Diese 19-Jährige schreibt einen visionären Integrationsroman

Die junge Mexikanerin Aura Xilonen erzählt in ihrem Debüt eine Einwanderergeschichte, wie es sie noch nie gab.

Mit 19 Jahren schrieb die mexikanische Schriftstellerin Aura Xilonen ein Meisterwerk. Foto: J. Falsimagne (Laif)

Mit 19 Jahren schrieb die mexikanische Schriftstellerin Aura Xilonen ein Meisterwerk. Foto: J. Falsimagne (Laif)

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Der Streit um die Mauer, die Donald Trump unbedingt bauen will, um die USA vor einem kriminellen Ansturm aus dem Süden zu bewahren, hat schon zum «Shutdown» geführt und zur präsidentiellen Erklärung, dass das Land sich im Notstand befinde. Ein ganz anderer Notstand trifft indes jene Mexikaner, die es über die Grenze geschafft haben: diskriminiert, ausgebeutet, vogelfrei für die «Migra», die ertappte Illegale zurückschafft, in der Wüste aussetzt oder gleich über den Haufen schiesst.

So erlebt es Liborio, einer dieser «Drecksmex», vielleicht 17 Jahre alt – genau weiss er es nicht –, der den Rio Bravo durchschwommen hat, kurz vor dem Verdursten von Landsleuten aufgelesen wurde und sich nach einer Zwischenstation auf einer Baumwollplantage zur nächsten Stadt durchgeschlagen hat, wo er in einer Buchhandlung jobbt. Der Chef von «Book» hat ihn eingestellt, weil er «der einzige Bewerber ist, der sicher keine Bücher klauen wird» – allzu offensichtlich ist seine Ignoranz. Er darf sogar auf dem Dachboden schlafen – quasi als Nachtwächter.

Exzentrische Wortspiele

Immerhin, lesen kann Liborio, und in den langen Nächten frisst er sich quer durchs Angebot der «Book»: Zeitschriften, kitschige Liebesromane, aber auch ein ganzes Wörterbuch und – das schiebt ihm der Chef unter, es ist Objekt einer Wette – eine Anthologie spanischer Lyrik des Goldenen Zeitalters. Das 17. Jahrhundert, das «Siglo de Oro», brachte eine Dichtung hervor, die sich um exzentrische Wortspiele und Metaphernkombinationen bemühte – sogenannte «conceptismos» oder «gongorismos».

Der Chef, selbst ein verhinderter Dichter, liebt sie, und sie wandern auch in Liborios Sprache ein und produzieren einen ganz eigenen Slang, eine sprachliche ­Promenadenmischung. Darin enthalten sind Spanisch und Englisch, ein bastardisiertes Spanglish oder «Inglenol», jede Menge Schimpfworte und Erfundenes («Mackerfacker» und «Mickerficker»), dazu gelehrte Vokabeln, die falsch angewandt oder auf verdrehte Weise kombiniert werden. Da gibt es ein «anapästisches Lachen», ein «triumvirales Bewusstsein», er schreibt «hedonistisch setze ich meinen Weg fort» oder sagt «pythagoreisch mit der Kathete seines Lächelns».

Diese eigenwillig-eigentümliche Sprache, gewissermassen das «Liborische», hat die Autorin erzähllogisch plausibel abgeleitet. Vor allem aber entspricht Liborios Idiom dem, was ihm zugeschrieben wird, ein «dreckiger Bastard» zu sein. Der Erzähler entsteht so weniger vor unseren Augen (wir erfahren nur, dass ihn die Ansässigen als «hässlich» bezeichnen, wie alle «Braunpelze»), sondern vor unseren Ohren. Er ist ein Bastard der Sprache.

Und diese Sprache ist das Ereignis eines Romans, der die allmähliche Integration Liborios auch stilistisch nachvollzieht. Im Verlauf der Erzählung gehen die «Barbarismen» zurück, und in den kursiv gesetzten Rückblenden sind sie fast ganz verschwunden. «Gringo Champ» ist ein Bildungs- und Erziehungsroman in einer zeitgenössischen Variante: Er erzählt, wie ein Junge, der dem Tod gleich mehrfach von der Schippe gesprungen ist – das erste Mal bei der Geburt, bei der die Mutter starb –, sich seinen Platz erkämpft in einer Gesellschaft, die seinesgleichen nicht dulden, ja nicht einmal wahrnehmen will.

