Der Discountdetektiv und die Streichwurstpromis

Krimi der Woche: Scharfe Beobachtungen und witzige Reflexionen prägen den Basler Krimi «Uferschnee» von Wolfgang Bortlik.

Wolfgang Bortlik war einst Punker, gab eine anarchistische Zeitschrift heraus und schrieb Sportgedichte. Heute lebt der gebürtige Münchner in Riehen.

Wolfgang Bortlik war einst Punker, gab eine anarchistische Zeitschrift heraus und schrieb Sportgedichte. Heute lebt der gebürtige Münchner in Riehen. Bild: Rolf Spriessler/Keystone

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Der erste Satz
Mister X schimpfte lautlos in sich hinein.

Das Buch
«Hauptsache Lokalkolorit, Hauptsache lustig», fasste der Wiener «Standard» unlängst das Rezept für den sogenannten Regionalkrimi zusammen. Die vor allem von ein paar spezialisierten Verlagen auf die lokalen Märkte geworfenen Titel richten sich an ein Publikum in der jeweiligen Region. Wer von einem Buch mehr erwartet, als dass darin jene Hausecken vorkommen, die er kennt, kann meist wenig damit anfangen. Natürlich gibt es Ausnahmen, doch die zu finden ist ob der schieren Menge solcher Krimis nicht so einfach. Da ist man froh, wenn man im grossen Programm eines einschlägigen Verlags einen bekannten Namen entdeckt: Wolfgang Bortlik. «Uferschnee» ist schon sein dritter Krimi bei diesem Verlag.

Der in Basel lebende gebürtige Münchner debütierte vor 20 Jahren mit «Wurst & Spiele» als Romancier; der muntere Roman über eine rebellische Jugend ist mir bis heute in bester Erinnerung. Seine früheren Basler Krimis mit «Discountdetektiv» Melchior Fischer und Kommissär Franz Gsöllpointner, einem bayerischen Zuwanderer, habe ich nicht gelesen; ich begegnete diesen befreundeten Typen, die zusammen Fussball spielen, hier zum ersten Mal.

Ein toter holländischer Rheinschiffer am Ufer, offenbar ein Kokainkurier, löst allerlei Hektik aus. Bei den Empfängern der in einer grossen, blauen Ikea-Tasche verstauten Lieferung, von der zweieinhalb Kilo fehlen, ebenso wie bei der Polizei. Und dann sind nicht nur bessere Basler Kreise darin verstrickt, sondern auch der Freund von Fischers Tochter.

Der kriminelle Fall ist hier aber gar nicht so wichtig. Er dient Bortlik vor allem dazu, allerlei Beobachtungen und Assoziationen zu den Zuständen im Land und vor allem in der Region loszuwerden. Und sich mit trockenem Humor seinen verschiedenen Leidenschaften zu widmen, etwa für frühe Punk-Bands, die Klassiker des Anarchismus, den Literaturbetrieb und für Fussball. Dies lässt man sich gerne gefallen, weil Bortlik das nicht nur sehr geistreich, sondern auch sprachmächtig tut. Niemand sonst liefert Stabreime wie «krachmachende, knackmahlende, kackteure Kaffeemaschine». Oder analysiert das helvetische TV-Programm punktgenau auf wenigen Zeilen: «Der Staatssender strahlte nach wie vor einen hölzernen Mix aus Auftritten der hiesigen Streichwurstprominenz, heimatfester Unterhaltung, sensitiven Streichelsendungen und gleichgeschalteter Politinformation aus. Und ab und zu ein Fussballspiel. Zum Glück!»

«Uferschnee» mag nicht der nervenzerfetzend spannende Krimi sein, doch mit witzigen Reflexionen und klugen Bemerkungen bietet er weit mehr als nur Lokalkolorit und Lustiges.

Die Wertung

Der Autor
Wolfgang Bortlik, geboren 1952 in München, kam mit seiner Familie als 13-Jähriger in die tiefe Schweizer Provinz: in das obere Wynental im Aargau. Er studierte, ohne Abschluss, Geschichte, Soziologie und Publizistik an den Universitäten Zürich und München. Danach arbeitete er im sogenannten Zwischenbuchhandel. In den 1980ern gehörte er zu den führenden Figuren in der Aarauer Underground-Kulturszene. Er war Sänger und Schlagzeuger bei verschiedenen Bands, darunter die Kult-Punk-Combo Bermuda Idiots, gab die anarchistische Zeitschrift «Alpenzeiger» heraus und betrieb die Buchhandlung und Galerie Zum Goldenen Kalb. 1981 war er Mitgründer des Zürcher Verlags Edition Moderne, dessen literarisches Programm er verantwortete; heute gibt der Verlag ausschliesslich Comics heraus. Bortlik schrieb nicht nur für den «Alpenzeiger», sondern im Lauf der Jahre auch für zahlreiche weitere Medien vom Comic-Magazin «Strapazin» bis zu «20 Minuten». Für die «NZZ am Sonntag» schrieb er während mehrerer Jahre wöchentlich ein Sportgedicht. 1998 veröffentlichte er seinen ersten Roman «Wurst & Spiele» (Nautilus, Hamburg). Nicht nur da war Fussball ein nicht unwichtiges Thema. Dieser Sportart widmete Bortlik mehrere Publikationen, darunter der Gedichtband «Am Ball ist immer der Erste» (Limmat-Verlag, Zürich 2006) und das Sachbuch «Hopp Schwiiz. Fussball in der Schweiz oder die Kunst der ehrenvollen Niederlage» (Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008). «Uferschnee» ist sein achter Roman; er wurde vom Basler Literaturkredit gefördert. 1993 war Bortlik von Aarau nach Basel gezogen, wo er vor allem als Hausmann, Autor und Fussballtrainer tätig war. Heute lebt er in Riehen.

Wolfgang Bortlik: «Uferschnee». Gmeiner, Messkirch 2019. 251 S., ca. 20 Fr.

Lesungen: 21.3., Paranoia City, Zürich; 4.4., Garage, Aarau; 9.5., Kellertheater, Riehen

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.03.2019, 13:25 Uhr

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