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Der Herr der Bücher

Statt Tausende Bücher mit dem Haushaltsabfall zu entsorgen, sortiert ein Fahrer der städtischen Müllentsorgung in Kolumbien sie selbst aus und verteilt sie an Bibliotheken im ganzen Land.

José Alberto Gutiérrez arbeitete mehr als 20 Jahre lang als Fahrer für die Müllentsorgung in Bogotá, der Hauptstadt von Kolumbien. Statt Bücher zu entsorgen, sortierte er sie selbst aus und verteilte sie an Bibliotheken im ganzen Land.
José Alberto Gutiérrez arbeitete mehr als 20 Jahre lang als Fahrer für die Müllentsorgung in Bogotá, der Hauptstadt von Kolumbien. Statt Bücher zu entsorgen, sortierte er sie selbst aus und verteilte sie an Bibliotheken im ganzen Land.
César Melgarejo, El Tiempo
José Alberto Gutiérrez hat in seinem kleinen Haus in einer ärmlichen Gegend von Bogotá Tausende Bücher gestapelt, die er aus dem Abfall gerettet hat.
José Alberto Gutiérrez hat in seinem kleinen Haus in einer ärmlichen Gegend von Bogotá Tausende Bücher gestapelt, die er aus dem Abfall gerettet hat.
César Melgarejo, El Tiempo
Mit seiner fahrenden Bibliothek ist José Alberto Gutiérrez in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá unterwegs, um auch Menschen, die sonst keinen Zugang zu Büchern haben, das Lesen näherzubringen.
Mit seiner fahrenden Bibliothek ist José Alberto Gutiérrez in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá unterwegs, um auch Menschen, die sonst keinen Zugang zu Büchern haben, das Lesen näherzubringen.
César Melgarejo, El Tiempo
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Von Julián Vivas Banguera, «El Tiempo», Kolumbien

«Wenn ich eines Tages ganz Kolumbien mit Büchern gefüllt habe, werde ich mich wie Odysseus fühlen, der Penelope gerettet und Ithaka vor dem Krieg bewahrt hat.» José Alberto Gutiérrez spricht gelassen. Der 55-Jährige hat die letzten 20 Jahre seines Lebens damit verbracht, mehr als 450 Bibliotheken, Schulen und Lesezentren mit Büchern zu füllen, die er aus dem Müll gerettet hat.

Indem er Bücher aus dem Abfall holt, hat der «Herr der Bücher», wie er in Bogotás dicht bewohntem Quartier La Nueva Gloria genannt wird, mehr als 22'000 Kolumbianern in unterprivilegierten, meist ländlichen Gegenden im ganzen Land geholfen, von einer besseren Zukunft zu träumen.

Wer das Haus von Gutiérrez in der kolumbianischen Hauptstadt betritt, betritt ein Labyrinth von Tausenden gestapelten Büchern auf etwa 15 Quadratmetern. Darunter sind Klassiker wie «Vom Winde verweht» von Margaret Mitchell, eine englische Ausgabe von «Der kleine Prinz» von Antoine de Saint-Exupéry und eine Sammlung der Werke des spanischen Autors Miguel de Cervantes Saavedra – alle aus dem Müll geholt.

Die Bücher tauchten hier erstmals Ende 1997 auf, als Gutiérrez den Job als Fahrer der Müllentsorgung in Bogotá bekam. Auf seiner nächtlichen Route durch den Westen der Stadt wurde ihm klar, wie nützlich all die weggeworfenen Bücher sein könnten. Gutiérrez beschloss, mithilfe seiner Frau bei sich zu Hause eine Nachbarschaftsbibliothek zu gründen.

Zehn Jahre später wurde daraus die Fundación La Fuerza de las Palabras – die Kraft-der-Wörter-Stiftung. Seitdem hat der Herr der Bücher mehr als 50'000 Bücher gerettet und verteilt – von wissenschaftlichen Texten über Literatur bis zu Abhandlungen über Unternehmertum und Medizin. Hunderte Gemeinschaftszentren und Schulen im ganzen Land haben davon profitiert.

Mehr als 450 Regionen beliefert

Das Vorgehen der Stiftung ist einfach, aber effektiv. Sie erhält Anrufe aus dem ganzen Land von Stiftern, die Bücher schenken wollen, oder von Interessenten, die Bücher suchen. Dann sortieren Gutiérrez und seine Frau die Texte je nach Empfänger – Kinderbücher, Literatur, Wissenschaft. Je nach Entfernung liefert die Organisation die Bücher in einem eigenen Fahrzeug oder sucht nach einer Finanzierung für eine schnelle Lieferung. Bisher hat die Gruppe mehr als 450 Gebiete landesweit erreicht.

Dieser Artikel ist Teil unserer Berichterstattung zum Impact Journalism Day 2018. Hier gehts zur Collection.
Dieser Artikel ist Teil unserer Berichterstattung zum Impact Journalism Day 2018. Hier gehts zur Collection.

«Das wertvollste Erbe, das wir unseren Kindern hinterlassen können, ist Bildung», sagt Gutiérrez. Dutzende der von ihm geförderten Leser haben einen höheren Bildungsweg eingeschlagen. Nur vier von zehn Schülern, die in Kolumbien Abitur machen, werden auch an der Universität einen Abschluss machen, wie Zahlen des Bildungsministeriums zeigen. Die Zahl liegt noch tiefer in sozial schwächeren Gebieten wie etwa im Stadtteil La Nueva Gloria.

Ende 2017 schickte die Stiftung fünf Kisten voller Bücher an die indigene Bevölkerung der Huitotacueimaní im Süden von Kolumbien, einem Gebiet, das von Dschungel und Flüssen geprägt ist. Wenige Tage später antwortete einer der Führer der Gemeinschaft in einer Videobotschaft, dass die indigenen Bewohner der Region auf einen Besuch des Herrn der Bücher warteten – und auf weitere Bücher.

Der Herr der Bücher hat auch Dutzende Bücher von Nobelpreisträgern wie dem Kolumbianer Gabriel García Márquez oder dem Peruaner Mario Vargas Llosa. Er hat sie geliefert an eine Gruppe von ehemaligen Kämpfern der Farc, jener Guerillaorganisation, die seit 50 Jahren die Region unsicher gemacht hatte und vor kurzem ein Friedensabkommen mit der Regierung unterzeichnet hat.

Er träumt von einem Museum

Seit er im Februar seine Arbeit in einem Recyclinghof aufgegeben hat, träumen Gutiérrez und seine Familie davon, in Bogotá ein Bibliotheksmuseum zu errichten, das auch Bücher entgegennimmt und weitergibt. Auch eine Sammlung der Klassiker soll dort entstehen, sodass die wunderbare Welt des Lesens auch den Ärmsten im Land zugänglich gemacht werden kann. Nun sucht die Stiftung nach etwa 295'000 Dollar, um diesen Traum zu verwirklichen.

«Die Welt braucht mehr Initiativen wie diese», sagt Gutiérrez. «Denn in einem Gebiet, in dem es an vielen Dingen mangelt, wird ein Buch zu einem Zeichen der Hoffnung. Wenn die Menschen miteinander so umgehen würden, wie ich es in vielen Büchern gelesen habe, dann würde dieser Planet von der Liebe regiert werden.»

Aus dem Englischen übersetzt von Hans Brandt

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(«El Tiempo», Kolumbien)

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