Der emeritierte Papst rechtfertigt sich

Ohne jeden Druck sei sein Rücktritt zustande gekommen, sagt der frühere Papst Benedikt XVI. in dem soeben erschienenen Buch «Letzte Gespräche». Einiges jedoch spricht dagegen.

Papst Benedikt XVI. 2010 vor der traditionellen Messe im portugiesischen Fatima. Foto: Pierre-Philippe Marcou (AFP)

Papst Benedikt XVI. 2010 vor der traditionellen Messe im portugiesischen Fatima. Foto: Pierre-Philippe Marcou (AFP)

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Ein Papst blickt auf seine Regierungszeit zurück, rückt seine Entscheidungen ins rechte Licht und zieht Bilanz. Das ist absolut ungewöhnlich – genauso wie der Rücktritt vor dreieinhalb Jahren. Joseph Ratzingers Privatsekretär Georg Gänswein ist gestern Montag eigens nach München gereist, um den angeblich letzten Interviewband mit seinem Chef anzupreisen. In den Gesprächen mit Peter Seewald kommt der 89-jährige Benedikt mitunter sympathisch rüber. Gerade dann, wenn er sich selbstkritisch zeigt: Er habe keine gute Menschenkennt­nis gehabt, räumt er etwa ein. «Das praktische Regieren» sei eher seine Schwäche ­gewesen.

Man erfährt auch sonst viel Interessantes: dass er seit langem einen Herzschrittmacher hat und auf einem Auge blind ist. Dass er Wladimir Putin als Menschen der Macht, aber auch als einen vom Glauben berührten Mann kennen gelernt hat. Höchst aufschlussreich auch, was Benedikt zu seinem einstigen Professorenkollegen Hans Küng sagt: Dieser habe sich nach dem Konzil theologisch radikalisiert – «da konnte, durfte ich nicht mitmachen». Dem Kommentar seines Gesprächspartners Peter Seewald, Ratzinger habe seinen negativen Ruf wesentlich dem Schweizer Theologen zu verdanken, widerspricht er nicht. Nur halbherzig korrigiert er Küngs Meinung, die Studentenrevolte von 1968 an der Uni Tübingen sei für ihn ein Trauma gewesen. Damals habe er tatsächlich «dramatisch erlebt, welcher Terror da war».

«Blödsinniger» Fall Williamson

Selbstredend nutzt der deutsche Papst die «Letzten Gespräche», um sich zu rechtfertigen. Er weist jede Schuld an seinem pannenanfälligen neunjährigen Pontifikat von sich. So besteht er darauf, effizient auf die Missbrauchsfälle durch Priester an Kindern reagiert zu haben. Vor allem im «blödsinnigen Fall Williamson» bestreitet er jede Verantwortung und schanzt sie der päpstlichen Gesprächskommission zu. Unfassbar und unbegreiflich sei es gewesen, dass diese ihn nicht vor dem Holocaust-Leugner Richard Williamson gewarnt habe, als er sich 2009 mit den vier exkommuni­zierten Traditionalisten-Bischöfen ausgesöhnt habe. Das sei eine Handhabe für seine Feinde gewesen und habe eine «riesige Propagandaschlacht» gegen ihn ausgelöst.

Am meisten interessiert natürlich Benedikts singulärer Rücktritt Anfang 2013. Er betont, allein das Schwinden seiner Kräfte sei dafür ausschlaggebend gewesen. Im August 2012, nach seiner anstrengenden Reise nach Mexiko und Kuba, sei es ihm nicht gut gegangen. Er habe gemerkt, dass er den für Sommer 2013 anberaumten Welt­jugendtag in Rio de Janeiro wohl nicht mehr durchstehe. Der Behauptung, die Enthüllungen durch Vatileaks, durch den Datenklau vom päpstlichen Schreibtisch, hätten ihn zum Rücktritt gezwungen, widerspricht er vehement. Es habe keinen Druck gegeben und keine Flucht. «Man darf nie weggehen, wenn es ein Davonlaufen ist.» Und: «Niemand hat mich zu erpressen versucht.»

Franziskus widerspricht

Der amtierende Papst sieht das anders: Der Interviewband war schon abgeschlossen, als Franziskus im Juli gegenüber der argentinischen Zeitung «La Nacion» sagte: «Benedikts Amtsverzicht hat alle Probleme der Kirche sichtbar gemacht. Sein Rücktritt hatte nichts mit Persönlichem zu tun. Es war seine letzte Regierungshandlung.» Mit dieser zu Benedikts Aussage diametral entgegengesetzten Lesart des Rücktritts hat Franziskus die Spekulationen von Vatikanisten und Journalisten neu genährt, sein Vorgänger könnte unter Druck gesetzt worden sein, vom Stuhl Petri zu steigen.

Tatsächlich machte nach der Demission im hohen Klerus und bei einigen Journalisten ein Dokument aus dem Konvolut Vatileaks die Runde, das den Titel «La cordata omosessuale in Vaticano» («Homosexuelle Seilschaft im Vatikan») trägt. Verfasst von einem früheren Mitarbeiter des Staatssekretariats, werden darin von diesem unter dem Pseudonym Michele degli Archangeli mit Initialen eine Reihe von papstnahen Mitarbeitern genannt, die in Rom Kneipen und Saunen für Schwule besucht hätten und mit Gleichgesinnten in deutschen und Schweizer Städten vernetzt gewesen seien. Dieses Dokument sei Benedikt nur wenige Tage vor dem Rücktritt zugespielt worden.

Der Philosoph Gottes

Franziskus hat dann alsbald die Existenz einer Gaylobby an der Kurie bestätigt. Benedikt hingegen bleibt im Interviewband schwammig: «Es wurde mir in der Tat eine Gruppe angezeigt, die haben wir inzwischen aufgelöst . . . eine kleine Gruppe, vier oder fünf Leute vielleicht. Ob sich wieder was bildet, weiss ich nicht. Jedenfalls ist es nicht so, dass es von solchen Sachen wimmeln würde.»

Man fragt sich, wie viel Objektivität man diesem Buch zubilligen darf – zumal es Autor Peter Seewald, dem von Ratzinger bekehrten früheren Marxisten, um Hagiografie geht. Im pathetischen Vorwort nimmt er sogar eine Heiligsprechung Benedikts vorweg. Er nennt ihn den «Philosophen Gottes», einen «Hochbegabten», der «das Fundament der Glaubenslehre für das 3. Jahrtausend» geschaffen habe. Für Seewald ist der Papst emeritus ein «Erneuerer des Glaubens», «einer der bedeutendsten Päpste überhaupt», ein «Kirchenlehrer der Moderne, wie es ihn nicht mehr geben wird», ja ein «letzter Vertreter des Deutschen Genius».

Viele Jahre lang sei das Pontifikat des Deutschen «ein einziges Hosianna» gewesen, urteilt Seewald – bis führende Pressehäuser zum pausenlosen Papst-Bashing geblasen hätten. Das vom emeritierten Papst freigegebene Buch soll ganz offensichtlich dessen Negativimage korrigieren.

Benedikt XVI.: Letzte Gespräche. Mit Peter Seewald. Droemer-Verlag, München 2016. 286S., ca. 29 Fr.

Erstellt: 12.09.2016, 23:17 Uhr

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