Der Galeerensträfling der Geschichte

Der «Roman eines Schicksallosen» war sein Lebensbuch: Der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész ist 86-jährig in Budapest gestorben. Ein Nachruf.

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Kein eigenes Schicksal zu haben, nur ein fremdes, ideologisch aufgezwungenes, war für Imre Kertész die Tragödie des zwanzigsten Jahrhunderts und die eigene. Sein Haupt- und, wenn man so sagen darf, Schicksalsbuch, der autobiographisch getönte Bericht eines fünfzehnjährigen KZ-Überlebenden, heisst «Roman eines Schicksallosen», und im Grunde hat Kertész nur diesen einen Roman geschrieben.

Alle anderen, von «Fiasko» bis «Kaddisch für ein nicht geborenes Kind», sind nur die düsteren, kafkaesk verschachtelten Seitenaltäre seines Auschwitz-Triptychons. Was er bis dahin geschrieben hatte, waren Brotarbeiten wie Musical-Libretti oder Lustspiele, Übersetzungen aus dem Deutschen ins Ungarische (Nietzsche, Freud, Wittgenstein, Hofmannsthal, Kafka, Joseph Roth, Schnitzler, Canetti) und Tagebücher, in denen er, immer mit dem Rücken zu Geschichte und Gesellschaft, Rechenschaft über sein widerspenstiges Denken und Nicht-Leben ablegte; was danach noch kam, waren in der Hauptsache Erläuterungen und kleinere Erzählungen, Essays, Reden und Reisenotizen. Kertész hatte nur ein Thema. Es war biografisch grundiert: Wegen seiner jüdischen Abstammung wurde er im Juli 1944 – da war er 14 Jahre alt – verhaftet; er kam über Auschwitz nach Buchenwald und in ein Aussenlager bei Zeitz. Aber es war von grundsätzlicher Bedeutung und umschloss die wichtigsten Fragen des 20. Jahrhunderts: Wie konnte es zum Zivilisationsbruch Auschwitz kommen? Wie kann man, zum Juden gemacht, gefoltert und gedemütigt, als Mensch überleben? Und vor allem: Wie können wir die Erinnerung daran wach halten und immer wieder produktiv machen?

Ganz in der messianischen Tradition des osteuropäischen Judentums (mit dem er sonst wenig zu tun hatte), versuchte Kertész das Irrationale nie bloss als ewige Schande der europäischen Kultur, sondern immer auch als eine «besonders grausame Form der Gnade» zu deuten, ein Unheil, das Hoffnung auf «Erlösung» berge. Vorher aber musste er erst einmal eine Sprache für den Stoff seines Lebens finden. Wenn Auschwitz «ausschliesslich als Literatur, nicht als Realität» vorstellbar war, musste er es schreibend neu erfinden, zu «seinem» Auschwitz machen. Kertész beschrieb diesen Prozess einmal als «das konsequente Auszehren meiner Erinnerungen im Interesse einer künstlichen – wenn man so will künstlerischen - Formel».

Er hatte sich nie Illusionen gemacht

Als der «Roman eines Schicksallosen» dann 1975 in Ungarn erschien – von 1960 bis 1973 hatte er daran gearbeitet –, waren nicht nur die kommunistischen Kulturfunktionäre irritiert: Kertész beschrieb seine Odyssee durch die Lager mit dem Blick eines naiven, neugierigen Kindes, das seine Demütigung in einer Art von erzwungenem Einverständnis als Abenteuerurlaub, Selbsterfahrung und manchmal sogar als Glück erlebt. Der fünfzehnjährige György will ein «guter Häftling» sein, ein verlässlicher Kollaborateur bei der eigenen Peinigung, aber er will natürlich auch noch «ein bisschen leben in diesem schönen Konzentrationslager».

Es war der Verzicht auf moralische Entrüstung und Selbstmitleid, auf die eingeübten «Gesten des Darüberstehens» und Formeln des historischen Bescheidwissens, der Kertész’ Buch verstörend machte. Die erste deutsche Übersetzung 1990 ging sang- und klanglos unter; erst 1996, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Ende der Utopien, sorgte der Roman in der neuen Übersetzung der ungarisch-schweizerischen Autorin Christina Viragh für Aufsehen.

