit bauen wollte, die die Spiegelfolie davon darstellt, würde man wahrscheinlich ziemlich genau bei dem kleinen Jesper landen, geboren am 14. April 1948 in Vordingborg im Süden Nachkriegsdänemarks. «Einsam», meinte Juul, «war ich von Geburt an. Alleinsein war danach einfach.» Die Mutter, besitzergreifend, sah ihren Sohn als Ableger ihrer selbst. Wenn sie davon sprach, was «mein Jesper» alles tun oder lassen solle, hatte er nie das Gefühl gemeint zu sein. Es ging nicht um ihn, sondern nur um den Jesper, den sich seine Mutter vorstellte.

Beziehungsbefreit aufgewachsen

Der Vater, eigentlich Künstler, der in einem Gardinengeschäft versauerte, fremdbestimmt von seiner Ehefrau, war nie bereit, für seine eigenen Wünsche und Ziele einzustehen. Der Jesper, der später der grosser Beobachter menschlicher Beziehungen werden wird, wächst selbst beziehungsbefreit auf. Keiner interessiert sich dafür, wer dieser Junge ist. Von seinen Eltern, sagte Juul später, habe er viel gelernt. Vor allem, wie man es nicht machen sollte. Seine Eltern waren zwei ziemlich gute schlechte Vorbilder.

Jesper sucht sich seinen Platz in der Peripherie der Familie, flieht in ein mentales Exil. Kein angenehmer Platz, aber ein guter Platz um ein guter Beobachter zu werden. Nach dem Realschulabschluss – die Mutter hatte mit dem Baumarkt um die Ecke gerade eine Lehre eingefädelt – flieht er mit 16 Jahren als Hilfskoch auf See.

Sein Weg in die Familientherapie geht Umwege, er arbeitet als Bauarbeiter, als Kellner, als Barkeeper, studiert Religionsgeschichte auf Lehramt. Seine erste richtige Stelle führt ihn mit verhaltensauffälligen Mädchen und Jungen zusammen. Er merkt schnell: Nicht die Jugendlichen sind unerreichbar, unsere Arme sind zu kurz. Statt missratene Kinder reparieren zu wollen, muss man die Eltern einbeziehen. Dieser Aufgabe widmete er sich, nahm dabei vielleicht die Arbeit wichtiger als das Leben selbst. «Meine beiden Frauen, mit denen ich verheiratet war», schrieb er einmal, «werden dem sicherlich zustimmen.» Im Kochen und Essen findet er Erholung. Manche, die mit ihm gearbeitet haben, haben davon ein Rezept ins eigene Repertoire übernommen («Spargel à la Jesper» zum Beipsiel, mit gerösteten Walnüssen und grob geriebenem Parmesan).

Er wusste um die Kraft von Worten. Statt Stiefmutter oder -vater schrieb er von Bonus-Eltern. Die Pubertät nannte er schon mal Payback-Zeit. Und wenn es keine eigenen Worte gab, erfand er sie: «Persönliche Sprache», «Selbstgefühl», «autonome Kinder» und vor allem «Gleichwürdigkeit», sein grosser Begriff, der Augenhöhe jenseits von Macht einfängt und die Grundbedingung darstellt, sich ernstgenommen und gemeint zu fühlen. Fürsorglichkeiten waren ihm lästig, untergraben sein Konzept der persönlichen Verantwortung. Wenn er hustete, im Seminar mit Therapeuten etwa, und ihm von allen Seiten Lutschbonbons angeboten wurden, antwortete er mit seinem heiseren kathartischen Lachen: «Wie viele Mamis!»

Von Krankheit gequält

Zuletzt hat er das, was er jahrzehntelang als fatale Grundstimmung von Kindheit beschrieb, noch mal am eigenen Körper erlebt: Das Gefühl, dass andere bestimmen, was gut für einen ist. Die Machtlosigkeit, dieses Ausgeliefertsein erlebte er als Kranker. 2012 brach er bei einem Vortrag in Ljubljana zusammen. Transverse Myelitis, eine Autoimmunkrankheit lähmte ihn seitdem brustabwärts. Dazu quälten ihn unberechenbare Schmerzen.

Mit 64 Jahren verliert Jesper Juul nach Komplikationen bei einem Luftröhrenschnitt seine Stimme. Er, der international Vortragsreisende, der grosse Sender, an dessen Lippen Jahrzehnte lang Millionen von Eltern hängen, war plötzlich mundtot, dreieinhalb Jahre lang. Als ihn eine Therapeutenkollegin gemeinsam mit ihrer Teenager-Tochter danach im Krankenhaus besucht und die Tochter nach dieser Zeit fragt, nach dieser Stille, antwortet Juul: «Man merkt, dass es gar nicht so viel zu sagen gibt.»

Wer ihn live erlebt hat, war vielleicht von den Pausen irritiert. Er hörte zu, oft mit geschlossenen Augen, liess die Worte durch sich hindurch sickern, die Para-Juul-Antennen voll auf Empfang. Auf grosser Bühne, wenn er fast verwachsen mit dem Sessel, eine Publikumsfrage in sich aufsog, anschliessend das Wasserglas nahm, trank, einatmete, ausatmete - und dann erst zur Antwort ansetzte: auf den Punkt, knapp und unverpackt, nie statisch. Immer überraschend, inspirierend, oft zwei Ecken weiter. Er war nahbar («Ich war ein furchtbarer Vater»), Unsicherheiten waren ihm sympathisch («Die besten Eltern, die ich kenne, machen 20 Fehler pro Tag»).

Was er nicht gelten liess, war, sich einzurichten in der Unzufriedenheit - so wie sein Vater. «Wer viel isst», sagte er, dessen Markenzeichen auch sein gewaltiger Bauch war, «wird wahrscheinlich dick.» Dass es leicht sei, sich zu ändern, habe nie jemand behauptet. «Eltern zu sein ist schwierig – seit Jesus Christus.»

Am Donnerstag ist Jesper Juul im Alter von 71 Jahren in seiner Wohnung in Odder nahe Aarhus gestorben.

Kulturredaktorin Alexandra Kedves führte letztes Jahr ein ausführliches Interview mit Jesper Juul. Hier gehts zum Gespräch.

Kulturredaktor Philippe Zweifel besprach Juuls Autobiographie. Hier gehts zur Rezension (Abo+).

Erstellt: 26.07.2019, 12:01 Uhr

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