Vom Dreckskerl zum Helden

Da er sonst nichts hat, bedient er sich seiner Fäuste – was er in den Strassenkämpfen Mexikos gelernt hat, hilft auch gegen die «Mackerfacker» diesseits des Rio Bravo. Er kann austeilen, aber auch einstecken; als ihn eine Übermacht windelweich prügelt, was er stoisch aushält, wird er gefilmt, das Video, auf Social Media hochgeladen, setzt eine Kettenreaktion in Gang. Liborio wird als Sparringspartner – oder vielmehr: Prügelknabe – einer illegalen Boxschule engagiert, bekommt später selbst ein reguläres Boxtraining. Eine Reporterin macht ihn zum Helden einer rührigen Einwandererstory. Am Schluss landet er in einem Heim für obdachlose Kinder, wo er über Spenden eine kleine Bibliothek einrichtet.

Vom «Drecksmex» zum Helden und Gutmenschen – was für eine Entwicklung! Das Märchenhafte der Story ist unverkennbar, aber auch von der Autorin ganz offen inszeniert: Liborio muss wie ein Märchenheld Prüfungen bestehen: Er muss gegen überlegene Kräfte antreten, kann auf Wunderwaffen bauen (sein Punch schickt manchen Gegner direkt ins Krankenhaus) und auf Helferfiguren, vom Heimbetreiber «Mister Abacuc» über die Reporterin «Dabbelju» bis zum Chef der «Book», einer Seele von Mensch und Liborios geistigem Erzieher, auch wenn er ihn regelmässig zusammenstaucht – mit einer unendlichen Liste von Schimpfnamen, von «finstere Filzlaus» über «analphaviehischer Strunz» bis zu «tellurischer Witzwichser».

Die wichtigste Helferfigur ist aber Aireen, die «Chica» aus dem Haus gegenüber, «barbarisch schön», die er, seit er sie das erste Mal gesehen hat («Sie hatte mir die Netzhaut zerkratzt»), erst heimlich, dann offen verehrt und die ihn, seit er sich einmal für sie geprügelt hat, freundlich protegiert. Nicht mehr, zu seinem Leidwesen.

Feindselige Zeit

Das inszeniert Märchenhafte von Liborios Bildungs- und Integrationsgeschichte macht deutlich, wie aussergewöhnlich das Gelingen ist, wie wahrscheinlicher das Scheitern. Auch die dezent gesetzten biblischen Anspielungen (Liborio liegt einmal «wie gekreuzigt» am Boden, es gibt die Szene einer liebevollen Fusswaschung) zeigen, wie bewusst die Autorin ihre Mittel einsetzt. Sie hat ihren Roman vor der Wahl Trumps zum Präsidenten geschrieben, aber er ist heute, wo um «The Wall» gekämpft wird, als gehe es um das Überleben der USA, noch aktueller geworden.

In einem Text für den Hanser-Verlag schreibt Aura Xilonen von einer «feindseligen Zeit», einer «Verschärfung der öffentlichen Politik gegenüber Migranten, Muslimen, Grünen und Roten, Schwarzen, Grauen, Cafés, Hunden und Katzen». Ihr Roman endet nicht im grauen Elend, er zeigt Auswege, Möglichkeiten. Liborio hat Glück, ein Fluchtgefährte nicht – erschossen liegt er irgendwo am Strassenrand.

Etwas Märchenhaftes umgibt schliesslich das Buch und seine blutjunge Autorin. «Gringo Champ» war eines von 392 eingereichten Manuskripten für einen Literaturpreis, den die grösste Buchhandelskette des Landes zusammen mit der mexikanischen Abteilung von Penguin Random House ausgelobt hatte. Die Jury musste verblüfft feststellen, dass das Siegermanuskript von einer unbekannten 19-Jährigen stammte.

Heute ist Aura Xilonen 23, Filmstudentin in Puebla. In der Wäscherei ihrer Grossmutter hat sie viele Einwanderergeschichten gehört, aber die Sprache, das archaisch-neologistische Span­glish, ist ihre Erfindung. Susanne Lange, eine der besten Übersetzerinnen, hat alles getan, um ein Äquivalent für dieses «Liboristisch» im Deutschen zu finden – nein: zu schaffen. Es ist ihr so gut gelungen, dass ihre Übersetzung nun auf der Shortlist zum Preis der Leipziger Buchmesse steht.

Aura Xilonen: Gringo Champ. Roman. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Hanser, München 2019. 334 S., ca. 26 Fr.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 17.03.2019, 18:31 Uhr

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