Kertész selber hatte sich nie Illusionen gemacht; darin war er ein gelehriger Schüler von Nietzsche, Camus und Cioran. Als er 1945 aus dem KZ heimkehrte, stand schon die nächste Diktatur vor der Tür. Die Zeitung, für die er 1949-1950 arbeitete, wurde zum Parteiorgan umgewandelt, Kertész musste gehen. Die Kontinuität der Unfreiheit lieferte ihm den letzten Beweis dafür, dass der Stein des Sisyphos mehr als nur eine existenzialistische Metapher war. Von den grossen Ideen der Philosophen in glücklicheren Ländern, von «Freiheit, Befreiung, grosse Katharsis usw.», konnte hinter dem Eisernen Vorhang keine Rede sein.

Leben war für Kertész aufgeschobener Selbstmord, Schreiben Überlebenstechnik: Nur in der Sprache konnte man den «Schmerz und die Absurdität der Existenz» aushalten und vielleicht, insgeheim, im Abseits, zu einem «wirklichen, von Ideologien unverfälschten, von den Verschmutzungen meines Ichs gereinigten Leben vordringen». Mit seinem düsteren Pessimismus und grimmigen Sarkasmus machte er sich in Ungarn wenig Freunde.

Den literarischen Durchbruch schaffte er schliesslich in Deutschland: Das Land der Täter wurde zu seiner zweiten Heimat. Versöhnlich im Ton, unerbittlich in der Sache, erinnerte er daran, dass es ohne Erinnerung keine Katharsis, ohne Offenhalten des Abgrunds keine Brücke in die Zukunft geben könne.

Fulminante Selbstentfesselung

Persönlich war Kertész ein durchaus umgänglicher, lebensfroher Mensch, höflich, bescheiden, humorvoll. Die Rolle des institutionalisierten Gewissens behagte ihm wenig; aber er begriff es nun einmal als seine Pflicht, Zeugnis abzulegen und Verantwortung zu übernehmen als «Medium des Geistes von Auschwitz». Die Möglichkeit des Reisens und der Begegnung nach der Wende, der späte Erfolg seines «Roman eines Schicksallosen» (das Buch wurde in 65 Sprachen übersetzt und verfilmt), die zahlreichen Auszeichnungen (darunter als Krönung 2002 der Literaturnobelpreis) waren für den «Galeerensträfling» der Geschichte späte Genugtuung und Ermutigung. Den Nobelpreis bezeichnete er als «Glückskatastrophe», über die er sich freute, die ihn aber zugleich «ersticken liess an der flaschen Ehrfurcht, der Liebe, dem Hass und der ihm nun zugedachten öffentlichen Rolle»: So steht es in «Letzte Einkehr», den 2013 erschienenen Tagebuchaufzeichnungen.

Bis in die Neunziger Jahre hatte Kertész immer nur für sich und die Schublade geschrieben, kompromisslos, abweisend, oft verbittert; jetzt begann er - auch - für andere zu schreiben. Seine schwarze Weltsicht hellte sich zunehmend auf; seine Texte wurden offener, persönlicher, zugänglicher, freilich auch weniger konzentriert und formstreng.

Staunend und manchmal selber befremdet registrierte er, etwa in «Ich - ein anderer» (1998) oder «Der Spurensucher» (2002), seinen Erfolg; schliesslich hatte er früher einmal gesagt, «wer aus dem KZ-Stoff als Sieger, das heisst erfolgreich hervorgeht, lügt und betrügt todsicher». Mit «Liquidation» gelang ihm 2003 noch einmal eine fulminante erzählerische Selbstentfesselung. Spielerischer und souveräner denn je entfaltete er im Schlussstein seines Auschwitz-Zyklus seine alten Themen: Untergang und Überleben in der Literatur.

Er hätte das Zeug zu einem europäischen Philip Roth gehabt; aber das Schicksal hatte anderes mit ihm vor. Gestern ist Imre Kértesz im Alter von 86 Jahren in Budapest gestorben. Von 2002 bis 2012 hatte er mit seiner zweiten Frau in Berlin gelebt; seinem Heimatland stand er, auch wegen des zunehmenden Antisemitismus dort, kritisch gegenüber. 2012 ist er, an Parkinson erkrankt, nach Budapest zurückgekehrt.

Erstellt: 31.03.2016, 11:14 Uhr

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